"Zur Grünen Tanne" war das erste Hotel

Neun Jahrhunderte, erzählt in einem Jahr - Teil 75: Hotels in der Stadt

Zwickau.

Der Begriff "Hotel" wurde in Mitteleuropa im Verlauf des 19.Jahrhunderts für einen modernen gewerblichen Verpflegungs- und Übernachtungsbetrieb eingeführt. Bis dahin war nur der Begriff "Gasthof" gebräuchlich. Drei bekannte Hotels in Zwickau sollen näher vorgestellt werden.

Das wohl erste Hotel in Zwickau war das "Zur Grünen Tanne" am Kornmarkt 4. Im Jahr 1700 richtete der Stadtvogt und Advokat Karl Christian Weise in dem Haus zunächst einen Gasthof ein. Im April 1861 beantragte die damalige Eigentümerin des Gasthofes, Henriette verw. Winkler, einen Um- und Ausbau ihrer Lokalität. Der Entwurf des Architekten Eduard Flechsig sah ein Gebäude in spätklassizistischem Stil vor. Am 18. März 1867 erwarb Anton Max Schubert den Gasthof, der bis 1874 in ein Hotel umgewandelt wurde. In jenem Jahr kam noch das Eckhaus zur Schulstraße (heute Peter-Breuer-Straße) zum Hotel hinzu, das jetzt eine einheitliche Fassade und die Hausnummer 4 erhielt.


Seit dem 20. Juli 1887 wurde als Besitzer des Hotels Wilhelm Penzler geführt - ein Name, der vielen Zwickauern auch heute noch geläufig sein dürfte (Gaststätte "Zum Penzler" am Dr.-Friedrichs-Ring). Am 30.August 1890 war Oswald Birkner der neue Hotelinhaber, der am 23.Juli 1897 von Karl Friedrich Störzner abgelöst wurde. Der Zustand des Hotels, das wegen mangelnder Renovierung einen immer unschöneren Anblick bot, und die wegen des Ersten Weltkriegs fehlenden Gäste ließen den Besitzer den Entschluss fassen, der Stadt Zwickau am 9. November 1919 das Hotel einschließlich Inventar für 325.000 RM anzubieten. Damit endete 1920 die Geschichte des Hotels. 13 Wohnungen wurden eingerichtet, denn es herrschte Wohnungsnot in Zwickau. Das Gebäude wurde 1984 abgebrochen, und drei Jahre später entstand an der gleichen Stelle das Technikum der Technischen Hochschule Zwickau.

Früher war das Hotel eine Einkehrstätte ersten Ranges. Besondere Höhepunkte erlebten die Zwickauer, wenn beispielsweise die sächsischen Könige Georg oder Friedrich August hier übernachteten. An solchen Tagen spielte auch die Kapelle des Königlich Sächsischen 9. Infanterie-Regimentes Nr. 133 vor dem Hotel Marschmusik. Ein anderes Ereignis ist aus dem Jahr 1835 zu vermelden. Ende des Jahres gastierte Clara Wieck im großen Saal und gab eines ihrer Klavierkonzerte.

In der Bahnhofstraße 67 (damals noch Nr. 281) eröffnete im Jahr 1866 das Hotel "Am Bahnhof", das bald nach dem Eigentümer den Namen "Wagner" erhielt. Gustav Wagner war der erste Bahnhofsgastwirt, ein Expedient und Kohlenhändler. Die Besitzer und Pächter des Hotels wechselten mehrfach. Das damals moderne Hotel "Wagner" warb vor dem Ersten Weltkrieg mit elektrischem Licht und Zentralheizung, was durchaus noch nicht überall Standard war. Wegen seiner günstigen Lage war das Haus stets gut besucht. Das Hotel "Wagner" - der Name des Gründers blieb über die Jahrzehnte erhalten - wurde 1972 nach der Übernahme durch die Handelsorganisation (HO) in "Stadt Zwickau" umgewandelt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde das Hotel geschlossen und soll nun bald abgebrochen werden.

Um die Jahrhundertwende ging es noch gemütlich an einer der heute verkehrsreichsten Stellen Zwickaus zu. Hier treffen sich die Bahnhofstraße, die Reichenbacher Straße und die heutige Humboldtstraße. Der kleine Platz vor dem Hotel hieß damals noch Schumannplatz. Er hat heute keinen Namen mehr. Das Hotel "Zum Deutschen Kaiser" am Schumannplatz 8 wurde nach einjähriger Bauzeit 1871 feierlich eröffnet. Es gehörte Friedrich Robert Junghändel. Nach seinem Tode (um 1891) verkaufte wahrscheinlich seine Witwe Emma Johanna der Familie Rust das Hotel.

Vom 24. Juni bis 22. Juli 1877 fand im Hotel und in einer Halle auf der nahen Ziegelwiese am Schwanenteich eine Gewerbe- und Industrieausstellung statt, die von etwa 35.000 Zuschauern besucht wurde. Auch während der Ausstellungen in den Jahren 1900, 1906 und 1924 scheint das Hotel nicht schlecht verdient zu haben. Am 15. Januar 1946 eröffneten Vertreter der Kommune und der sowjetischen Besatzungsmacht die "Vorschau für die Ausstellung Westsachsen - Industrie, Handel, Gewerbe". 172 Aussteller hatten ihre Stände im Zeichen der Umstellung von Rüstungs- auf Konsumprodukte aufgebaut. Seit diesem Tag hieß das Hotel "Deutscher Kaiser" "Volkshaus". Die Familie Rust war scheinbar vor den sowjetischen Truppen geflüchtet.

In der Folge diente das "Volkshaus" des Öfteren für politische und kulturelle Veranstaltungen. Seit dem 18. Februar 1955 quartierte die Stadtverwaltung hier Lehrlinge der späteren Stadtdirektion Straßenwesen ein. Damit ging eine Umfunktionierung des Gebäudes zu einem Lehrlingswohnheim einher. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde das Gebäude abgebrochen und ein Parkhaus der Volksbank errichtet.

Das Hotel "Zur Glocke" wurde 1914 in der Hermannstraße 13 (später Robert-Blum-Straße) eröffnet. Es besaß 15 Zimmer mit 20 Betten. Eigentümer war Erwin Neumerkel. Er war in den 1930er Jahren Vorsitzender der Zwickauer Gastwirtsinnung. Seine Tochter Hildegard führte das Hotel nach Erwins Tod 1954 bis 1968 weiter. 1969 ging das Gebäude auf Veranlassung des Rates der Stadt Zwickau durch Verkauf an den VEB Grubenlampenwerke Zwickau über.


Fast 40 Hotels - eine Aufzählung

Achat (Leipziger Str. 180) ab 1993 - Alte Münze (Hauptmarkt 6) ab 2014 - Apart (Robert-Müller-Straße 1 A) ab 1995 - Bayerischer Hof (Bahnhofstraße 48) ab 1882/1992 - Best Western Amedia (Olzmannstraße 57) ab 2014 (ab 1996 Best Westn Airport; um 2009 Amedia) - Brauhaus (Peter-Breuer-Straße 12) ab 2001 - Bürgerhof (Spiegelstraße 65) 1930 bis 1945

(Logierhaus Pöhlmann 1902 bis 1914; Härtel 1920 bis 1928; Garküche 1928 bis 1930) - Etap (Rudolf-Ehrlich-Straße 9) ab 1996 (Ibis Budget ab 2014) - First Inn (Kornmarkt 9) ab 2017 (Kaiserhalle 1893 bis 1895; Ernst 1895 bis 1914; Zentralhotel 1914 bis 1922; Stadtkeller 1925 bis 1936; Holiday Inn ab 1997) - Garni (Wildenfelser Straße 20 A) 2000/2003 - Glocke (Hermannstraße 13) 1914 bis 1968 (Stiers Hotel 1906 bis 1914) - Haus Marienthal (Marienthaler Straße 122) ab 1993 -

Kästner (Am Bahnhof 3) 1879 bis 1938) - Merkur (Bahnhofstraße 58) ab 1912 (Merseburger 1882 bis 1912) - Monopol (Bahnhofstraße 62) 1912/1945 (Am Hauptbahnhof1987/1993) - Park Eckersbach (Trillerplatz 1 ab 1997 - Pickert (Innere Schneeberger Straße 20) 1900 bis 1904 (Erzgebirgischer Hof ab 1904) -

Pränzkow (Salutstraße 51) ab 1992 - Roitsch (Hermannstraße 16) 1888 bis 1900 (Schwan 1904 bis 1920; Schmidt 1902) - Rose (Mittelstraße 15) 1900 bis 1922 - Sport-Hotel (Nordplatz 1) 1934 bis 1945/1954 (Schiller Mühlpfortstr. 78/Nordplatz 1 1930 bis 1934) - Stadt Straßburg (Innere Leipziger Straße 45) 1890 bis 1938 - Stadt Wien (Alter Steinweg 45) 1938 bis 1945) - Wagner (Bahnhofstraße 67) 1866 bis 1972 (Stadt Zwickau 1972 bis um 1994) - Zum Bär (Äußere Plauensche Straße 11)1591 bis 1938 - Zum Deutschen Kaiser (Schumannplatz 8) 1871 bis 1946 (Volkshaus Zwickau 1946 bis 1954) - Zum Goldenen Adler (Innere Leipziger Straße 25) 1879 bis um 1915 - Zum Goldenen Anker (Hauptmarkt 26) vor 1847 bis um 1991 (Gasthof Zum Goldenen Anker 1802 bis um 1868) - Zum Goldenen Engel (Marienstraße 17) 1888 bis um 1915 (Zum Wettiner Hof 1883 bis 1888) - Zum Goldenen Löwen (Innere Schneeberger Straße 2) 1772 bis 1890 (Zum Rautenkranz ab 1635; Zum Weißen Hirsch Innere Schneeberger Straße 6/Königstraße 2 A 1785 bis 1945) - Zur Grünen Tanne (Kornmarkt 4) 1860 bis 1921 (Gasthof Zur Grünen Tanne 1700 bis 1860) - Zur Post (Marienplatz 1) vor 1865 bis 1904 (Zur Goldenen Gans vor 1693 bis um 1839; Gasthof Zur Post ab 1841) - Zur Tanne (Karl-Keil-Straße 42) 1928 bis um 2014) - Zur Weintraube (Innere Leipziger Straße 5)vor 1847 bis 1922) - Zwickauer Hof (Jahnstraße 30) 1934 bis 1945/ab 1959.

Die Namen der Hotels wechselten oft.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...