"Die Weibchen arbeiten mit einem Trick"

Der Naturschutzhelfer Klaus Krahn über Quartiere der Fledermäuse in der Region und den Nutzen der fliegenden Säuger

Zwickau.

Sie scheuen das Tageslicht. Wenn sie durch die Dunkelheit segeln und dabei an Menschen vorbeikommen, versetzen sie diese oft in Angst und Schrecken. Über die "kleinen Vampire" hat Viola Martin mit Klaus Krahn aus Neuschönburg gesprochen, der sie seit 2004 im Altkreis Zwickau beobachtet.

Freie Presse: Viele Leute sind in den vergangenen Jahren auf den Hund gekommen. Aber auf die Fledermaus? Das ist ungewöhnlich.

Klaus Krahn: Stimmt. Und es war auch eher zufällig. Ich habe als junger Mann eine Wandlung durchgemacht. Als Agrochemiker war es eigentlich meine Aufgabe, Tierchen zu vergiften, um Pflanzen prächtig gedeihen zu lassen. Doch während des Studiums habe ich mich mit Insekten und Schmetterlingen beschäftigt, wurde so vom Vergifter zum Schützer. Als wir einmal im Dunkeln mit Lichtquellen Insekten angelockt haben, zogen wir durch die Futterkonzentration auch Fledermäuse an. Ich hatte damals keine Ahnung von den Tieren, habe mich aber ab 1990 intensiv mit ihnen beschäftigt.

Woher kommen eigentlich jetzt im Frühjahr die "kleinen Vam- pire"?

Vor allem aus Bergkellern und alten Bergwerksstollen sowie Höhlen. Fledermäuse fahren im Herbst ihren Kreislauf runter und verbringen die kalte Jahreszeit auf Sparflamme. Der Kirchberger Engländerstolln ist das größte Winterquartier im Altkreis Zwickau-Land. In der Hartensteiner Prinzenhöhle, einer Marmorbruchhöhle im Wildenfelser Zwischengebirge und einem ehemaligen Luftschutzkeller in Silberstraße beispielsweise überwintern ebenfalls welche. Besitzer von alten Bergkellern sollten darauf achten, dass es immer einen kleinen Schlitz in der Tür gibt, damit die Tiere rein- und rausfliegen können.

Das sind ja eine ganze Menge Quartiere. Wie viele Fledermäuse gibt es denn im Altkreis?

Das kann ich nicht sagen. Die fliegenden Säugetiere verraten mir ja nicht, wo sie überall unterkommen. Eine genaue Zählung ist unmöglich. Sicher ist aber: Sie sind selten. Alle stehen auf der Roten Liste der gefährdeten oder stark gefährdeten Arten in Sachsen.

Und welche Arten fliegen durch den Landkreis?

Am häufigsten ist hier das Braune Langohr. Von den Mopsfledermäusen, die sonst in Sachsen recht selten sind, haben wir in der Region etliche, genau wie von der Nordfledermaus, der Breitflügelfledermaus, der Wasserfledermaus, der Fransenfledermaus, dem Großen Abendsegler und dem Großen Mausohr. Das seltenste Exemplar - ich habe es bisher nur auf der Durchreise beobachtet - ist die Zweifarbfledermaus.

So eine hatte sich doch mal ins Zwickauer Arbeitsamt verirrt.

Stimmt. Das war im Oktober 2007. Es handelte sich um ein balzendes Männchen auf Brautschau, das an einer Bürolampe hing.

Apropos Balz: Wenn sich die Fledermäuse, wie das Beispiel zeigt, im Herbst paaren, wachsen dann die Jungen während des Winterschlafes im Mutterleib heran?

Nein. Die Weibchen arbeiten mit einem Trick. Sie haben ein Extra-Organ, in dem sie das Sperma des Männchens den Winter über speichern. Erst beim Eisprung im Frühjahr befördern sie den Samen zum Ei und befruchten es. Bis Mitte/Ende April finden sich dann die Weibchen in sogenannten Wochenstuben zusammen, in denen sie im Mai oder Juni ihre Jungen gebären. Meist eins pro Fledermaus.

Das heißt, die Männchen ziehen den Nachwuchs nicht mit auf?

Genau. Sie kommen nur zur Paarungszeit im Herbst und im Winter mit den Weibchen zusammen. Die Fledermausdamen bilden große Gemeinschaften mit Hunderten, teilsweise sogar mehr als 1000 Tieren. Jedes kümmert sich zwar selbst um seinen Nachwuchs, aber alle zusammen wehren Feinde wie Schleier- eulen ab. Auch männliche Fledermäuse werden regelrecht weggebissen, wenn sie sich den Wochenstuben nähern.

Sind die "kleinen Vampire" eigentlich für uns Menschen nützlich?

Ja. Sie ernähren sich von nachtaktiven Insekten. Das heißt: Viele Fledermäuse in der Umgebung führen zu weniger Stechmücken und anderen für uns Menschen lästigen Insekten und Spinnen.

Was kann man tun, wenn man solche "Mückenfresser" ansiedeln will?

Die Tiere brauchen nur kleine Spalten als Wohnung. In der Tagesstätte "Michler Kinderland" in Mülsen beispielsweise wurde bei der Fassadenerneuerung eine Lücke zwischen zwei Platten gelassen und mit einem Blech abgedeckt. So konnten Mopsfledermäuse dort nach der Sanierung weiter ihre Wochenstube einrichten. Jeder kann an seiner Hausfassade solche Schlupflöcher für die Säuger schaffen. Meine Kollegen und ich beraten Interessierte gern.

Es gibt aber auch Menschen, die panische Angst vor Fledermäusen haben. Was sollte man tun, wenn nachts beim Zubettgehen eine durchs Schlafzimmer fliegt?

Das Fenster aufmachen, hinlegen und schlafen.

Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?

Doch. Fledermäuse gehen nicht auf Menschen. Wenn man früh aufwacht, ist das Tier garantiert weg.

Und wenn man den Raum um keinen Preis mit so einem fliegenden Säuger teilen will?

Dann ist es das Beste, das Fenster zu öffnen und die Tür von außen zu schließen. Morgens ist die Maus dann ausgeflogen.

Aber was macht man, wenn man eine ausgeprägte Fledermaus-Phobie hat und das Tier umgehend los sein will?

Solche Leute können mich anrufen. Ich komme dann und erlöse sie von dem "Vampir".

Klaus Krahn (72) arbeitet ehrenamtlich als Naturschutzhelfer im Altkreis Zwickau-Land. Vorher hat der Pensionär in der unteren Naturschutzbehörde Jena im Bereich Biotop- und Artenschutz gearbeitet. Er ist unter Ruf 037204 508124 oder per E-Mail erreichbar.

klaus_krahn@web.de

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