Petry plädiert für Blau

In Zwickau lieferte die Ex-AfD-Chefin gestern eine kämpferische Vorstellung ab. Ob das ihrem neuen politischen Projekt helfen wird?

Zwickau.

Der Abend beginnt für Frauke Petry mit einem Missgeschick. Sie hat ihr Jackett versehentlich in Obstbrei getunkt. Die anschließende zweistündige Diskussionsveranstaltung in der Alten Posthalterei vor rund 100 Zuhörern bestreitet sie dann ohne das besudelte Kleidungsstück. Den meisten Besuchern fällt das überhaupt nicht auf. Die frühere AfD-Chefin bleibt professionell.

Gemeinsam mit dem früheren Generalsekretär Uwe Wurlitzer ist Petry zurzeit auf Tour durch Sachsen. Sie will Wählern ihr neues politisches Projekt erklären, die blaue Wende. Ein konservatives Bürgerforum mit einer kleinen Partei im Hintergrund, in die nur noch Menschen eintreten sollen, die man sich "sehr genau ansehen" wolle. Petry spricht die meiste Zeit, stets frei und eloquent, sie glüht trotz vorgerückter Stunde vor Energie und Streitlust.

Ihr politischer Weggefährte Wurlitzer steht anfangs meist stumm an ihrer Seite, müht sich, nur nicht versehentlich die Merkel-Raute zu machen, und spielt an seinem Ehering. Später, vor allem wenn es um den Austritt der beiden aus der AfD geht, fährt Leben in Wurlitzer. Immer, wenn man gerade im sächsischen Landtag auf einem guten politischen Weg gewesen sei, "hat irgendeine Knalltüte auf Bundesebene versucht, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen." Auch Petry rechnet noch einmal ab: "Weder für einen Jens Maier noch für einen Björn Höcke noch für irgendeine Pappnase bin ich bereit, mit meinem guten Namen gerade zu stehen."

Die Diskussion mit den Gästen dreht sich immer wieder um den AfD-Austritt. "Sie wären die nächste Ministerpräsidentin geworden", schimpft ein Mann. Petry verteidigt ihre Entscheidung mehrfach. Sie habe 80 Prozent ihrer Zeit in innerparteiliche Querelen stecken müssen. So könne man keine Politik machen.

Zwischendurch dringt Geschrei von Petrys kleinem Sohn aus dem Nebenraum herüber. Das bringt Petry für einen Moment aus der Fassung. "Brüllt er jetzt?" flüstert Wurlitzer. "Ja. Ferdinand brüllt", sagt Petry knapp. Dann spricht sie wieder über Politik, wirft aber mehrfach Blicke nach nebenan. Das Kleinkind beruhigt sich wieder, die Politik nie.

Petry skizziert ihre neue Bewegung als konservativ und distanziert sich energisch von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Diesen Phänomenen habe sie in der AfD zu lange zugesehen, sagt sie. Die Russland-Freundlichkeit in der AfD hält sie für einen versteckten Anti-Amerikanismus und für kleingeistig, denn "wir brauchen beide Partner". Der Missbrauch des Asylrechts müsse aufhören, Unternehmer und kleine Leute sollen gestärkt werden, der Euro sei ein Fass ohne Boden und müsse mindestens reformiert werden. Für die kommende Landtagswahl in Sachsen ("zu der wir definitiv antreten wollen") will sie ihre Schwerpunkte auf innere Sicherheit, digitale Infrastruktur und kommunale Finanzen legen.

Und letztlich mitregieren. Das sei das Ziel. "Wir wissen, dass der politische Schmerz in Sachsen groß ist", sagt Petry. Aber ob der Schmerz alleine die nötigen Wählerstimmen bringt? Petrys blaue Werbetour geht jedenfalls noch eine Weile weiter.

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