Die verzweifelte Suche nach einem Chemielehrer

Ausgefallener Unterricht, verkürzter Stundenplan: Der Lehrermangel ist längst auch an den Gymnasien angekommen. Eine Zwischenlösung in Marienberg schafft wieder neue Probleme.

Marienberg.

Mit der Situation zufrieden ist niemand, sagt Heidrun Enders. Eltern und Schüler nicht, Lehrer und Schulleitung genauso wenig. "Bildung ist schon schwer genug. Diese Unruhe im Schulbetrieb macht es noch schwerer", sagt das Mitglied des Elternratsvorstandes am Gymnasium Marienberg. Dabei hat das Schuljahr erst begonnen. Allerdings alles andere als optimal.

Der Lehrermangel in Sachsen mit Hunderten unbesetzten Stellen ist auch an der Bildungseinrichtung in der Bergstadt angekommen. Das Gymnasium hat keinen eigenen Chemielehrer. "Schon 2017 sind drei Kollegen bei uns in Rente gegangen", erklärt der amtierende Schulleiter Enrico Huth. Im vergangenen Schuljahr konnten eine Gastlehrerin aus Chemnitz und eine eigentlich bereits in den Ruhestand verabschiedete Lehrkraft den Unterricht abdecken. Bis zu diesem Sommer.

"Die Not war zu diesem Zeitpunkt groß", sagt Huth. Alle Versuche, Nachfolger zu finden, seien ohne Erfolg geblieben. Mit der Situation geht der Schulleiter offen um: "Wir haben den Elternrat früh ins Boot geholt." Das bestätigt Heidrun Enders: "Der Vorstand des Elternrates wird laufend informiert. Unseren Bedarf haben wir Eltern auch zu einem direkten Termin mit dem zuständigen Schulamt deutlich gemacht. Die Mängel liegen in der verfehlten Politik der letzten Jahre."

In der ersten Schulwoche fand am Marienberger Gymnasium deshalb gar kein Chemieunterricht statt. Ein Gespräch zwischen Landesamt für Schule und Bildung sowie den Leitern der Gymnasien im Bezirk ergab nun zumindest eine Zwischenlösung. Drei Gastlehrer aus anderen Schulen und eine Rentnerin decken seit Montag den Chemieunterricht teilweise ab. Während in der Sekundarstufe zwei das Fach damit ungekürzt unterrichtet werden kann, haben die Acht- bis Zehntklässler hingegen nur eine Chemiestunde pro Woche. Eigentlich sind zwei im Lehrplan vorgeschrieben.

Die Gastlehrer verhindern also in Marienberg einen Komplettausfall der Naturwissenschaft. Doch mit dieser Lösung werden wiederum an den eigentlichen Schulen dieser Lehrkräfte Löcher gerissen. Enrico Huth bringt es auf den Punkt: Zu seinen 42 Kollegen benötigt er zusätzlich zwei eigene Chemielehrer, um den Unterricht für seine 566 Schüler abzudecken. Für nächstes Schuljahr stehe zumindest eine Seiteneinsteigerin in Aussicht.

Doch nicht nur Chemie bereitet Sorgen. Noch kritischer sieht der Elternrat im Moment die Lehrplankürzungen in Musik. Die Klassen sieben, acht und neun werden in diesem Fach derzeit gar nicht unterrichtet. "Eigentlich haben wir quasi anderthalb Musiklehrer. Einer befindet sich aber in Elternzeit", begründet Huth die Situation.

Ausgefallener Unterricht, verkürzter Stundenplan: Im Erzgebirge steht das Marienberger Gymnasium mit diesen Problemen längst nicht alleine da. Am Annaberger Landkreisgymnasium beispielsweise haben die Siebtklässler nur eine statt der zwei im Lehrplan vorgeschriebenen Physikstunden. Michaela Bausch vom Landesamt für Schule und Bildung bestätigt, dass an den Gymnasien vor allem Fachlehrer für Naturwissenschaften, Mathematik, Musik und Sport gesucht werden.

Und Enrico Huth sieht das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht: "Zu wenig Lehramtsstudenten für die Fächer Physik und Chemie, hohe Hürden bei der Aufnahme eines Musikstudiums: Uns fehlt es an Nachwuchs. Die Probleme werden also nicht geringer."


180 Seiteneinsteiger an erzgebirgischen Schulen seit 2015

Wie viele Lehrer an staatlichen Schulen im Erzgebirgskreis exakt fehlen, lässt sich nicht genau beziffern, sagt Michaela Bausch vom Landesamt für Schule und Bildung. Oft handele es sich um einzelne Stunden in den Fächern. Zudem sei das Einstellungsverfahren ein permanenter Prozess.

Für die Gymnasien im Landkreis werden Lehrkräfte mit Fachkombinationen Naturwissenschaften, Mathematik, Musik und Sport gesucht. "In Grundschulen werden vor allem Klassenlehrer benötigt. Im Förderschulbereich mangelt es an förderspezifisch ausgebildeten Lehrkräften. In den Oberschulen brauchen wir Lehrer für Naturwissenschaften, Wirtschaft-Technik-Haushalt, Informatik und Musik", so Bausch. Wegen Langzeiterkrankungen, Schwangerschaften und Eintritt in den Ruhestand könne sich der Bedarf jederzeit ändern.

Seiteneinsteiger spielen auch im Kreis eine große Rolle. Seit 2015 wurden an den 82 Grundschulen etwa 100 Personen eingestellt, die in den Lehrerberuf wechselten. An den 28 Oberschulen sind es rund 80. Viele von ihnen müssen die Doppelbelastung von Beruf und Ausbildung tragen. Von den Seiteneinsteigern an den Grundschulen befindet sich die Hälfte in der wissenschaftlichen sowie schulpraktischen Ausbildung oder haben bereits ihre Ausbildung beendet, erklärt Bausch. An den Oberschulen seien es 70 Prozent. (rickh)

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