Merkel will die Welt retten. Wer noch?

Angela Merkels Flüchtlingspolitik ist eine große Zumutung. Ausgang ungewiss. Auf lange Sicht setzt sie an den richtigen Punkten an, global gesehen stimmt das Konzept und mit hoher Wahrscheinlichkeit käme am Ende auch für Deutschland das Bestmögliche heraus - wenn alles gut geht.

Das Problem: Merkels Ansatz entspricht zwar einer geradezu wissenschaftlichen Rationalität, passt aber nur schwer zur Kurzfristigkeit einer Demokratie. Mag sich die Kanzlerin auch nicht um einzelne Wahlergebnisse und Meinungsumfragen scheren, eine solche lange Linie führt nur dann zum Erfolg, wenn man im Land die Mehrheit hinter sich hat und um sich herum genügend Verbündete.

Merkels Politik ist Weltpolitik, das ganz große Rad. Würde man aber die Deutschen fragen, ob sie Lust darauf haben, mal eben schnell die Welt zu retten - oder ob sie es nicht für besser hielten, sich für ein paar Jahre einzuigeln, mit einem zunächst geringen Komfortverlust, so dürften es die Weitsichtigen schwer haben.

Recht hätten sie zwar trotzdem, aber danach geht es nicht in der Demokratie. Es geht um Mehrheiten. Und die gewinnt, wer überzeugt. Am besten mit Erfolgen.

Merkels Bilanz ist zwiespältig, hängt stark vom Maßstab ab. Sie hat mit ihrer Nothilfe den Staat an den Rand seiner Möglichkeiten gebracht. Sie hat die Demokratie aufs Äußerste strapaziert, eine Verschärfung der Sicherheitslage in Kauf genommen und angesichts der Reaktionen darauf die (längst vorhandenen, aber vielerorts noch verdeckten) Verwerfungen in der Gesellschaft aufbrechen lassen. Die Verrohung des Streits, der Autoritätsverlust des Staates haben bedrohliche Ausmaße angenommen.

Tritt man einen Schritt zurück, sieht man dagegen ein Land, in dem zwar auch die, die es schaffen wollen, ziemlich geschafft sind. Man sieht aber auch ein Land, das der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg nach nur einem Jahr die Spitze genommen hat. Ein Land, das wieder zu einem geordneten Verfahren der Einreise gefunden hat, dessen Wirtschaft nach wie vor brummt, dessen Menschen trotz aller Schwierigkeiten eine große Hilfsbereitschaft zeigen. Ein Land, das bewiesen hat, dass es schnell entscheiden kann, wenn es darauf ankommt. Ein Land, das trotz großer Spannungen vom politischen Extremismus weniger demoliert wurde als viele seiner Nachbarn. Historisch gesehen ist das so schlecht nicht.

Natürlich ist die Entscheidung, was unsere Kinder einst über diese Tage sagen werden, noch lange nicht gefallen. Die Aufgabe ist riesig. Mehr als 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Ursachen liegen in ignorierten Konflikten, grundfalschen Kriegen, kolonialen Folgen und einem globalen Wirtschaftssystem, von dem wir alle hier in Deutschland profitieren.

Es ist utopisch, all diese Probleme innerhalb auch nur eines Menschenlebens in den Griff zu bekommen. Um aber wenigstens die wichtigsten in Angriff nehmen zu können, braucht man im Inneren Ruhe und vom Ausland Unterstützung. Deshalb hat Merkels Offenheit mittlerweile starke Grenzen gefunden. Nur stehen die nicht in Bayern, sondern in Ungarn und entlang des Mittelmeeres. Es ist der Versuch, Zeit zu gewinnen und Ruhe, damit man das große Rad überhaupt nur anschieben kann.

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2Kommentare
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  • 1
    0
    aussaugerges
    07.09.2016

    In der Sendung ,,Hart aber Fair" hat ei ehemaliger SPD Mann mal richtig Klartext gesprochen.

    Es war eine leidenschaftliche Rede.

  • 1
    0
    kauzig
    04.09.2016

    Solidarität.

    Was in Deutschland und Europa funktioniert hat, ist wahrscheinlich genauso für die internationalen Beziehungen wichtig, um Frieden und ein Mindestmaß an Wohlstand zu schaffen. Wahrscheinlich würde die zivile Unterstützung aermerer Laender durch die Industriestaaten nicht mal weh tun, eher das Gegenteil.

    In den Beziehungen zwischen Staaten und Völkern ist es wie mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Eine große Rolle spielt Vertrauen, keine schmutzigen Waffengeschäfte, Unterstützung beim Aufbau von Lebensgrundlagen (Nahrung, Unterkunft, Sicherheit, Bildung, Perspektive durch (faire) Wirtschaft).



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