Eine alte Lok wird zum Hotel

Der ausrangierte Koloss wird künftig die Attraktion am Mulderadweg sein. Müde Pedalritter sollen ab kommendem Frühjahr darin übernachten können.

Wiesenburg.

Zum früheren Bahnhofsgelände im kleinen Wildenfelser Ortsteil Wiesenburg (Landkreis Zwickau) zieht es eigentlich keinen mehr. In der Nacht von Dienstag zu Mittwoch ist das anders. Viele Schaulustige sind gekommen. Sie wollen ein nicht alltägliches Spektakel beobachten. Eine alte Diesellok hat kurz vor 23 Uhr ihre letzte Fahrt von Stendal über Zwickau hier beendet. Jetzt soll sie von einem 160- und einem 130-Tonnen Autodrehkran von der Strecke Zwickau - Schwarzenberg über einen Zaun auf ein extra neu verlegtes Abstellgleis gehoben werden. Das Schienenfahrzeug wird künftig kein Denkmal der Eisenbahngeschichte, sondern ein Lok-Hotel.

Mitarbeiter der Firma Felber-meyer und der Preßnitztalbahn hängen den Koloss an vier Rundschlingen. Jede davon kann bis zu 25 Tonnen tragen. Eigentlich wiegt die Lok der Baureihe V228 gut 93 Tonnen. Aber sie ist vor dem Transport entkernt worden. Trotzdem hat das alte Schienenfahrzeug noch stolze 59 Tonnen Gewicht. Es gehört zu den Hunderten von Großdieselloks, die bis 1970 in Babelsberg produziert worden sind. "Jetzt gibt es noch maximal 20, drei davon fahren noch", berichtet Projektleiter Martin Engwicht von der Preßnitztalbahn. 23.45 Uhr geht ein Raunen durch die Traube der Schaulustigen, werden Handys und Fotoapparate gezückt. Die Rundschlingen an der Lok straffen sich. Sie beginnt zu schweben. Die beiden Kranführer befördern das Fahrzeug mit den lang ausladenden, starken blauen Armen genau durch zwei Bäume hindurch sicher über den Zaun vom Linien- zum Abstellgleis. Dafür müssen sie den Koloss eindrehen, weil die neu verlegten Schienen diagonal zur Bahnstrecke verlaufen. Dann ist Millimeterarbeit gefragt. Als die Lok kurz über den Schienen hängt, justieren sie die Mitarbeiter der beiden Firmen so, dass die Räder genau aufsetzen. 23.56 Uhr brandet Beifall auf. Es ist geschafft. Der Unternehmer Sven Schürer, der bei der Aktion kräftig mit zugepackt hat, steigt in seine Lok und schaut kurz darauf mit erhobenem Daumen aus dem Führerhaus. "Ich bin froh und glücklich, dass alles wie am Schnürchen geklappt hat", sagt er. Der Metallbaumeister ist seinem Ziel, in dem Fahrzeug eine kleine Herberge einzurichten, wieder ein Stück nähergekommen.

Der Wiesenburger hatte vor einiger Zeit das alte Bahnhofsgebäude gegenüber seiner Firma, das schon lange leer stand, gekauft. Eigentlich wollte er darin betreutes Wohnen einrichten. Doch die Bausubstanz war zu marode. "Der Bahnhof wurde im Einvernehmen mit dem Denkmalschutz abgerissen", sagt Schürer. Er berichtet, dass zwischen seinem Unternehmen und dem ehemaligen Bahnhof der Mulderadweg verläuft. Das habe ihn auf die Idee gebracht, hier das sogenannte "Bed and Bike" (Übernachtungsmöglichkeit für Radfahrer) anzubieten.

Weil er in seiner Metallbaufirma unter anderem autarke Häuser und exklusive Expeditionsmobile baut, kann Schürer mit seinem Team den Innenausbau des "hohlen Vogels" selbst erledigen. "Nächstes Frühjahr soll das Lok-Hotel fertig sein. Die drei Doppelzimmer werden über eine hochwertige Ausstattung mit Kaminholzofen, kleiner Küche, komfortabler Nasszelle, Terrasse im Eingangsbereich und kostenlosem Wlan verfügen", berichtet er. Auch Stellplätze für Fahrräder und Freizeitangebote wie eine Tischtennisplatte seien geplant. Nebenan will der Unternehmer noch sechs Wohnmobilstellplätze anlegen. Was ihn die Lok und die spektakuläre Nachtaktion kostet, darüber schweigt er sich aus, genau wie über die gesamte Summe, die er ins Lok-Hotel steckt.

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