Gab es die untergegangene Stadt Rungholt tatsächlich?

In einem Roman las ich von dem Untergang der legendären friesischen Stadt Rungholt. Was ist dran an dieser Sage? Kann man heute bei Ebbe noch Überreste sehen, die auf eine tatsächliche Existenz von Rungholt hinweisen? (Diese Fragen stellte Gunter Sieber aus Limbach-Oberfrohna.)

Lange hielt man die Stadt Rungholt für eine Legende, einen sagenumwobenen Ort wie Atlantis. Deshalb wird Rungholt auch heute noch oft als das Atlantis der Nordsee bezeichnet. In Rungholt soll der Handel geblüht haben, fast so wie im alten Rom. Aber ähnlich der Sage von Atlantis sollen seine Bewohner wegen ihrer Gier und Lasterhaftigkeit von Gott mit dem Untergang bestraft worden sein.

Der Unterschied zu Atlantis ist: Rungholt gab es tatsächlich, es lag auf der Insel Strand im nordfriesischen Wattenmeer und war im 14. Jahrhundert ein Zentrum des Handels im europäischen Norden, auch wenn der Vergleich mit Rom etwas übertrieben ist. Aber Rungholts Bedeutung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass in der Stadt bis zu 4000 Menschen lebten - Hamburg hatte zur gleichen Zeit 10.000 Einwohner.

Heute weiß man, dass Rungholt keiner göttlichen Strafe, sondern im Januar 1362 einer sehr irdischen Sturmflut zum Opfer fiel. Der ganze Ort wurde zerstört und zwar so sehr, dass offenbar niemand an einen Wiederaufbau dachte. Dennoch sind höchstwahrscheinlich zunächst Überreste erhalten geblieben, die dann aber - Wasser, Wind und Sand ausgesetzt - im Laufe der Zeit immer weiter verschwanden. 1634 folgte eine weitere schwere Sturmflut - die Insel Strand versank schließlich zu einem großen Teil, denn zugleich stieg seit dem Mittelalter der Meeresspiegel stetig an.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird von Rungholt nichts mehr zu sehen gewesen sein. Doch beschäftigte die Stadt die Menschen umso mehr, je länger sie versunken war. Und das ist der Grund, warum die Geschichte von Rungholt immer mehr zur Legende und mit allerlei Fantasie angereichert wurde. Beginnend mit den 1920er-Jahren entdeckte man jedoch Überreste des realen Rungholts im Wattenmeer, im Westen und Süden der Hallig Südfall zwischen der Insel Pellworm und der Halbinsel Nordstrand. Dabei handelt es sich vor allem um Brunnen, Schleusen und künstliche Erdhügel, auf denen die Häuser der Rungholter standen, die sogenannten Warften.

Andere Forscher halten diese Überreste jedoch für einen anderen Ort und vermuten Rungholt etwas weiter nordwestlich. Die exakte Lage ist also immer noch umstritten, nicht aber, dass es Rungholt tatsächlich gegeben hat.

Viele dieser Funde wurden kartiert, so manches ist inzwischen durch die Kraft der Nordsee wieder verloren gegangen. Einzelne Überreste wie Keramiken und Schwerter sind im Nordseemuseum in Husum ausgestellt. Die Überreste im Wattenmeer können nicht besichtigt werden. Sie sind meist unter Wasser und Sand verborgen. Nur beim Überflug aus geringer Höhe können Teile erkannt werden, so das Wetter mitspielt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...