Habe ich oder bin ich gestanden?

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Ich würde den Satz so schreiben: "Ich bin mit dem Zug von A nach B gefahren aber ich habe gestanden, weil kein Sitzplatz frei war." Neuerdings hört man aber "Ich bin gestanden." Was ist richtig? (Diese Frage hat Manuel Baldauf aus Freiberg gestellt.)

Beides ist richtig, jedoch eines davon nur im passenden Dialekt. Aber der Reihe nach: Es gibt eine Faustregel in der deutschen Grammatik. Der zufolge werden Verben, die eine Bewegung ausdrücken, im Perfekt und Plusquamperfekt mit entsprechenden Formen des Verbs "sein" konjugiert: Ich bin gegangen, du bist gefahren, er, sie, es ist geflogen, wir sind gefallen, ihr seid gestiegen, sie sind marschiert. Ich war gelaufen, du warst geschlichen und so weiter. Passt eigentlich immer. Freilich gibt es schon hier eine Ausnahme: Wenn es im fraglichen Satz weniger um den wie langen und wohin auch immer zurückgelegten Weg geht, als um den Umgang mit einem bestimmten, als starkes Objekt fungierenden Fortbewegungsmittel, benutzt man auch im Standarddeutsch "haben" statt "sein": Täve Schur hat dieses Fahrrad gefahren, Charles Lindbergh hat dieses Flugzeug geflogen.

Noch deutlicher wird das bei Bewegungs-Verben, die die Vorsilbe "be-" tragen. Christoph Columbus hat den Atlantik besegelt, Theodor Fontane hat die Mark Brandenburg bewandert. - So wiederum wird auch mit den Verben verfahren, die keine Bewegung ausdrücken, aber dennoch ein von Ruhe geprägtes räumliches Verhältnis des Subjekts zu seiner Umgebung beschreiben: Sie werden in Perfekt und Plusquamperfekt konjugiert: Ich habe gestanden, du hast gesessen, er sie es hat gelegen. Das ist Standardsprache.

Nun gibt es im Deutschen Dialekte, die sich nicht nur durch stets phonetische Veränderungen bestimmter Lautgruppen (Norddeutsch: über s-pitze S-teine s-tolpern), vom Hochdeutschen abweichende Wörter oder ähnliches manifestieren, sondern die auch ihre eigenen grammatikalischen Regeln haben. So ist in manchen Dialekten die nicht standardsprachlich gängige doppelte Verneinung (Bayerisch: "I brauch koa Kaufhaus net.") daheim, andere haben eben ihre Sonderregeln bei der Konjugation. Bei süddeutschen Dialekten und im Österreichischen gehört dazu, dass auch Verben, die keine Bewegung beschreiben, mit "sein"-Formen konjugiert werden. "Ich bin gelegen, du warst gesessen, ihr seid gestanden." Eigenartigerweise kennt eine solche Konstruktion mit einem "ruhenden" Verb wiederum auch die Standardsprache, worauf der Deutsch-Experte Bastian Sick auf seiner Webseite hinweist: Ich bin geblieben.

Der Betreiber des so fachlich seriösen wie unterhaltsamen und humorvollen Internetportals für gutes Deutsch, "Zwiebelfisch", vergisst in seinem Beitrag zum Thema indes auch nicht zu erwähnen, dass umgekehrt wiederum auch die süddeutschen Dialekte die Verbindung von stehen und sitzen mit "haben" kennen - zumindest im Zusammenhang mit einem Strafverfahren: "Erst hat er gestanden, dann hat er gesessen." (tk)www.zwiebelfisch.de

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