Kaum zu sehen, aber im Trend: Historische Kunst unterm Rock

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Auf Schatzsuche Unsere Erzgebirgsregion ist reich an Kulturgütern. In einer Serie stellen wir die schönsten, außergewöhnlichsten und wertvollsten vor. Heute: Raritäten aus dem Gelenauer Strumpfmuseum.

Gelenau.

Wenn bei Robby Schubert das Telefon klingelt, muss es sich nicht immer um eine Anmeldung für das Corona-Testzentrum handeln. Schließlich ist das Gelenauer Strumpfmuseum, in dem sich die Station befindet, trotz derzeitiger Schließung unter Insidern immer noch ein echter Geheimtipp. "Erst kürzlich kam ein Anruf aus Bayern", berichtet der 26-Jährige. Natürlich hörte er ganz genau hin, denn trotz seiner aktuellen medizinischen Aufgaben ist er in Gelenau immer noch für die Abteilung Kultur zuständig. Angeboten wurden ihm im jüngsten Telefonat Strümpfe von Prinzessin Adelgunde. Gut möglich also, dass in den Vitrinen bald auch Kleiderschmuck zu bewundern sein wird, der einst die Füße der Tochter von König Ludwig III. zierte.

Um den Besuchern des Museums in der Zeit nach Corona weitere Attraktionen bieten zu können, freut sich Schubert natürlich über interessante "Neuzugänge". Wirklich angewiesen ist er darauf aber nicht, da in seinen Lagerräumen genügend Schätze schlummern. "Dort befinden sich mindestens 20.000 Paar Strümpfe", schätzt der Museumsleiter, der vor der schwierigen Aufgabe stand, aus den 50 Kisten eine Auswahl zu treffen. Für rund 400 Paar hat er sich letztlich entschieden, als er die Ausstellung neu einrichtete. Nicht nur mit digitalen Angeboten sollte sie aufgepeppt werden, sondern auch mit einer überschaubaren Sammlung unter dem Motto "In der Kürze liegt die Würze".

Welche Auswirkungen die historischen Exemplare - der älteste ausgestellte Strumpf wurde um 1850 von Auguste Reibestein gefertigt - auf die Nase hätten, lässt sich nicht sagen, liegen sie doch hinter Glas. Doch es geht ja auch nicht um Geruch, sondern um Geschmack. Und den bescheinigt Robby Schubert vor allem den Damen jeder Epoche. "Die Frauen haben schon immer mehr aufs Aufsehen geachtet", sagt der Gelenauer. Einen echten Grund dafür habe es eigentlich nicht gegeben, da die hohen Kniestrümpfe unter den langen Röcken ja eh kaum jemand sah. Und für die Initialen, die auf einen Hochzeitsstrumpf von 1880 eingearbeitet sind, brauchte nicht nur der Hersteller eine Lupe, sondern auch der Betrachter. Was wie ein kleiner Fleck wirkt, ist tatsächlich ein kleines Kunstwerk, auf das einst viel Wert gelegt wurde. Sonntags oder bei Hochzeiten an den Beinen ein schickes Muster zu tragen, sei den Frauen wichtig gewesen. "Es war ein Statussymbol", sagt Schubert, der die Frauen von früher zugleich als Trendsetter sieht. Denn obwohl die Strümpfe in der vor ihm stehenden Vitrine zwischen 1875 und 1915 gefertigt wurden, passen sie mit ihren Karos und ihren Streifen genauso in die Gegenwart: "Die könnte man problemlos auch heute noch anziehen."

Nicht nur zeitlich, sondern auch örtlich waren dem guten Geschmack aus Gelenau kaum Grenzen gesetzt. Nachdem sich 1741 dort die ersten Strumpfwirker angesiedelt hatten, entwickelte sich die Gemeinde laut Schubert zu jenen erzgebirgischen Strumpfdörfern, die mit ihren Produkten den gesamten Globus eroberten. "In der Hochzeit der Strumpfindustrie um 1900 kamen 70 Prozent des amerikanischen und schätzungsweise 80 Prozent des Weltmarktes an Strumpfwaren aus den Fabriken im Erzgebirge", erklärt der 26-Jährige, der die wirtschaftliche Entwicklung mit vielen historischen Maschinen in seinem Museum veranschaulicht. Genauso hat er dort noch andere Schätze zu bieten wie den Ehrenteller für den ersten Lehrling der Gelenauer Strumpfwirker-Innung aus dem Jahr 1842. Als echte Rarität bezeichnet Schubert zudem die Manschettenknöpfe eines Gelenauer Fabrikbesitzers, der sich darauf seine Kinder abbilden ließ. "Das hat damals sonst keiner gemacht", sagt der Museumsleiter, der womöglich bald sogar mit königlichen Raritäten aufwarten kann.

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