Pro & Kontra zur Organspende: Ist die Widerspruchsregelung richtig?

Eine Gesetzesnovelle macht alle Bürger zu Organspendern, sofern sie nicht zu Lebzeiten widersprochen haben. Das Vorhaben trifft auf geteilte Meinungen.

PRO: Auch bei der Widerspruchsregelung wird keiner zur Organspende gezwungen - man kann ja jederzeit widersprechen, sagt Redakteurin Jana Klameth. 

Organspende - das ist kein schönes Thema. Schließlich ist man tot, ehe man als Spender in Frage kommt. Entsprechend überrascht reagierte meine Familie, als ich vor einigen Jahren verkündete, dass ich einen Organspendeausweis habe. Meinen Schritt fanden die meisten gut - selbst hatte aber keiner einen solchen Ausweis. Schließlich wurde schnell das Thema gewechselt - über den potenziellen Tod wollte man nicht reden.

Meine Familie ist ein Spiegel für ganz Deutschland. Eine repräsentative Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2018 hat ergeben, dass 84 Prozent Organspenden positiv gegenüberstehen - einen Organspendeausweis haben aber nur 36 Prozent. Auf die Frage nach dem Warum sagte die Mehrheit: Ich habe mich noch nicht oder zu wenig damit beschäftigt. Vor diesem Hintergrund scheint mir die Widerspruchsregelung eine gute Lösung. Damit könnte die Mehrheit, die dem Thema positiv gegenübersteht, unbürokratisch und einfach Spender werden. Und die Minderheit, die Organspenden ablehnt, kann problemlos und ohne jede Begründungspflicht widersprechen. Die "doppelte Widerspruchslösung" stellt zudem sicher, dass vor der Organentnahme auch noch die Angehörigen gefragt werden, ob ihnen ein "entgegenstehender Wille" des Patienten bekannt ist. Alles in allem ein Modell, das den knapp 10.000 Menschen, die derzeit auf eine Organspende hoffen, helfen kann.


KONTRA: Das Vorhaben des Gesundheitsministers unterläuft das Wesen der Spende. Menschen werden zu Selbstbedienungsläden, meint Redakteurin Antje Kloppenburg.

Die Widerspruchslösung bei einem derart persönlichen und emotionalen Thema wie der Bereitschaft zur Organspende ist falsch. Mit seinem Vorhaben degradiert Gesundheitsminister Spahn die Spende zu einem gesetzlichen Akt - und konterkariert damit den Grundgedanken der Spende - Freiwilligkeit. Jeder, der sich nicht ausdrücklich dagegen ausspricht, wird Spender. Drastisch ausgedrückt: Tote werden zu Selbstbedienungsläden - man entnimmt, was man benötigt. Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper wird nahezu ausgehebelt, weil aktives Handeln notwendig ist, um es zu behalten. Wissen wir denn, aus welchen Gründen sich Menschen mit dem Thema nicht auseinandersetzen wollen oder können? Es ist falsch verstandene Solidarität mit Schwerkranken, Hirntote zum Objekt des Staates zu machen. Dem Staat ist es bisher nicht gelungen, verlorenes Vertrauen in die Organspende zurückzugewinnen. Fast noch gravierender: In den Kliniken wird oft gar nicht erkannt, wer Organspender ist. Auch Zahlen sind nicht ganz unwichtig: Bereits heute erfolgt in 76 Prozent der Fälle bei Hirntod eine Zustimmung zur Organspende. Da 16 Prozent der Bevölkerung nicht spenden wollen, ist selbst im besten Fall nur eine geringe Steigerung der Zustimmungsrate zu erwarten. Doch über all dem sollte nicht vergessen werden: Wer sich dagegen entscheidet, hat kein Menschenleben auf dem Gewissen.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    CPärchen
    02.04.2019

    Man sollte es jedem freistellen. Was mich nur stört ist, dass Spender und Nichtspender im Bedarfsfall gleichgestellt werden.
    Ich finde es aber unfair, wenn meine Organe im Falle des Hirntodes an Jemanden gehen, der andersherum mich hätte sterben lassen.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...