Wenn Audi noch in Zwickau wäre

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 34: die Auto-Metro- pole Ingolstadt.

Zwickau/Ingolstadt.

Der 1909 in Zwickau gegründete Autokonzern Audi beschäftigte 2015 rund 84.000 Mitarbeiter und produzierte mehr als 1,8 Millionen Fahrzeuge. 43.000 Mitarbeiter sind allein am Stammsitz Ingolstadt tätig. Bei Vergleichen erzielt Bayerns fünftgrößte Stadt Spitzenwerte in Kategorien wie Dynamik und Wirtschaftsstruktur. Die Arbeitslosenquote liegt bei gut zwei Prozent. Eine Gedenktafel an der Schrannenstraße 3 erinnert an die dortige Neugründung der Auto Union, deren Marke Audi war, im Jahr 1949.

Wäre Zwickau Firmensitz geblieben, gäbe es in Pölbitz ein schickes "Audi-Forum" aus Glas und Stahl mit rundem "Museum Mobile", Abholer-Lounge, Audi-Shop, Audi-Bank, Audi-Reisebüro, Gastronomie, Weingalerie, Karrierebüro, Konferenzcenter, Erlebnisführungen und kleinem Park mit Wasserspiel. Veranstaltungen wie die After Work Jazz Lounge, Ausstellungen, kulinarische Filmnächte oder die Gesprächsrunde "Audi.torium" würden das westsächsische Kulturleben bereichern.

Träumen wir weiter: Die Sachsen-Franken-Magistrale verliefe durch den Audi-Tunnel, welcher das Werksgelände beziehungsweise das Stadtgebiet Auto-Union-Bezirk unterquert. Der für den Knotenpunkt Crimmitschauer Straße/Horchstraße geplante Kreisverkehr bekäme den Namen Audi-Ring und ein überdimensionales Audi-Modell als Wahrzeichen. In repräsentativer Lage - zwischen Schloss Osterstein, Mulde und "Altem Gasometer" - hätte der beliebte Arbeitgeber seine Audi-Akademie errichtet. Weitere Konzerne wie die Media-Saturn-Holding hätten sich in Zwickau an- gesiedelt.

Auch der Sport würde von der Wirtschaftskraft profitieren. Das neue Stadion des Bundesligisten FSV Zwickau hieße Audi-Sportpark. Die Krankenkasse Audi BKK wäre "Gesundheitspartner" der Eispiraten Crimmitschau. Der deutsche Eis- hockeymeister von 2014 und Vizemeister 2015 trüge seine Europa- pokalspiele in Zwickaus "Saturn"-Arena aus.

Ingolstadt hat seine Einwohnerzahl seit 1949 auf 133.000 Menschen mehr als verdreifacht. Bei gleicher Entwicklung lebten in Zwickau heutzutage 400.000 Menschen. Es wäre jünger, internationaler und geschäftiger, aber auch verstopfter wegen der vielen Firmenwagen. In Crossen gäbe es eine Arbeitersiedlung wie am Auto-Union-Ring im Ingolstädter Vorort Lenting. Außerhalb des historischen Zentrums wäre Zwickau ungebremst in die Breite gewachsen - hin zu einer autogerechten und bisweilen gesichtslosen Stadt, geprägt von vierspurigen Straßen, Bürokomplexen, Hotels, Gewerbegebieten und Einkaufszentren auf der grünen Wiese wie dem Outlet-Center "Zwickau Village".

Audi fördert in Zwickau das nach seinem Gründer benannte August-Horch-Museum. Über die Stadt- grenzen hinaus schwindet jedoch das Bewusstsein dafür, dass ursprünglich ostdeutsche Firmen wie Audi, Friemann & Wolf, Siemens und Wella maßgeblich zum westdeutschen Wirtschaftswunder beigetragen haben. In den Debatten um den Länderfinanzausgleich wird diese Tatsache gern unter den Tisch gekehrt. Wäre in Quizshows der Audi-Gründungsort zu erraten, würden Kandidaten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Ingolstadt tippen.

Als der Konzern 2009 seinen 100. Geburtstag mit einem von der Kanzlerin eröffneten Festakt in Ingolstadt feierte, kritisierte Sachsens Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf die Wahl des Veranstaltungs-ortes. "Ich hätte an Stelle von Angela Merkel das 100-jährige Jubiläum von Audi in Zwickau gefeiert." Ebenfalls zum 100. Firmenjubiläum sagte Sachsens damaliger Wirtschafts- minister Thomas Jurk: "Ich würde mir wünschen, dass die Erfolgs- geschichte, die in Sachsen begann, im zweiten Jahrhundert der Firmengeschichte hier auch wieder eine Fortführung findet."

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www.zwickautopia.de

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