Griechenland-Krise: Syriza statt Sirtaki

Die EU-Finanzminister beschließen die letzte Tranche des dritten Hilfspakets für Griechenland

In Sachen Krisenbewältigung ist Alexis Sorbas ein Vorbild. Als sein grandioser Einfall, auf Kreta eine Seilbahn für Bauholz zu legen, bei der Generalprobe krachend scheitert, schaut er kurz in die Ferne, kratzt sich am Hinterkopf und fragt dann seinen fassungslosen Partner: "Hast du jemals erlebt, dass etwas so bildschön zusammenbricht?"

Scheitern als Chance.

Jetzt haben sie Tsipras statt Sorbas, Syriza statt Sirtaki in Griechenland. Die Kernschmelze ihrer Staatsfinanzen und der davon ausgelöste Verlust an Vermögen, an Würde und an Selbstbestimmung wird hierzulande unter dem Kürzel "Griechenland-Rettung" wie ein rein ökonomisches Problem verhandelt.

Dabei brauchte es Jahrzehnte, den Schlamassel anzurühren, und nicht nur verantwortungslose griechische Eliten haben mitgemacht. Zu Helmut Schmidts Zeiten stießen die Griechen zur Europäischen Gemeinschaft, die ihre Flanke stärken und die junge griechische Demokratie stabilisieren wollte. Gerüchte über Bilanztricks und ein Unterlaufen der Maastricht-Kriterien wurden schon vor dem Beitritt Griechenlands zur Währungsunion und zum Euro laut. Die Athener Finanzzauberer waren gut beraten von westlichen Investmentbankern. Die EU-Bürokratie schaute träge weg. Griechische Haushalte wurden Jahr um Jahr in Brüssel durchgewinkt. Die private und öffentliche Verschuldung schwoll so lange an, bis das Vertrauen der Finanzmärkte wegbrach wie Sorbas' Seilbahn.

Es waren die griechischen Mandatsträger der so eng vernetzten großen europäischen Parteien - Sozialisten wie Konservative - die in jenen Jahren die Regierungsverantwortung in Athen innehatten. Als die Europäer, und hier vor allem die Deutschen, den Griechen ihren Austeritätskurs aufnötigten, gehörte das zu den Auslösern einer Radikalisierung in der griechischen Politik. Unvergessen, wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel die Griechen schalt, als die eine "Koalition der Radikalen Linken" - Syriza - an die Schaltstellen der Politik beförderten. Deren Anführer Alexis Tsipras hat sich, Stand Freitag, dem Diktat der EU-Finanz-Troika gefügt. Dafür sprang der Fünf-Monats-Minister Yanis Varoufakis über die Klinge, der nun mit einer eigenen linken Bewegung einen politischen Neustart von der Straße aus versucht. Über den wahrhaft richtigen Krisen-Ausweg - Sparzwang, Privatisierung, Grexit - streiten die Wirtschaftsweisen übrigens bis heute, mit Nobelpreisträgern auf beiden Seiten der Barrikade.

Varoufakis' Bericht über seine Mission, das Buch "Die ganze Geschichte", lohnt vor allem deshalb die Lektüre, weil er die Machtmechanismen in Europa offenlegt. Es hinterlässt ein schales Gefühl, so sehr ist diese "Rettung" von gnadenlosem Dogmatismus, undemokratischen Prozessen und sozialer Ruchlosigkeit geprägt. Ein großer, großer Schmerz. Danach versteht man die Weisheit des Alexis Sorbas, wonach man manchmal die Waage kurz und klein schlagen müsse, wenn es darum geht, seine Seele zu retten.

Athen mag nun den Zugang zum Kapitalmarkt zurückgewinnen, es ist nur ein technischer Sieg. Löhne und Renten sind gekürzt, Einkommensquellen ins Ausland verkauft, Investitionen gekappt. Wie dieses Land jemals seine Schulden tilgen und Handlungsfähigkeit zurückgewinnen soll, steht in den Sternen.

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