Der Kanadier und sein Chevrolet

Steve West nennt seinen Oldtimer liebevoll "Sunny" - wegen seiner Sonnen- blumen-Farbe. Zwei Jahre lang hat er an dem Pick-up gefriemelt.

Freiberg.

Wenn Steve West mit seinem sonnenblumengelben Chevrolet mit Ladefläche durch Freiberg fährt, zieht der Kanadier die Blicke auf sich. Denn der hochpolierte Oldtimer, Baujahr 1955, glänzt - und auch Steve West strahlt über das ganze Gesicht. Schließlich hat sich der 58-Jährige mit seinem "Sunny", wie er und seine Frau Sandra den Pick-up wegen dessen Farbe liebevoll nennen, einen Kindheitstraum erfüllt.

Der 1,94 Meter große Hüne bekommt einen versonnenen Gesichtsausdruck, wenn er von seinem ersten Chevy erzählt. Er wuchs im kanadischen Victoria, der Hauptstadt von British Columbia, auf. Als Jugendlicher erstand er einst einen alten hellblauen Chevrolet. Allerdings gab er diesen später wieder ab - was er noch immer bereut. Doch dann packte es ihn wieder, das Chevrolet-Fieber. Und das war vor zwei Jahren. Da lebte Steve West schon lange in Freiberg.


Einst war er 1995 als selbstständiger Zimmermann in die Bergstadt gekommen, um die Holzhäuser im Gentilly Park mit aufzubauen. Prompt lernte er in der damals angesagten Diskothek "Nightshift" seine heutige, ebenfalls 1,94 große Frau Sandra kennen und lieben, die sich zu dieser Zeit ihr Stipendium als Barfrau aufbesserte. Heute ist die gebürtige Freibergerin Lehrerin für Deutsch und Musik am Cottagymnasium in Brand-Erbisdorf.

1998 ging Steve West in seine Heimat nach Kanada zurück. Seine Freundin begleitete ihn, bekam aber keine Arbeitserlaubnis. Nach zehn Monaten entschieden sie sich für ein Leben in Deutschland. Im Juli 1999 heirateten sie. Danach arbeitete Steve West weiter als selbstständiger Zimmermann in Berlin, deutschlandweit, aber auch in Luxemburg. Irgendwann hatte er keinen Bock mehr auf Montagearbeit. Er bewarb sich bei einer Metall- und Stahlbaufirma in Burkersdorf, wo er seit Februar diesen Jahres arbeitet - und zufrieden ist.

Doch zurück zum Chevrolet. Sein Freund Daniel Schnecke aus Hilbersdorf fand den Oldtimer für ihn im Internet. Im Gegenzug stöberte Steve West für seinen Kumpel einen Ford T 29 in Victoria auf. Und dann begann die Arbeit.

In seiner großen Garage in Freiberg friemelte Steve West zahllose Stunden an dem Pick-up. Einige Teile musste er ganz ersetzen, oft als "Marke Eigenbau". Die Stoßstange für den Chevy ließ er sich aus den USA liefern, aber die hatte einen leichten Bogen drin. Was tun? Der pfiffige Kanadier fand eine Lösung: Er drehte die Stoßstange einfach um und bearbeitete sie. An einer Wand in der Garage lehnt ein Blech - der erste Versuch für eine Ladeklappe. "Doch damit war ich nicht zufrieden", sagt der Kanadier. Die Schließvorrichtung für die Klappe warf er zweimal weg, bevor es klappte. "Aber es macht mir Spaß, so etwas zu erfinden." Steve West ist Perfektionist. Wer die hochpolierte Ladefläche aus Edelstahl und Eichenholz und die blitzenden Chromteile des Chevrolets sieht, bekommt eine Ahnung davon, wie pedantisch er sein kann. Über diese Feststellung lacht der Kanadier. Bei ihm ist Perfektionismus mit Humor gepaart.

Zwei Jahre lang hat er den Chevy restauriert. Doch fertig ist er noch immer nicht, wie er sagt. Er zeigt auf die Aussparung in der Armatur, in die ein Radio reinkommen soll. "Da bin ich noch dran." Die Lust am Restaurieren habe er nie verloren. Wenn mal ne Flaute war, habe er sich ein "Corona" aufgemacht.

Beim 2. Freiberger US-Car-Meeting belegte Steve West im Juni den dritten Platz. Mit seinem Oldtimer ist er oft in Freiberg unterwegs - zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Sport. Rund 2000 Kilometer fährt er im Jahr. Und wenn es regnet? Der Kanadier verzieht das Gesicht. "Ein paar Tropfen sind okay, aber starker Regen ist ungünstig", sagt er dann. Deshalb habe er das Wetter immer im Blick.

Glücklicherweise habe seine Frau Sandra, die Chevy "Sunny" auch steuert, Verständnis für sein Hobby. Sie selbst hat ein ganz anderes Steckenpferd. Die 44-Jährige hat einen grünen Daumen und einen wunderschön blühenden Garten mit Obst und Gemüse. Im Sommerurlaub geht es übrigens nach Kanada - allerdings ohne den Chevrolet.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...