Sonderausstellung widmet sich erstmals dem Reifendrehen

Als eine Art vorindustrielle Serienfertigung entstand das Handwerk als spezielle Form der Langholzdrechselei vor mehr als 200 Jahren im Raum Seiffen. Hunderte Exponate geben ab Samstag im Spielzeugmuseum über diese Kunst Auskunft.

Seiffen.

Reifendrehen ist weltweit ein wohl einzigartiges Handwerk. "In unserer Dauerausstellung sind das Reifendrehen und die Produkte vielfach zu finden. Im Freilichtmuseum zählt die Vorführung des Reifendrehens in der Originalwerkstatt zu den Höhepunkten", sagt Konrad Auerbach, Leiter der Seiffener Museen. Nun widmet sich das Erzgebirgische Spielzeugmuseum zum ersten Mal diesem Thema in einer Sonderausstellung.

Als eine Art vorindustrielle Serienfertigung entstand das Reifendrehen als spezielle Form der Langholzdrechselei vor mehr als 200 Jahren im Raum Seiffen. Dabei wird aus einem nassen Stück Fichtenholz, das sich an der Drechselbank dreht, ein sogenannter Reifen gefertigt. Der Drechsler, besser Reifendreher, muss sich dabei sehr konzentrieren und benötigt eine große Vorstellungskraft.

Schon im ersten Moment des Aufspaltens, was meist mit einem Messer und einem Hammer geschieht, erkennt der Reifendreher, ob seine Arbeit erfolgreich war und er die gewünschte Form erschaffen hat. Je nach Reifengröße und Art der Form entstehen nach diesem Arbeitsgang zwischen 40 und 60 Rohlinge - meistens Tierfiguren. "Ziel der Technologie war es, möglichst schnell und damit billig Schnitzrohlinge herzustellen", erklärt Konrad Auerbach. Denn im Gegensatz zur aufwendigen Einzelstückfertigung konnte ein einziger Reifendreher gleich mehreren Spielzeugherstellern preisgünstige Halbfabrikate zur weiteren Verarbeitung liefern.

Die daraus resultierende höhere Produktivität, Ausdruckskraft und Eigenständigkeit der erzgebirgischen Spielwarenerzeugung trug maßgeblich dazu bei, dass die in der Region erzeugten Holzspielwaren weltweit konkurrenzfähig wurden und blieben. "Weil wir in den vergangenen Jahren immer wieder interessante Objekte der Reifendreherei bekommen haben und unser Fundus entsprechend angewachsen ist, lag es nahe, eine Sonderausstellung zusammenzustellen", fügt Konrad Auerbach an. Hunderte Exponate geben bis Anfang November einen Überblick über die Entwicklung dieses Handwerks. Reifentiere wurden Konrad Auerbach zufolge in neun handelsüblichen Größen von 20 bis 70 Millimetern Rückenhöhe hergestellt.

Zugleich wurden verschiedene thematische Grundsortimente entwickelt. Das sogenannte Schock- oder Pfennigvieh stellte beispielsweise die niedrigste Qualität dar. Im Gegensatz zum "besseren Vieh" waren solche Figuren zumeist dünn abgespaltet, kaum beschnitzt und nur flüchtig gefärbt. Fein beschnitzte und mit Kreide behandelte Tiere wurden als "Kreidevieh" bezeichnete weiße Ware zusammengefasst. "Eine Eigentümlichkeit waren Reifentiere mit zur Seite gedrehtem Kopf", sagt Konrad Auerbach.

Die Sonderschau widmet sich aber nicht nur unterschiedlichen Formen und Abwandlungen des Reifendrehens, sondern stellt auch einzelne Reifendreher mit ihren Spezialitäten vor. Auch werden neben verschiedenen Tierarten oder reifengedrehten Besonderheiten historische Füll- und Schachtelwaren gezeigt. Denn reifengedrehte Erzeugnisse fanden sich in prachtvollen Jagdsortimenten, in Tiergärten, Viehweiden oder Schäfereien. Archenschiffe waren damals mit bis zu 300 Tierfiguren gefüllt und gehörten im 19. Jahrhundert zu den wichtigen Exportartikeln der erzgebirgischen Spielzeugregion.

Die Sonderausstellung "Ringe, Tiere, Schachtelware. Die Faszination des Reifendrehens" im Erzgebirgischen Spielzeugmuseum in Seiffen, Hauptstraße 73, ist von Samstag bis 1. November täglich in der Zeit von 10 bis 17 Uhr zu sehen.


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