Wie macht ein Dirigent Musik?

Welche Unterlagen hat ein Dirigent? In Konzerten habe ich sehr selten gesehen, dass er umblättert. Geht es darin um das Tempo oder um besonders hervorzuhebende Instrumente? Hat jeder Dirigent eigene Bewegungen, um die Musiker zu dirigieren - oder wird die gesamte Spielweise vom Komponisten vorgegeben? (Das will Lothar Tzschentke wissen.)

Wie die Musiker eines Orchesters hat auch der Dirigent Notenblätter auf seinem Pult - allerdings sehr spezielle, nämlich die sogenannte Partitur. Dort sind alle Stimmen des Stücks übereinander verzeichnet und in ein einheitliches Taktschema geordnet. Theoretisch kann der Dirigent also genau verfolgen, welcher Musiker wann welche Note spielen muss - praktisch hat er dazu aber weder Zeit noch Nerven, ihre Parts müssen die Musiker bereits beherrschen oder sauber "vom Blatt" spielen. Der Mann am Pult muss vielmehr darauf achten, dass jede Instrumentengruppe oder die Solisten an den richtigen Stellen einsetzen und ihnen entsprechende Zeichen geben. Damit ist es aber nicht getan: Bereits in der Probe "schwört" ein Dirigent die Musiker auch auf seine Vorstellungen vom Stück ein. Er erklärt, wie das Werk aus seiner Sicht wirken soll und was im Sinn des Komponisten oder aus seiner eigenen Perspektive daraus gemacht werden soll.

Ein guter Dirigent schafft es, den Klangkörper auf ganz besondere Weise ertönen zu lassen. Seine besonderen Bewegungen dienen dabei nur teilweise als direkte Orientierung: Es gibt Dirigenten, die sehr wenige Bewegungen machen und trotzdem wunderbare Musik leiten. Andere geben sehr viele und präzise Einsatzzeichen, und wieder andere "fuchteln" eher dramatisch als hilfreich herum, sodass die Musiker sich eher an der Konzertmeisterin oder dem Konzertmeister (das ist der Stimmführer der ersten Violinen) orientieren müssen. Daher stammt auch das geflügelte Wort, dass jemand "die erste Geige spielt".

Nur mit Zeichen ist gute Musik nämlich nicht herstellbar: Nur die richtigen Töne zur richtigen Zeit erklingen zu lassen, wird einer Sinfonie oder Oper nicht gerecht. Die Musiker müssen sich gemeinsam einschwingen, sich zusammen in der Musik bewegen, mit ihr ein Klangbild malen. Der Dirigent muss es daher schaffen, das Ensemble entsprechend zu führen, es mitzureißen, für eine gemeinsame Vorstellung zu motivieren. Dabei spielt oft seine Persönlichkeit und seine Ausstrahlung, seine spezielle Kenntnis des Stücks oder auch sein Renommee eine wichtige Rolle: Schafft er es, eine "Mannschaft" von Musikern entsprechend zu begeistern und zu vereinen, dann ist es möglich, dass er im Konzert mit wenigen Handbewegungen die erstaunlichste Musik erzeugt - und das Publikum den Eindruck hat, er sei gar nicht nötig.

Wie dringend aber braucht er dazu die Partitur? Über diese Frage wird in der klassischen Musik immer schon gestritten. Erst einmal ist sie quasi der Text, den der Komponist vorgegeben hat. Weil die Instrumente übereinander stehen, passt jeweils nur ein sehr kurzer Abschnitt auf ein Blatt - der Dirigent muss das Stück also sehr gut kennen und darf nicht zwischen vielem Geblätter von Einsätzen "überrascht" werden. Es ist wie beim Vortrag eines Gedichts: Der Text allein ist erst die halbe Miete. Zwar gibt der Komponist mehr vor als nur die Noten, in der Partitur stehen auch Angaben zur Interpretation wie Tempo oder Lautstärke. Allerdings sind die sehr interpretationsbedürftig: Was bedeutet denn "schnell" oder "sehr leise"? Der Komponist kann so bestenfalls ungefähre Vorstellungen skizzieren, die man auch oft im Kontext seiner Lebenszeit und ihren Moden sehen muss: Manche Dinge verstanden sich für ein Orchester zu Mozarts Zeiten ganz von selbst - zu einer anderen Zeit hatte sich "das Übliche" schon wieder geändert. Man darf auch nicht vergessen, dass Musiker vor allem zu Zeiten des Barock und der Klassik eher als professionelle Handwerker zu verstehen waren: Wenn Johann Sebastian Bach eine Partitur schrieb, hatte er natürlich einen üblichen, funktionierenden Klangkörper seiner Zeit ihm Ohr, dem er mithilfe seiner Noten Musik so zu entlocken gedachte, wie er sie hören wollte.

Das klingt simpel, hat aber einen Haken, der Fluch und Reiz klassischer Musik gleichermaßen ausmacht: "Die Musik" von Beethoven oder Telemann, Chopin oder Haydn, Wagner oder Schumann gibt es nicht - weil niemand weiß, wie sie in den Köpfen ihrer Schöpfer wirklich klang, weiß auch niemand, wie sie exakt zu spielen ist. Noten und Partituren sind lediglich Skizzen, aus denen die Werke herausinterpretiert werden. Deswegen gibt es ja auch so viele verschiedene Varianten klassischer Werke, und deswegen ist es immer wieder neu und spannend, sie im Konzert von verschiedenen Dirigenten zu hören. So gesehen sind diese auch eine Art spirituelle Übersetzer.

Und weil das so ist, bedeutet die Erfindung der Tonaufnahme einen dramatischen Einschnitt: Erst konserviert wird ein Musikstück "wirklich": Wie "Waterloo" von Abba oder "Yesterday" von den Beatles "richtig" klingt, hat jeder im Ohr, weil die Künstler die Stücke in der Aufnahme exakt so fixiert haben, wie sie für sie klingen sollen. Werden sie anders interpretiert, erkennen wir das sofort als "Abweichung" vom Original. Klassische Musik dagegen muss immer wieder neu im Moment gemacht werden, ohne dass man je zum "Original" finden kann. Der erste Klassiker, der seine Musik nicht nur in Noten, sondern als eigene Interpretation auf Schallplatte hinterlassen hat, war 1919 Sergej Rachmaninov. (tim)

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