Kleine Autos mit großer Geschichte

Sammler Eckart Holler präsentiert im Gelenauer Depot Pohl-Ströher seine Neuheiten. Ein Fahrzeug hat es ihm selbst besonders angetan.

Gelenau.

Es gibt Fahrzeuge, die aussehen, als wären sie gerade vom Band gerollt. Als hätte eine Reinigungsbrigade sie gewaschen, getrocknet und dazu noch gefönt. So auch ein Horch, ein Gesellenstück aus der Lehrwerkstatt von Sachsenring Zwickau, der einem Sahnestück gleicht. Bei Auktionen in den USA und dem Vereinigten Königreich tragen diese Autos die Bezeichnung "mint condition" - wie neu. Und dann gibt es Fahrzeuge, denen eine Patina anhaftet, die wie das in Würde gealterte Gesicht eines Menschen aussieht, das von einem ereignisreichen Leben erzählt, frei von plastischer Chirurgie, unberührt von des Bastlers Hand - aber trotzdem einfach nur schön.

Beides ist aktuell im Gelenauer Depot Pohl-Ströher zu sehen. Es werden Tretautos ausgestellt, die früher nur einem Zweck gedient haben: Kindern Freude bereiten. "Und die haben mit Sicherheit das ein oder andere Mal einfach einen kleinen Unfall gebaut, weil die Mädchen oder Jungen in eben diesem Moment etwas anderes wichtiger war, als ausgerechnet Acht auf das Tretauto zu geben", sagt Eckart Holler. Seine Stimme klingt dabei verstehend, wissend.

Der Sammler aus Kleinolbersdorf zeigt zur Osterschau wieder seine Sahnestücke. Darunter ist ein Bugatti. In echt wäre das Fahrzeug mit dem Kühler in Form eines Hufeisens einige Millionen Euro wert. Das Tretauto in Gelenau stammt aus dem Jahr 1920, wurde von einem unbekannten Hersteller in der Art hergestellt, wie damals Flugzeuge gebaut wurden. Der Rahmen ist aus Holz, darüber wurde eine schwarze Leinwand gespannt.

Der kleine Franzose steht in der Nähe des Herzstücks dieser Etage im Depot, einem Konvolut von Tretautos der Marken Horch, DKW, Audi und Wanderer. Darüber hängt vielsagend ein Schild mit der Aufschrift: "Die Kleinen unter den großen Ringen".

Und genau dort steht ein Fahrzeug, ein Wanderer aus dem Jahr 1938, von der Art, wie es der Meister liebt. Eckart Holler erzählt die Geschichte: "Vor Jahren kam ein Mann in die Ausstellung und berichtete von diesem Fahrzeug. Dass es von seinem Vater stamme, der es für ihn und seinen Bruder gebaut habe. Was aber das Verblüffende daran ist: Es hat ein Emblem, auf dem DKW und IFA steht, und das Kennzeichen ist aus der sowjetischen Besatzungszone, aber von 1952 aus dem damaligen Landkreis Zwickauer Land." Was der Experte noch herausgefunden hat: Das Tretauto wurde von dem Vater der beiden Brüder quasi "entnazifiziert", es erhielt neue Holzräder und ein anderes Lenkrad als das ursprünglich von Ferbedo in Fürth montierte. Es hat eine Windschutzscheibe und Stoßstangen. Der Mann aus Zwickau sei mit dem Fahrzeug nach Gelenau gekommen und habe es als Schenkung dagelassen. Eckart Holler hat natürlich Hand angelegt und es konserviert. Er hat die Kratzer gelassen, die Lackabsplitterungen auf dem Stahlblech. Es sieht schäbig aus, es ist wunderschön. "Der Mann aus Zwickau wollte, dass es der Öffentlichkeit zugänglich ist und dass es in gute Hände kommt", erinnert sich Eckart Holler. Der Zwickauer kann sicher sein: Es ist in den besten Händen.

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