Schellack-Ersatz erstaunt die Fachwelt

Zwickau.

Wenn über die Geschichte der Zwickauer Industrie gesprochen wird, wird selten auch die chemische Industrie erwähnt - zu Unrecht! In diesem Beitrag seien einige wichtige Firmen vorgestellt.

Die Gebrüder Steiner gründeten 1773 hinter dem Ziegelteich (neben dem Schwanenteich) eine Farben- und Siegellackfabrik. Später eröffneten sie eine Kattun- und Zeug- druckerei, die sich dadurch auszeichnete, dass sie - sachsenweit einzigartig - schon seit der Mitte der 1780er-Jahre mit Maschinendruck arbeitete. Die Farben- und Siegellackfabrik stellte 1816 den Betrieb wieder ein.

Der Bürgermeister von Zwickau und Hofrat Ferber betrieb im eigenen Hause mithilfe des Chemikers Bressel eine kleine Pastellfarbenfabrik. Ferber vereinigte sie im Jahre 1810 mit der neuerbauten chemischen Fabrik, die auf der erworbenen Kupferwiese erbaut wurde, die sich südlich von der Stadt befand, nicht weit von der Lerchenmühle entfernt. Die Anschrift lautete Schneeberger Vorstadt, ab 1875 Breithauptstraße 2. Im Jahre 1815 übernahmen der Kaufmann Friedrich Christian Houpe und das Handelshaus J. E. Devrient, beide aus Leipzig, diese chemische Fabrik. Sie trug jetzt und auch später unter den neuen Eigentümern den Namen Chemische Fabrik J. E. Devrient, Zwickau. Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen Dr. Carl Lampe aus Leipzig und Paul Maquert aus Magdeburg von Baron Haugk & Compagnie aus Leipzig (seit 1832 Eigentümer) die Firma und wandelten sie später in eine Aktiengesellschaft um.

Die Fabrik mit zwei Haupt- und sechs Nebengebäuden stand am Mühlgraben und beschäftigte 1840 etwa 50 Arbeiter. Sie stellten vor allem Farben für den Stoffdruck und die Maler her, so zum Beispiel Bleiweiß, Schweinfurter Grün, Chromgelb, Zinnfarben und rote Lacke. Zwei Wasserräder zu vier und sechs PS trieben mittels Treibriemen einige kleinere Maschinen an. Für ihre Produkte erhielt das Unternehmen mehrere Auszeichnungen, so zum Beispiel die "Große Silberne Medaille" auf der Gewerbeausstellung in Dresden (1845) und eine Belobigung auf der Industrieausstellung in München (1854). Die Chemische Fabrik J. E. Devrient wurde etwa 1929 geschlossen. Zwei Jahre später gehörte das Grundstück der Zwickauer Wohnungsbaugesellschaft. Heute befindet sich auf einem Teil des Geländes ein Fachhandel für Stahl- und Eisenprodukte.

Im Jahre 1845 zog Friedrich Christian Fikentscher (1799-1866) von Wunsiedel (Bayern) nach Zwickau um, erwarb ein geeignetes Grundstück an der Plauischen Chaussee 79 c, der späteren Reichenbacher Straße 67, wo er eine Glasfabrik gründete. Schon sein Vater Wolfgang Caspar Fikentscher hatte 1788 in Marktredwitz eine chemische Fabrik erbaut - die erste ihrer Art in Deutschland.

Die mit modernen Glasschmelzöfen aufgenommene Glasproduktion erfolgte mit Glaubersalz (Natriumsulfat), weshalb Friedrich Christian Fikentscher bis 1848 die Glasfabrik noch mit einer chemischen Fabrik vereinte. Um das für das Glaubersalz notwendige Kochsalz zu gewinnen, wurden ab 1853 täglich etwa 50 Kubikmeter Schachtwasser des Bürgerschachtes eingedampft, wobei eine Ausbeute von etwa 0,5 Tonnen Kochsalz entstand. Die Energie lieferten die Flammengase der Koksöfen, die ebenfalls von der Firma Fikentscher betrieben wurden. Die chemische Abteilung der Fabrik stellte Alaun, Chlorkalk, Glaubersalz, Quecksilberpräparate, Salzsäure, Schwefelsäure, Wasserglas, Weinsteinsäure und "leuchtend roten" Zinnober her.

Der Fabrikant Hermann Zwieger, der 1878 ein Kommissions- und Agenturgeschäft am Schloßgrabenweg 11 führte und dort bald darauf eine Pflanzenleimfabrik gründete, zog wahrscheinlich 1889 wegen Platzmangels in die Reichenbacher Straße 57. Dort ließ er eine Fabrik für chemische Appreturpräparate (Appretur ist die veredelnde Behandlung von Materialien, zum Beispiel Stoffen) und eine Villa bauen. Er konnte sich an seiner Firma nicht lange erfreuen. Der Sohn eines Klempnermeisters und Kaufmann Ernst Robert Louis Blumer (1860-1929) erwarb am 30. September 1891 die auch als chemische Fabrik bezeichnete Leimkocherei und zog am 1. Juni 1892 aus einer Wohnung in der Wilhelmstraße 10 (heute Hauptstraße) in die Villa an der Reichenbacher Straße 57 um. Blumer führte die Fabrik unter dem Namen H. Zwieger Nachf., Inh. Louis Blumer (ab 17. April 1903 Firma Louis Blumer), fort. Er stellte am 1. Mai 1900 den Sohn eines Schweizer Ingenieurs, den in Leipzig geborenen Chemikers Carl Heinrich Meyer (1873-1945), ein. Meyer beschäftigte sich bis Ende 1912 in der Fabrik Blumers mit der Weiterentwicklung der technischen Phenolharze, für die später die Bezeichnung Phenoplaste gebräuchlich wurde. Ihm gelang es im Jahre 1902, ein harzartiges, in Wasser lösliches Produkt herzustellen, dem der Name Laccain gegeben wurde. Am 13. April 1902 wurde das "Verfahren zur Herstellung eines dem Schellack ähnlichen Kondensationsproduktes aus Phenol und Formaldehyd" zum Patent angemeldet und am 2. Juli 1906 veröffentlicht. Außerdem wurde das Patent auch in den acht wichtigsten Ländern Europas angemeldet und erteilt.

Schellack ist das Stoffwechselprodukt der Lackschildlaus (kenia lacca), die auf den harzreichen Bäumen von Indien bis Thailand beheimatet ist. Diese Läuse scheiden Schellack aus, der auf den Blättern eine Stärke bis zehn Millimeter annehmen kann. Dieser Schellack dient unter anderem für die Herstellung von Möbelpolitur, Firnis, Tusche, Haarspray und früher als Oberschicht der Grammofonplatten. Wegen der vielfältigen Verwendung des Schellacks wurde er immer teurer, und so horchte die Fachwelt auf, als die Firma Blumer den "rein synthetischen Schellack-Ersatz" präsentierte. Der unangenehme Geruch der neuen Möbelpolitur, das Nachdunkeln des Möbels und die Unverträglichkeit des Laccains mit Salmiakreiniger führten dazu, dass dieser neue Kunststoff bald wieder aus den Regalen der Geschäfte verschwand.

Nachfolgeunternehmen der Firma Louis Blumer wurde der VEB Lackkunstharz- und Lackfabrik Zwickau (Reichenbacher Straße 53/59). Dank der guten Nachfrage nach Chemieprodukten wurde zur Erweiterung der Kapazitäten ab 1966 in der Flurstraße ein neues Betriebsgelände erschlossen und nach modernen Aspekten bebaut. Etwa 1953/54 wurde das alte Betriebsgelände dem VEB Grubenlampenwerk Zwickau zugeordnet und in den 1990er-Jahren abgebrochen. Dem VEB Lackkunstharz- und Lackfabrik Zwickau, der am ehemaligen Hilfe-Gottes-Schachtgleis gelegene und wirtschaftlich wichtigste Bahnkunde, wurde ab 1. Januar 1966 die 1857 in Betrieb genommene Bürgerschachtkohlebahn als Industriebahn mit 15Arbeitskräften und 22 Werkanschlüssen vom VEB Steinkohlewerk "August Bebel" übertragen. Die Industriebahn war bis etwa 2003 noch in Betrieb.

Nach fünf Jahren Bauzeit nahm der VEB Lackkunstharz- und Lackfabrik (später VEB Lackharz Zwickau) im Galgengrund (Flurstraße 37) im Jahre 1970 eine neue Produktionsanlage in Betrieb. Die Aktivitäten umfassten Entwicklung, Produktion und Vertrieb von Kunstharzen, fettsäuremodifizierte Polykondensations- und Polyesterharzen mit vorzugsweiser Anwendung für Lacke und Anstrichstoffe.

Am 1. Mai 1992 ging die Lackharz Zwickau GmbH in den Besitz der Cray Valley Kunstharze GmbH über. Am 19. Oktober 1995 beendete die Cray Valley Kunstharze GmbH ihre Investitionen in die Erweiterung der Kapazitäten für Acrylatharze einschließlich Umweltschutzmaßnahmen in Höhe von 40 Millionen Mark. Bis 1998 wurden zusätzlich 15 Millionen Mark in einen neuen Anlagenkomplex investiert und damit die heutige Betriebskapazität geschaffen. Im Jahre 2011 übernahm die französische Gruppe Arkema den Produktionsstandort in der Flurstraße 37 mit 120 Mitarbeitern. Die heutige Betriebskapazität beträgt etwa 83.000 Tonnen pro Jahr an Acrylatharz und Dispersionen. Mit diesem Unternehmen und der 1868 gegründeten Fabrik Alwin Aschenborn (Asphalt und Dachpappe, heute Bornit-Werk Aschenborn GmbH, Reichenbacher Straße 117) werden heute in Zwickau die Traditionen der chemischen Industrie fortgeführt.

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