TU träumt von Freiberg als Testfeld für neues Verkehrssystem

Wie lässt sich der Verkehr in den Städten entlasten? Das fragen sich Forscher der Bergakademie. Ihre Antwort ist ein Ausleih-system für elektrisch angetriebene Lasten-Fahrräder. Im Rathaus will man nun Vor- und Nachteile prüfen.

Freiberg.

Man darf sich das Ganze in etwa so vorstellen wie beim Car-Sharing. Hat jemand Bedarf an einem fahrbaren Untersatz, zückt er das Smartphone. Eine App, also ein Programm, zeigt an, wo der nächste fahrbare Untersatz bereit steht. Dann drückt man auf "Buchen" oder "Reservieren", das System schickt einen QR-Code oder einen Strichcode durch den Äther. An der Station angekommen, hält man den Code an ein Lesegerät. Zack, wird das Fahrzeugschloss entsichert und dem Fahrvergnügen steht nichts mehr im Weg. Nur, dass der Nutzer in dem hier geschilderten Fall nicht ins Auto steigt, sondern auf den Sattel eines kompakten, dreirädrigen Fahrrads Platz nimmt, das Lasten transportieren kann und dessen Antrieb elektrisch unterstützt wird.

Elektron haben die Forscher der TU Bergakademie ihr elektronisch angetriebenes Lasten-Dreirad genannt. Es ist genau genommen ein Pedelec, wie die zuständige TU-Professorin Jana Kertzscher betont. Der Elektro-Antrieb unterstützt lediglich, in die Pedale treten muss der Fahrer selbst. Kertzscher und ihre Kollegen schreiben den Namen ihres Pedelecs in Großbuchstaben: ELEKTRON. Noch existiert das nur virtuell; also in den Köpfen der Forscher. Doch es ist ihre Antwort auf den Verkehrskollaps in den Städten der Zukunft, auf endlose Parkplatzsuche, auf Abgasbelastung nicht zuletzt durch Stickoxide, durch die in manchen bundesdeutschen Großstädten nun abschnittsweise Fahrverbote für Dieselautos drohen.

"Jeder Interessierte soll die Elektron-App downloaden und das Angebot nutzen können - Studenten sogar kostenfrei", so Jana Kertzscher. "Damit soll der Weg vom Bahnhof zum Campus etwa nach dem Wochenende mit schwerer Reisetasche erleichtert werden. Auch der Einkauf im Supermarkt, inklusive Getränkekasten, soll ohne Auto problemlos möglich sein."

Das Bundesforschungsministerium fand die Idee so interessant, dass es für die Konzeption 100.000 Euro zur Verfügung stellte. Es gilt nun für die Forscher, einen Hersteller zu finden, die Software zu programmieren und Abstellboxen zu entwickeln, die Ausleihen wie Rückgabe unkompliziert möglich machen. Eine Herausforderung: Die Boxen müssen gleichzeitig als Ladestationen für die Akkus dienen und die Räder diebstahlssicher verwahren.

Auf die Konzeptionsphase soll eine vier- bis fünfjährige Testphase folgen, während der die Forscher das Elektron auf Herz und Nieren im Einsatz prüfen und optimieren. Am besten sogar in Freiberg - wie sie hoffen. Deshalb haben sie im Rathaus vorgesprochen, um das Lasten-E-Fahrrad den Stadtoberen schmackhaft zu machen. "Die Vor- und Nachteile werden derzeit geprüft, um sachgerecht eine Entscheidung treffen zu können", teilt eine Sprecherin mit. Ein zweiter, paralleler Test soll in einer Großstadt laufen. "Die Interessenten stehen hier schon Schlange", sagt Kertzscher. Noch stellt sich die Frage der Teststadt aber nicht wirklich. Denn für die Testphase gibt es noch keine Fördermittelzusage. 100.000 Euro würden dafür auch kaum reichen.


Kommentar: Auf die Stationen kommt's an

In der Innenstadt wohnen und aufs Auto verzichten, das geht in Freiberg wunderbar. Doch beim Großeinkauf für die Familie kommt man an die Grenzen. Wie die Milchtüten, die Wasserflaschen, die Kartoffelsäcke nach Hause transportieren? Da hört sich ein Ausleihsystem für Lastenfahrräder richtig gut an. Nach einer Idee, von der man sich fragt, warum sie erst jetzt aufkam. Flexible Ausleihfahrrad-Systeme sind in Großstädten wie Hamburg längst gang und gäbe. Kreditkarte rein, Fahrrad entsichern, losradeln. Was so attraktiv ist, weil die nächste Ausleihstation in dem engmaschigen Netz selten mehr als drei, vier Minuten entfernt ist. Ein Lastenfahrrad-System in Freiberg bräuchte auch Dutzende Stationen. Denn wenn ich den Einkauf daheim die Treppe hochgehievt habe, möchte ich nicht noch stundenlang durch die Stadt gurken, nur um das Lastenrad wieder loszuwerden.

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