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Die Holocaust-Überlebende Myriam Schütze (Mitte) im Gespräch mit den Schülern Lena Kümmel, Tim Hochstein, Samuel Preuß (vorn v.l.) und Jan Wernecke sowie Michael Düsing und Schulleiter Henning Oder (hinten v.l.) in der Aula der Oberschule Halsbrücke.

Foto: Esther Sarah Wolf

Als Baby vor den Nazis gerettet

Die heute 76-jährige Myriam Schütze aus Münster hat den Holocaust überlebt. Freiberger Verwandte versteckten sie damals. An der Oberschule Halsbrücke erzählte sie gestern ihre Geschichte.

Von Esther Sarah Wolf
erschienen am 07.12.2017

Halsbrücke. Gespannt saßen die Neuntklässler der Oberschule Halsbrücke gestern in der Aula und hörten die Lebensgeschichte von Myriam Schütze. Die 76-Jährige, die heute mit ihrer Familie in Münster lebt, hat den Holocaust als Kind überlebt.

Heimatforscher Michael Düsing gab zuvor eine Einführung in das Leben von Freiberger Kindern im Holocaust. Geboren wurde Myriam Schütze im Januar 1941 in Brüssel, wohin ihre Eltern während der Nazizeit geflohen waren. Ihr Vater Herbert Berger war jüdischer Kaufmann in Chemnitz. Ihre Mutter Dora, geborene Kretzschmar, stammte aus Naundorf bei Freiberg und war evangelische Christin.

"Mit 18 Jahren ging meine Mutter nach Chemnitz, um als Kindermädchen zu arbeiten", erzählte Myriam Schütze. Dort lernte die junge Frau 1929 Herbert Berger kennen und verliebte sich. "1933 zogen sie in eine gemeinsame Wohnung, aber es war ein schwieriges Jahr, Hitler kam an die Macht", sagte Schütze. "Mein Vater war nicht superreligiös, er ging zu den Feiertagen in die Synagoge, aber er war durch und durch deutsch. Er war hier Zuhause, er spielte mit anderen Skat, da fragte keiner nach Religion." Während des Ersten Weltkrieges kämpfte Berger als 20-Jähriger für vier Jahre an der Front. Auch als die Lebensbedingungen für Juden durch die Nürnberger Gesetze geregelt wurden und die Synagogen in der Reichspogromnacht brannten, glaubte er noch an Deutschland. "1938 wurde mein Vater verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht, das war ein Schock für ihn", berichtete seine Tochter.

Aufgrund seines Kriegsdienstes wurde er wieder entlassen und floh nach Belgien. Dora folgte ihm und 1939 heiratete das Paar in Brüssel. Als Deutschland Belgien überfiel, wurde der Vater verhaftet und nach Frankreich in das Lager Gurs gebracht. "Fünf volle Monate wussten meine Eltern nichts voneinander", erzählte Schütze. Dann erreichte ihn über Schmuggler ein Brief mit der Nachricht von dem gemeinsamen Kind. "Er war erst sprachlos, aber dann siegte die Freude", weiß seine Tochter. Über Schlepper gelangte die Mutter Ende 1941 mit dem Baby ins Lager Gurs. Zwei Jahre später wurde Herbert Berger in das KZ Majdanek gebracht, wo er starb.

"Dort wurden an einem Tag 17.000 Menschen erschossen, die vorher selbst ihr Grab schaufelten", sagte Schütze. Mit ihrer Mutter wurde sie in einem Sammeltransport nach Deutschland geschickt, wo Doro Berger in Dresden wegen "Rassenschande" verurteilt wurde, da sie als Deutsche mit einem Juden verheiratet war. Sie kam in das Zuchthaus Magdeburg. Myriam wurde von Freiberger Verwandten versteckt, die sie 1945 als "Mischlingskind" nach Dresden zu einem Kindertransport geben sollten. "Die Bombardierung Dresdens hat mein Leben gerettet und ich danke Gott, dass ich leben darf", sagte Schütze.

Die Neuntklässler waren von ihrer Geschichte ergriffen. "Ich konnte sehr gut nachvollziehen was sie erlebt hat und was die Eltern durchgemacht haben", sagte Lena Kümmel. "Es hat sich sehr gelohnt, dass sie sich zu uns aufgemacht hat", erklärte Jan Wernecke. Samuel Preuß war besonders von der Lebensstation in Brüssel bewegt. Tim Hochstein betonte: "Ich bin dankbar, dass Frau Schütze darüber sprechen kann und es an die neue Generation weitergibt, dass wir einen Einblick bekommen, das braucht Kraft und Mut."

Termin Heute findet 19 Uhr in der Rösterei Momo, Korngasse 3, in Freiberg eine Zeitzeugenbegegnung mit Myriam Schütze statt. Michael Düsing wird den Abend leiten. Die Veranstaltung wird vom Freiberger Zeitzeugnis-Verein und der Geschichtswerkstatt Freiberg organisiert. Der Eintritt ist frei.

 
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