Der Druck auf Schwangere wächst

Zur Entscheidung, dass Risikoschwangere Bluttests auf Down-Syndrom als Kassenleistung erhalten können

Es war eine der ethisch schwersten Entscheidungen, die der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen am Donnerstag zu treffen hatte. Denn sie wird als Positionierung des Gesetzgebers Behinderten gegenüber bewertet.

Doch das ist nicht richtig: Bereits seit mehr als 30 Jahren gibt es diagnostische Möglichkeiten, um Schwangere auf eine mögliche Trisomie ihres Kindes, also etwa ein Down-Syndrom, zu untersuchen. Die Fruchtwasserpunktionen sind jedoch risikoreich, weil sie die Gefahr einer Fehlgeburt erhöhen. Doch sie sind zugelassen, und sie sind Kassenleistung. Seit 2012 wird nun ein für das Ungeborene unschädlicher Bluttest angeboten. Den müssen die Schwangeren derzeit noch selbst bezahlen.

Die Entscheidung, die der Bundesausschuss am Donnerstag also wirklich zu treffen hatte, war die über Ja oder Nein zur Zwei-Klassen-Medizin in der vorgeburtlichen Diagnostik. Nichts anderes stand zur Debatte, weil sich finanziell bessergestellte Schwangere die rund 300 Euro für die Blutuntersuchung problemlos leisten können, finanziell schwächere aber den risikoreicheren Weg wählen müssen. Bliebe es dabei, wäre das zutiefst unethisch. Der Bundesausschuss hatte somit gar keine andere Wahl, als den Bluttest als Kassenleistung freizugeben. Er hat damit erwartbar, aber richtig entschieden.

In seiner Hand hätte es jedoch gelegen zu verhindern, dass der Bluttest zu einer Reihenuntersuchung aller werdenden Mütter wird. Doch genau das ist dem Ausschuss nicht wirklich gelungen. So soll der Test immer dann Kassenleistung sein, wenn im Rahmen der ärztlichen Schwangerenbetreuung die Frage entsteht, ob eine Trisomie vorliegen könnte und dies für die Schwangere eine unzumutbare Belastung darstellt. Ja, tut es das nicht immer? Alle Eltern wünschen sich ein gesundes Kind. Und Schwangere über 35 Jahre sind bereits eher die Regel als die Ausnahme. Mit dem Alter steigt das Risiko für Trisomien. Die Eingrenzung des Tests auf Risikoschwangere ist damit nur Augenwischerei. Auch wenn betont wird, dass die Frauen darin unterstützt werden müssten, eine eigenständige und informierte Entscheidung über vorgeburtliche Diagnostik zu treffen.

Diese eigenständige und informierte Entscheidung wird in der Realität nämlich selten von der Frau allein getroffen. Viele fühlen sich schon heute von ihrem Umfeld dazu genötigt, alle erdenklichen Untersuchungen durchführen zu lassen. Sie setzen sich und ihre Familien damit einem großen psychischen Druck aus. Und jeder weitere neue Test verstärkt diesen Druck. Wird die Diagnostik aber abgelehnt, muss sich die Schwangere nicht selten dafür rechtfertigen. Und das ist das eigentliche Problem.

Denn es zeigt, dass Behinderte in unserer Gesellschaft nicht wirklich willkommen sind. Sicherlich geschieht das meist aus Unwissenheit, denn die Behinderten bleiben oft unter sich. Die zunehmende Inklusion in Kita und Schule könnte aber den Blick auf das Potenzial dieser Menschen erweitern. Das wäre uns zu wünschen.

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