Der Schrecken zieht sich quer durch Deutschland

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 44: Mahnmale für die NSU-Opfer.

Zwickau.

Die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zählt zu den größten Justizskandalen der deutschen Nachkriegs- geschichte. 2012 verständigten sich die Städte, wo die Morde geschahen, auf eine gemeinsame Erklärung:

Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!

Dieser Text findet sich in gleicher oder ähnlicher Form auf Mahnmalen wider, welche die Städte zu Ehren der NSU-Opfer errichten ließen. In Zwickau gibt es keine sichtbare Erinnerung. Eine Gedenkstätte an der Frühlingsstraße, wo das Terror-Trio über Jahre lebte, lehnt Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) mit der Begründung ab, dass dort eine Pilgerstätte für Rechtsextreme entstehen könnte. Sie bevorzugt vielmehr, die bestehende Gedenkstätte an NS-Opfer zu erweitern.

Nürnberg: Hier brachte der NSU Enver ŞSimsek (1961-2000), Abdurrahim Özüdogru (1952-2001) und Ismail Yasar (1955-2005) um. Die Stadt hat ihr Mahnmal 2013 am Internationalen Tag gegen Rassismus eingeweiht. Es steht zwischen Opernhaus und Kartäusertor. Die Stele ist Teil der Nürnberger "Straße der Menschenrechte". Semiya ŞSimsek gab den Angehörigen bei öffentlichen Auftritten Gesicht und Stimme. Sie erzählte in Interviews über falsche Verdächtigungen und Unterstellungen gegen die Familien. Ş

München: An beiden Tatorten erinnern Gedenktafeln an die Opfer. Habil Kiliç (1963-2001) starb in seinem Lebensmittelgeschäft im Stadtbezirk Ramersdorf-Perlach (Bad-Schachener-Straße 14), Theodoros Boulgarides (1964-2005) in seinem gerade erst eröffneten Schlüsseldienst-Laden im Bezirk Schwanthalerhöhe (Trappentreustraße 4). Die bayerische Landeshauptstadt ist seit Jahren Schauplatz des NSU-Prozesses.

Dortmund: Zum Gedenken an Mehmet Kubasik (1966-2006) enthüllte die Bezirksvertretung Innenstadt-Nord zunächst einen Gedenkstein am Tatort Mallinckrodtstra- ße 190. Die Einweihung des Mahnmals für alle NSU-Opfer erfolgte im Beisein von Pia Findeiß aus der Partnerstadt Zwickau. Diese "Gedenkstätte für die Opfer rechtsextremer Gewalt" steht in Nachbarschaft zum Auslandsinstitut und ehemaligen SS-Gefängnis "Steinwache".

Hamburg: Am Tatort Schützenstraße 39, unweit vom Bahnhof Altona, halten zwei Gedenksteine die Erinnerung an Süleyman Tasköprü (1970-2001) wach. Im Boden ist eine sternförmige Tafel mit seinem Porträtbild eingelassen. Ganz in der Nähe wurde ein Teilstück der Straße Kohlentwiete in Tasköprüstraße umbenannt. Der türkische Generalkonsul las bei der Enthüllung des Straßenschildes aus einem Brief der Tochter: "Dein Name ist das beste Wort in meinem Wortschatz und in meinem Geist. Wenn ich zu Dir spreche, werden meine Schmerzen weniger und meine Liebe größer."

Kassel: Der zuvor namenlose Halitplatz wurde nach dem jüngsten Opfer benannt. Der NSU richtete Halit Yozgat (1985-2006) in seinem Internetcafé im Stadtteil Nord-Holland hin. "Mein Sohn starb in meinen Armen", sagte der Vater bei der zentralen Gedenkfeier in Berlin. Der Halitplatz liegt in Sichtweite des Tatorts Holländische Straße 82. Die Gedenkstele wurde wiederholt geschändet.

Rostock: Am Tatort Neudierkower Weg erinnern seit dem zehnten Jahrestag des Mordes zwei künstlerisch gestaltete Betonbänke an Mehmet Turgut (1977-2004). Die Inschrift zitiert auf Deutsch und Türkisch den Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen."

Heilbronn: Zum Motiv für den "Polizistenmord von Heilbronn" äußerte sich NSU-Mitglied Beate Zschäpe im Prozess. Laut ihrer Aussage wollten die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an Waffen gelangen. Bereits 2007 ehrten Stadt und Polizei Michèle Kiesewetter (1984-2007) mit einer Gedenktafel auf der Theresienwiese. 2008 bargen Taucher die geschändete Tafel samt Betonsockel aus dem Neckar. Fünf Jahre nach dem Mord wurde sie durch eine neue Gedenktafel mit dem Text der Städte ersetzt.

Köln: Hier laufen Planungen für ein Gedenken an die NSU-Anschläge in der Probsteigasse (2001) und Keup-straße (2004). Das Mahnmal soll in der Keupstraße, Zentrum türkischen Geschäftslebens in der Domstadt, oder in unmittelbarer Nähe aufgestellt werden.

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