Jubilar sammelt für Zigeunergrab

Großer Auflauf gestern in Eichigt zum 65. Geburtstag von Bürgermeister Christoph Stölzel. Er erbat sich statt großer Präsente Spenden für einen besonderen Zweck.

Eichigt.

Wie in einem Taubenschlag ging es gestern Vormittag im sanierten Kraußschen Stall hinter dem Eichigter Bürgerhaus zu: Hurra, hurra, das halbe Dorf ist da - und alle kamen, um Bürgermeister Christoph Stölzel zum 65. die Hand zu schütteln: Vereine, Firmenvertreter, Abgeordnete von Kommunalparlament bis Bundestag, Kindergarten, Schule, dazu die Amtskollegen von nebenan. Die Eichigter Knirpse gratulierten mit ein paar sommerlichen Versen und Liedern, und mittendrin der Jubilar, der übers ganze Gesicht strahlte und fast selbst wieder zum Kind zu werden schien.

Unter den Präsenten stach manches heraus - Eichigter hatten ihm eine Kette mit kleinen Tempo-30-Schildern gebastelt, für seinen Einsatz für ein Geschwindigkeitslimit in Süßebach und Obereichigt. Und es gab Spenden für den Zweck, den sich der Jubilar wünschte: Das fast 150 Jahre alte Zigeunergrab an der Eichigter Kirche soll wiederentstehen. "Es ist weit über Eichigt hinaus bekannt und gehört einfach dazu zur Eichigter Geschichte", sagt Stölzel. Als Ende März der Bund der Franken mit einem Bus im Eichigter Land weilte, war im Begleitheft eine Seite allein dem Grab gewidmet.

Stölzels Einsatz für das Zigeunergrab wird vom Kirchenvorstand mitgetragen - und der Süßebacher folgt damit einer Familientradition. Nicht allein, dass Spenden für die Kirche, in der seine Eltern heirateten, auch für den Sohn einen Ehrensache sind. "Mein Vater, der Professor für Gießereitechnik war, hat am Grab in DDR-Zeiten Gießarbeiten vornehmen lassen", erzählt der Bürgermeister. An seinem ursprünglichen Platz existiert das fast 150 Jahre alte Grab freilich nicht mehr. Es soll wieder dorthin, wo es historisch war, sagt Stölzel. In der Vorhalle der Kirche lagert das Grabkreuz und ein Fundament. Sandstrahl- und Beschichtungsarbeiten sind nötig. Die Inschriften hat der Eichigter Chronist Herbert Strobel (90) dokumentiert, weiß der Bürgermeister. Noch in diesem Jahr, so schätzt Stölzel es ein, soll das Zigeunergrab wieder entstehen. Es würde das Ensemble mit der Katharinenkirche und ihren neuen, überraschenden Befunden, Torbogen sowie dem wieder aufgestellten Lutherstein komplettieren.


Das Zigeunergrab an der Katharinenkirche in Eichigt

Am 5. Juni 1873 starb im Puchtaschen Gasthofe zu Ebmath Johann Herrmann. Er wurde 57 Jahre alt. Drei Tage später wurde er auf dem Eichtiger Dorffriedhof begraben.

Die Inschrift des Grabes - schwarzes Eisenkreuz, kleiner Engel mit geöffnetem Buch - nennt den Toten "fahrender Künstler und Vater von zehn Kindern". Der Überlieferung nach passierte im Sommer 1873 eine "Zigeunerkarawane" die Landesgrenze. Herrmann soll ihr Anführer gewesen sein und wurde fiebernd im Wagen über die Grenze transportiert. Beim Halt in Ebmath starb er. Laut Eintrag im Eichigter Kirchenbuch war er ein Pferdehändler aus Melnik. Er hatte vier Söhne und sechs Töchter.

Überliefert hat die Geschichte der Oelsnitzer Heimatforscher und Wanderer Paul Apitzsch in seinem Klassiker "Wo auf hohen Tannenspitzen". Das Grab wurde regelmäßig von Angehörigen und Freunden gepflegt - mit einem besonderen Brauch: Es wird mit farbigem Garn geschmückt. Als Apitzsch am 10. Juli 1919 das Grab aufsuchte, fand er am Kreuz die Überreste bunter Wollfäden. Der Brauch soll hier bis in die 1950-er/1960-er Jahre beibehalten worden sein.

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