Die Erfolgsformel einer berauschten Stadt

Silber, Innovationen und Verbindungen in alle Welt: Zum offiziellen Festakt des Silberrausch-Jahres haben Kenner der Bergstadt Erfolgsfaktoren erörtert.

Freiberg.

Offenheit, Geschäftssinn und die Fähigkeit, nach einer Krise aufzustehen und mit neuen Ideen wieder vorn mitzuspielen - das sind drei Stärken, die den Freibergern zugeschrieben werden und die die Bergstadt zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Erfolg: Das Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Festreden, die gestern Vormittag zum Auftakt in den Silberrausch gehalten worden sind. Gut 300 Gäste, die in und um Freiberg Rang und Namen haben, waren der Einladung in die Nikolaikirche gefolgt. Denn am 11. Juni vor 800 Jahren ist der Ortsname "Friberch" erstmals erwähnt worden. Die Urkunde ist nun im Rathaus ausgestellt. Doch was macht den Erfolg der Bergstadt aus?

Der Historiker: "An Selbstbewusstsein hat es den Freibergern nie gefehlt", sagte André Thieme. Er leitet den Bereich Museen der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen und ist ein ausgewiesener Geschichtsexperte. "Nach dem Silberfund entwickelte sich Freiberg zur größten und reichsten Stadt zwischen Elbe und Saale." Die Bergleute seien selbstbewusst gegenüber der feudalen Ordnung und offen für Bildung gewesen. Auch während der Silberkrise im späten 14. Jahrhundert, als Freiberg in die zweite Reihe hinter Leipzig rückte, blieb die Stadt "das Innovationsbüro in Sachsen", so Thieme. Und als Freiberg 1765 wirtschaftlich am Boden lag, wurde die Bergakademie gegründet. "Die Stadt hat sich immer wieder neu erfunden. Heute steht sie als Marke für den Silberbergbau", betonte er.

Die Autorin: "Geschichte ist ein widerborstiges Ding. Doch man kann sie nicht einfach unter den Teppich kehren, sondern man muss sich mit ihr auseinander setzen", sagte Bestsellerautorin und Stadtschreiberin Sabine Ebert. Sie kennt die frühe Geschichte der Stadt genau; mit der "Hebammen-Saga" hat sie den Freiberger Gründungsmythos weltbekannt gemacht. Neben dem Silberfund von 1168 seien ihre Bücher ein zweiter großer Glücksfall für die Stadt und "millionenfach Werbung, die keinen Cent kostet", sagt sie.

Das Stadtoberhaupt: Für Oberbürgermeister Sven Krüger (SPD) ist Erfolg eine Formel aus Variablen wie Reichtum, Wissen und Forschung, aber auch Verbindungen und Kontakte. "Wir waren und sind niemals abgekapselt von der Welt", betonte er. "Das Silber wurde genutzt, um mit der Welt in Kontakt zu treten", so der OB weiter. So kamen die ersten Siedler aus Franken, die Studierenden dann später aus Preußen, Russland und heute von allen Kontinenten. Der Erfolg wirke sich auf alle Freiberger aus, mit mehr als 830 Unternehmen, die Gewerbesteuer zahlen, 20.500 Arbeitsplätzen und einer geringen Arbeitslosenquote.


Mit Silber auf der Überholspur

Vor 850 Jahren wurde das erste Mal Edelmetall gefunden und vor 800 Jahren wurde der Ortsname Freiberg zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Grund zum Feiern gibt es reichlich.

Sie hat sich in Freiberg verliebt - und das schon zu DDR-Zeiten. Daran hat Sabine Ebert, einem Millionen-Publikum durch ihre Hebammen-Romane bekannt, keinerlei Zweifel aufkommen lassen. Mehrfach betonte dies die Erfolgsautorin aus Leipzig, die beinahe 30 Jahre in der Bergstadt gelebt hatte und gestern als Stadtschreiberin ihren Freiberg-Essay vorstellte.

Anfang der 1980er-Jahre war es, als die junge Frau nach dem Studium ihre künftige Wirkungsstätte per Zug aufsuchte. Als sie, wie sie sagte, "von der damaligen Karl-Marx-Straße - heute wieder Erbische Straße - um die Ecke bog und den Obermarkt erblickte". Danach ließ sie die Worte ins leere Laufen - in ihrem Vortrag zum Festakt in der Nikolaikirche am gestrigen Vormittag genauso wie wenige Stunden danach während einer Diskussionsrunde im Theater mit Oberbürgermeister Sven Krüger (SPD) und der Chefin des Stadt- und Bergbaumuseums Andrea Riedel. "Dieses Bild senkte sich in mein Herz, und ich dachte sofort: Hier lässt es sich leben", las Sabine Ebert weiter aus ihrem Werk hervor, welches sich nicht nur mit ihrem Leben, sondern auch mit dem Silberfund in Christiansdorf, dem Vorläufer des heutigen Freibergs, im Jahr 1168 und dessen Besiedlung wenige Jahre zuvor beschäftigte. "Freiberg ist eines der Beispiele dafür, wie Geschichte und Tradition Verbundenheit schaffen. Das brauchen wir heute dringender denn je in dieser turbulenten Zeit", erklärte Ebert weiter.

Solche Botschafter wünscht sich das Stadtoberhaupt. Auch das wurde rasch klar. "Wir lieben alle unsere Stadt", hob Sven Krüger nach einer Kritik aus dem Publikum im Theater an, dass in der Bergstadt nicht alle an einen Strang ziehen würden, egal ob in Sachen Tourismus oder auf dem Weg zum Unesco-Weltkulturerbetitel. Aber die Freiberger, fuhr der OB fort, seien mit sich kritischer als anderswo. Was er nicht explizit sagte, aber was mitschwang: Die Freiberger sollten über das Gute, Positive in der Stadt reden, über mehr jedoch nicht.

Viel lieber sprachen er, aber auch Sabine Ebert und Museumschefin Riedel über die Historie der Stadt, die vor 800 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde und in der vor 850 Jahren Silber gefunden wurde. Auch das war eine strittige Frage: Waren die Dippoldiswalder schneller? Wurde dort das erste Silber der Region entdeckt? "Noch ist die Freiberger Bergbau älter", bemerkte Riedel. "Mich wundert, dass es in Freiberg noch keinen Aufschrei gibt", spielte sie auf die scheinbare Gelassenheit an, die in Freiberg herrscht.

Welche Ergebnisse die Forscher zutage fördern -in Freiberg scheint dies keine große Rolle zu spielen. OB Krüger: "Entscheidend ist nicht, wer früher dran war. Freiberg entwickelte sich danach zum Wirtschaftszentrum von Sachsen."


Höhepunkte des Silberrauschs

Die Jubiläumsfeierlichkeiten steuern auf ihren Höhepunkt zu: Binnen weniger Tage folgt eine Veranstaltung der nächsten: Seit zehn Jahren zeigt sich das Schloss Freudenstein von einer schönen, ansprechenden Seite. Donnerstag wird an den Abschluss der knapp 34 Millionen Euro teuren

Sanierung 2008 erinnert. An dem

Tag steigt auch die Silbermanngesellschaft in ihr viertägiges Festprogramm anlässlich 40 Jahre Silbermann-Tage ein - Glanzpunkt: Ein

Auftritt des Windsbacher Knabenchores am Samstag ab 17 Uhr im Dom.

Zu einem Familienfest lädt die Stadt für Sonntag von 13 bis 19 Uhr auf dem Obermarkt ein. Auf dem Platz präsentieren sich nicht nur Sportvereine, Feuerwehr und Stadtchor, auch Tanz- und Musikdarbietungen sowie Theateraufführungen sind unter anderem zu erleben. Eintritt frei.

Im Zeichen des Sports steht der kommende Montag an der Rülein von Calw-Halle -vorausgesetzt das Wetter spielt mit: Gäste können beispielsweise auf eine Torwand schießen sowie sich im Tischtennis und Prellball versuchen. Ein Höhepunkt: das Bubble- Ball-Turnier. Eintritt frei. Drei Tage später, also vom 21. bis 24 Juni, verwandelt sich Freiberg zum Bergstadtfest in eine Partymeile. (acr)


Kommentar: Geschichtebringt es

Eine Stadt feiert sich und ihre Geschichte - das ist gut so. Nicht nur, weil Freiberg nach Negativschlagzeilen wie der Pleite von Solarworld so überregional wieder strahlen kann. Nein, so wird Vergangenes nicht vergessen und rückt in das Bewusstsein einer Gesellschaft, die stärker als je zuvor getrieben ist von der Aktualität. Um das Wissen der eigenen Vergangenheit ist es bei den meisten sowieso nicht zum Besten bestellt, nicht einmal bei der am meisten beleuchteten und dunkelsten Episode deutscher Geschichte. Vier von zehn Schülern in Deutschland wissen laut einer Studie aus dem Vorjahr nicht, das Auschwitz-Birkenau ein Konzentrationslager der Nazis war. Ein Aufschrei ging durch das Land. Licht in diese um sich greifende Geschichtsvergessenheit zu bringen, ist daher wichtig. Und sei es durch jeden noch so kleinen Baustein. Denn Geschichte ist für das Verständnis des Hier und Heute unabdingbar.


Prickelndes vom Prinzen 

Warum ein Meißner Wein ein stimmiges Getränk für das Freiberger Festjahr ist

Der Titel könnte treffender nicht sein: "Vinum Argenteum", was lateinisch ist und auf deutsch Silberwein heißt. Gestern Mittag ist der Festwein, eine Sonderedition des Elblings, im Rathausfoyer präsentiert worden. Und die Flaschen erfreuen sich offenbar großer Beliebtheit, wie Oberbürgermeister Sven Krüger wenige Stunden später im Theater durchblicken ließ. Als er Bestellerautorin Sabine Ebert ein Exemplar davon zum Dank für ihren Essay über Freiberg überreichte, riet er sinngemäß dem Publikum, sich zu beeilen, schließlich hätten bereits viele Flaschen einen Abnehmer gefunden.

Doch wie kommt es dazu, dass ein Meißner Wein -der Silberwein stammt aus dem Weingut Schloss Proschwitz Prinz zur Lippe - das passende Getränk für das Jubiläumsjahr ist? Hierzu muss die Geschichte bemüht werden: Vor 800 Jahren ließen sich drei Männer aus "Friberch" den Verkauf eines Weinberges in Zadel, auf dem vermutlich Weinstöcke des Elblings wuchsen, bestätigten. Hier baut Georg Prinz zur Lippe heute seinen Elbling an. Vielleicht ein Grund, warum der Adelige gestern den Tropfen selbst vorstellte. (acr)

Den Jubiläumswein gibt es in der Tourist-Info am Schloßplatz für 13,50 Euro.

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