Zwei Welten auf 500 Metern

Ein halber Kilometer lag am Freitagabend zwischen einem "Spontankonzert für alle" und einer Gegenveranstaltung der Rechtsextremen. Wo die einen über angeblich deutsche Gebiete in Osteuropa sinnierten, feierten die anderen ein Zwickau, in dem jeder Platz hat.

Zwickau.

Zwei junge Männer sitzen auf einer kleinen Mauer am Ernst-Schneller-Platz im Zwickauer Stadtteil Pölbitz, 15 und 17 Jahre alt. Sie wohnen um die Ecke, wegen der rechten Demonstration ein paar Meter entfernt sind sie aber nicht gekommen, sagen sie. Sie wollten einfach nur rausgehen. Vorne spricht gerade Torsten Graßlaub, ein gerichtsbekannter rechter Youtuber aus Zwickau, und begrüßt die Gäste. Er stimmt sie auf den Abend ein, drei Redebeiträge wird es geben, kurz vom Regen unterbrochen. Einer der Redner ist ein Mann namens Rico, der auf Youtube als "Der Preußische Adler" sendet. "Das ist schon relativer Bockmist, was die da sagen", sagt der 17-Jährige, sein Kumpel pflichtet bei: "Das meiste ist nicht wirklich korrekt."

Sanny Kujath (17) ist Mit-Organisator der rechten Veranstaltung. Für ihn ist das, was hier geschieht, freilich kein Bockmist - "wir fühlen uns angegriffen", sagt er. Angegriffen vom Spontankonzert an der Leipziger Straße. Die Initiative "Für weniger Angst" hatte in den kleinen Park gegenüber dem Dartclub eingeladen, in dem jüngst zwei Rechtsaußenkonzerte stattgefunden hatten. Auch an diesen Veranstaltungen war Kujath beteiligt, sagt er. In welcher Funktion genau, das will er nicht sagen. Er wertet den Freitagabend jedenfalls als Erfolg, auch wenn deutlich weniger Gäste zum Ernst-Schneller-Platz gekommen waren als zum Spontankonzert. "Wir haben wenig Werbung gemacht", sagt er. Rico - dem "Preußischen Adler" - hat sein erster Besuch in Zwickau jedenfalls sehr gefallen, wie er sagt. Auch wenn er im Internet ein größeres Publikum gewöhnt sei. Er betont, dass Zwickau für ihn keine ostdeutsche Stadt sei, sondern vielmehr in Mitteldeutschland liege. Die östlichen Gebiete Deutschlands, meint er, befänden sich heutzutage schließlich gar nicht mehr auf deutschem Boden - auch wenn er sie dort gern wieder hätte. Allerdings ohne Gewalt und Vertreibung, sagt er, vielmehr wolle er mit den osteuropäischen Staaten über die Rückgabe der ehemaligen preußischen Gebiete verhandeln.


500 Meter entfernt denkt niemand über den preußischen Staat nach - hier im Park an der Ecke Leipziger/Friedrich-Engels-Straße treffen sich rund 300 Menschen, hören Musik, tanzen, essen, unterhalten sich. Klingt ganz normal - eigentlich. Aber: "Vor ein paar Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen", sagt Wolfgang Wetzel. Der Zwickauer ist Grünen-Politiker und engagiert sich für eine offene, demokratische, tolerante Gesellschaft. "Ich bin heute Abend sehr glücklich." Eine Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft heraus - "das stärkt meine Zuversicht", sagt Wetzel. Und ist sich einig mit seinem politischen Gegner Gerald Otto, der für die CDU im Landtag und im Stadtrat sitzt. "Die Zivilgesellschaft ist wehrhaft. Das macht Mut und Hoffnung", sagt Otto.

Tatsächlich: Zahlreiche Unterstützer haben sich für das Spontankonzert zusammengetan. Die IHK Zwickau zum Beispiel, die Kevin Brewery, die IG Metall, das Theater Plauen-Zwickau und die AOK. Auch FSV-Trainer Joe Enochs ist hier, als Privatmensch, wie er betont. Aber eben auch "als Ausländer, der sehr an Solidarität interessiert ist".

Der kleine Park an der Leipziger Straße fristet sonst ein tristes Dasein - ab und zu trinkt hier jemand gemütlich sein Bier auf einer Parkbank. Aber ein Fest? "Nein, das gab es noch nie", sagt Maike Marie Herden (23), die aus der Nachbarschaft stammt. Sie sagt: Zwickau hat ein braunes Image - und das schmerze sie als Einheimische. Deswegen ist sie hergekommen. "Ich will diese Bewegung unterstützen und zeigen, dass es auch anders geht." Sie wünscht sich, dass es solche Treffen öfter gäbe.

Die Veranstalter des Spontankonzerts sind am Freitagabend sichtlich bewegt. "Wir sind begeistert, dass so viele Menschen gekommen sind", sagt eine Mit-Organisatorin, die ihren Namen nicht nennen will. Mit 100Gästen habe man gerechnet - nun ist der halbe Park voll. "Das ist wirklich Stadtgesellschaft", sagt sie.

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