Zwischen Karibik und Kopenhagen

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 25: der Ehrensenator aus Dänemark.

Zwickau.

Der Däne Jørgen Skafte Rasmussen (1878-1964) hat die Anfänge des Fahrzeugbaus in Sachsen wesentlich mitgeprägt. Die Westsächsische Hochschule Zwickau (WHZ) schreibt einen Rasmussen-Preis für hervorragende Diplom- arbeiten in der Produktionstechnik aus und hat ihr Technikum 1 an der Äußeren Schneeberger Straße nach ihm benannt. "Rasmussen förderte maßgeblich die südwestsächsische Industrie. Seine Lebensarbeit galt dem Aufbau eines vielschichtigen deutschen Industrieunternehmens, das mit seinem Kern, den Zscho- pauer Motorenwerken, den dort produzierten DKW-Motorrädern und DKW-Automobilen die Basis und weitgehend das finanzielle Rückgrat der Auto Union wurde", hieß es seitens der WHZ zur Namensweihe des Rasmussen-Baus im Jahr 2004.

Der aus Nakskov stammende Technik-Pionier begann eine Schmiedelehre in Kopenhagen, dem Online-Lexikon Wikipedia zufolge bei der Firma Smidt, Mygind & Hüttemeier. Am ehemaligen Firmensitz, wenige Gehminuten von der bereits vorgestellten "Trabibar" entfernt, habe ich an einer Klinkerfassade die Initialen "SMH" entdeckt. Vom Werksgelände ist augenscheinlich nur eine Montagehalle erhalten geblieben, die das Kino "Empire Bio" beheimatet (Guldbergsgade 29 F). Bei der Firma Guldborg in Nykø- bing/Falster beendete er seine Lehre. Ab 1898 studierte Rasmussen Elektrotechnik und Maschinenbau in Mittweida. An der Ingenieurschule Zwickau, in deren Traditionslinie die WHZ steht, schloss er 1902 sein Studium ab. Somit zählte Zwickaus hoch geschätzter Däne zu den ersten Absolventen der 1897 gegründeten Bildungseinrichtung, die ihm 2007 die Würde eines Ehrensenators verlieh. 1906 kaufte der Jungunternehmer eine stillgelegte Tuchfabrik in Zschopau und entwickelte seine Motorenwerke zum größten Motorradhersteller der Welt. Bis zu 60.000 Zweirad-Flitzer betrug die Jahresproduktion. 1928 übernahm DKW die Aktienmehrheit bei Audi. Unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise fusionierten DKW, Wanderer (Chemnitz), Audi und Horch (Zwickau) 1932 zum zweitgrößten deutschen Automobilproduzenten, der Auto Union mit Sitz in Chemnitz. Rasmussen zählte dabei zu den Schlüsselfiguren und gehörte bis 1934 dem Vorstand an. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er wieder in Kopenhagen.

Aus der Auto Union ging nach dem Krieg der heutige Audi-Konzern hervor. Aus den Zschopauer Anlagen wurde der Volkseigene Betrieb Motorradwerk Zschopau (MZ). 1983 rollte die zweimillionste MZ vom Band. Bei einem Urlaub auf Kuba sind mir in Havanna und Varadero zahlreiche Motorräder der Marke MZ aufgefallen. Kubanische Vertragsarbeiter, die in DDR-Betrieben tätig waren, sparten sich das Geld für die robusten Motorräder zusammen und nahmen sie nach dem Ende ihres Aufenthaltes mit in die Heimat. Bis heute sind die Zweiräder auf der Karibikinsel allgegenwärtig.

2012 meldete die Zschopauer Traditionsfirma Insolvenz an. Damaliger Geschäftsführer war der ehemalige Rennfahrer Martin Wimmer. Die MZ-Pleite beschäftigt die Justiz bis heute.

www.zwickautopia.de

www.freiepresse.de/spuren

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