Träumereien eines Nachwuchstalents

zu den Sozialismus-Ideen von Juso-Chef Kevin Kühnert

Kevin Kühnert ist seit November 2017 Vorsitzender der Jungsozialisten, der Nachwuchsorganisation der SPD. Als Juso-Vorsitzender hat der 29-Jährige bei den Sozialdemokraten - anders als viele seiner Vorgänger - eine gewisse Bedeutung und bundesweite Bekanntheit erlangt, weil er vehement gegen eine Neuauflage der Großen Koalition gekämpft hat. Sein Widerstand gegen das Partei-Establishment hat ihm auch an der SPD-Basis viel Respekt eingebracht. Bei seinen Reden auf Parteitagen wird er deshalb regelmäßig gefeiert.

Nun hat Kühnert in einem Interview mir der Wochenzeitung "Die Zeit" über sein sozialistisches Weltbild philosophiert. Es geht dabei um Kollektivierung von Unternehmen, die Überwindung des Kapitalismus und den Weg zu einem demokratischen Sozialismus. Das Interview strotzt vor Naivität eines politischen Träumers. Ein Beispiel: "Ich finde nicht, dass es ein legitimes Geschäftsmodell ist, mit dem Wohnraum anderer Menschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten", sagt Kühnert und leistet damit seinen Beitrag zur Enteignungsdebatte. Genauso gut könnte man Ärzten vorwerfen, dass sie ihr Einkommen mit der Krankheit anderer Leute verdienen oder Landwirte beschimpfen, weil sie Geld für ihre Kartoffeln verlangen, ohne die wir sonst nicht genug zu essen hätten.

Selbst bei der Frage der "Zeit"-Redakteure, ob ihm nicht zu denken gebe, dass es eine sozialistische Ordnung, wie sie ihm vorschwebt, noch nie gegeben hätte, macht Kühnert keinen Rückzieher: "Das ist ja erklärbar. Es hatte ja in den meisten Fällen mit dem eklatanten Mangel an demokratischer Mitbestimmung zu tun. Deswegen ist für mich demokratischer Sozialismus ein untrennbares Begriffspaar. Sozialismus ist kein autoritäres Konzept." Wer so etwas 30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Ende der Sowjetunion sagt, leidet an Geschichtsvergessenheit. Oder man könnte es auch freundlich mit einem Zitat von Winston Churchill sagen: "Wer in jungen Jahren nicht links ist, der hat kein Herz. Wer es im Alter noch immer ist, der hat kein Hirn." Aber Kühnert ist ja noch jung und auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder war in jungen Jahren Marxist.

Kühnerts Wortmeldung entspricht durchaus der Beschlusslage der Jusos, nicht aber unbedingt der SPD, in deren Wahlprogramm von 2017 der Begriff des demokratischen Sozialismus nicht auftaucht. Man könnte in dem Interview deshalb den Versuch eines Nachwuchspolitikers sehen, die Sozialdemokraten wieder an ihre ursprünglichen Visionen zu erinnern.

Doch seiner Partei erweist der Juso-Chef damit in den anstehenden Wahlkämpfen einen Bärendienst. Denn er macht erneut die innere Zerrissenheit der SPD zwischen ideologischer Herkunft und tatsächlicher, ziemlich pragmatischer Politik deutlich. Für die anderen Parteien ist diese Revolutionsromantik ein gefundenes Fressen für den Wahlkampf. Kühnert hat sich vergaloppiert. Für wichtige Posten in der SPD ist das Nachwuchstalent erst einmal verbrannt.

Bewertung des Artikels: Ø 2 Sterne bei 2 Bewertungen
9Kommentare
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    4
    saxon1965
    03.05.2019

    @1519784: Daumen hoch!
    Es gibt eine Studie, die beschreibt, dass die Lebensqualität von s. g. Reichen in den Ländern am höchsten ist, in denen die Schwere zwischen Ärmeren und Reicheren gering ist. Was habe ich von Millionen und aber Millionen, wenn ich in gepanzerten Limousinen fahren, hinter Stacheldraht und Mauern leben muss und für meine Kindern einen Bodyguard benötige?
    Wie würde diese Welt wohl funktionieren, wenn zum Beispiel nur sehr wenig an Besitz vererbt werden könnte? Man würde leben und leben lassen, anstelle zu horten! Wir alle haben nur das eine endliche Leben!

  • 9
    3
    1519784
    03.05.2019

    Die Reaktion auf die Äußerungen von Kühnert sind typisch für den Umgang mit Meinungen, die nicht in die offizielle Linie passen. Ich war bisher nicht der größte Fan von Kevin Kühnert und ich würde auch nicht jede seiner Auffasungen teilen , aber es nötigt mir hohe Achtung ab, dass er seine Vision ohne Rücksicht auf mögliche negative Auswirkungen auf seine Karriere offenlegt. Alle schlagen jetzt mit der Empörungskeule auf ihn ein.
    Besser wäre es, ausgehend von Kühnerts Thesen endlich einmal eine Diskussion über die angemessene Form zu diskutieren, wie die Herausforderungen, die durch Informationstechnik, Völkerwanderung , Umweltzerstörung und extreme Ungleichverteilung des Reichtums entstehen, zu beherrschen sind. Meiner Meinung ist das deutsche Modell, mit diesen Problemen umzugehen, nicht mehr zeitgemäß. Die "Lösungen" sind immer nur zeitlich und lokal punktuell und finden nur dann statt, wenn die Empörungen aufkochen. Die Appelle an den "gesunden Menschenverstand", wie bei der 130 kmh-Diskussion sind lachhaft, genauso wie das "freie Spiel der ökonomischen Kräfte" als sinnvolles Regulativ zu bezeichnen.
    Man sollte sich fragen, warum sich China zu einem Wirtschaftsriesen entwickelt hat. Ich bin wahrlich nicht für eine Wirtschaftsdiktatur, aber wenn man Visionen hat, wie unser Land in dreißig Jahren aussehen soll, muss man Richtungen vorgeben, die auch Ge- und Verbote einschließen. Wir haben viele kluge Menschen in unserem Land, die im Rahmen eines demokratischen Prozesses diese Richtung bestimmen könnten. Die Reaktionen auf Kühnert sind destruktiv, fangen wir endlich an, unser kreatives Potenzial zu nutzen.

  • 1
    3
    saxon1965
    03.05.2019

    Berichtigung:
    "Mit einem Durchschnittsvermögen von 40 bis 60.000 € je Deutschem Sparer, hat diese Familie das 517.000 Fache,...

  • 9
    5
    Freigeist14
    03.05.2019

    Kevin Kühnert wurde lediglich zum 1.Mai befragt,wie er sich den Sozialismus vorstellen würde . Alles denkbar vage .Von einer geplanten SPD-Politik war gar nicht die Rede .Er nannte Kollektivierung als Voraussetzung für eine gerechte Verteilung von Unternehmensgewinnen . Das stimmt so nicht - kann man aber als theoretische Träumerei abheften . Aber nein : In seltsamer Einigkeit wird der JUSO-Chef von "Handelsblatt" bis "BILD"ins Lächerliche gezogen : "Trabis vom BMW.Band " und Vergleiche mit Mao und Honecker. Das ist so würdelos,dumm und ein Zeichen ,was junge Leute von der BRD 2019 zu erwarten haben . Jedenfalls keine Visionen .

  • 7
    5
    Freigeist14
    03.05.2019

    Ein erwartbarer Kommentar der Wirtschaftsredaktion der FP . Sonst reicht es nur zu einem erhobenen Zeigefinger bei den unsozialen Verwerfungen im Lande . Wenn Kevin Kühnert die Renditemaximierung mit Wohnraum und Besitz eines Münchner Automobilherstellers durch Nichtstun hinterfragt ist es lediglich naiv zu glauben,keine massive Reaktion und Ankanzelung durch selbsterklärte Marktwirtschaftler zu erwarten . Unverschämt wird es ,den Urheber des Kalten Krieges Winston Churchill zu zitieren und den Juso-Chef zu beleidigen . Brav, Herr Ulrich .Auftrag erfüllt !

  • 6
    5
    saxon1965
    03.05.2019

    @Hankman, ich gebe ihnen prinzipiell Recht, auch wenn ich wohl Kühnerts Theorien etwas mehr abgewinnen kann.
    Bei dieser Angelegenheit offenbart das System mal wieder sein eigentliches Gesicht bzw. zeigen sich mal wieder deren Schwächen. Anstatt sachlich diskutiert wird, "bellen die getroffenen Hunde". Wie schwach ist doch diese hochgelobte Demokratie. Der Sozialismus in der DDR war gescheitert. Das kann niemand in Abrede stellen. Aber ist deshalb der Grundgedanke falsch?
    Im Kapitalismus steht der private Vorteil allen Handelns im Mittelpunkt. Im Sozialismus steht dagegen das Allgemeinwohl im Vordergrund. Beides zu Vereinen, ein gesundes Mittelmaß zu (er)finden, dass ist längst überfällig zu diskutieren.
    Und wer meint, nur weil er 2.000 Euro auf die Hand verdient und das sind bei weiten nicht Alle, nicht ausgebeutet zu werden, der sollte sein Lebensniveau ins Verhältnis setzen zu dem der reichen Römer und ihren Haussklaven. Damals gab es noch keine Quandts mit geschätzten 31.000 000 000 Millionen Euro (31 Milliarden) Vermögen. Mit einem Durchschnittsvermögen von 40 bis 60.000 € hat diese Familie das 517.000 Fache, wenn ich richtig gerechnet habe. Und dieses Vermögen kann sich eine Familie nie und nimmer alleine ERARBEITET haben!
    Das Einzelne Menschen durch Vernichtung unserer Erde reich werden und die große Masse der Erdbevölkerung die Zeche dafür bezahlt, ist genau so ein nicht länger hinnehmbarer Fakt.

  • 6
    4
    Zeitungss
    03.05.2019

    @Hankmann: Sehr schöner und treffender Beitrag, welcher leider nicht überall gut ankommt, was wohl am Thema liegt, wenn man die Felle davonschwimmen sieht.
    Ich stelle mir gerade einmal diesen Zustand vor.
    VEB BMW oder VEB VW wäre etwas gewöhnungsbedürftig, der aufmunternde Teil wäre aber der, den Aktionären würde der Alk in den Adern gefrieren wenn sie auf das verzichten müssten, was andere mühselig erarbeitet haben. Dieser Satz hinkt etwas, ist mir durchaus bekannt, der Aktionär teilt eben nicht mit den Erschaffern der Werte, die werden nur abgespeist, nach Möglichkeit geringfügig.
    Das jetzige System rennt sich tot wenn man es in der jetzigen Form noch auf die Spitze treibt, was bekannt sein dürfte. Gedanken über eine Erneuerung wären durchaus angeracht, welche Art es sein sollte, wäre nachzudenken.

  • 8
    3
    Nixnuzz
    03.05.2019

    Dito! 1 grüner von mir! ...ohne rot oder grün anzulaufen...

  • 15
    5
    Hankman
    02.05.2019

    Ich habe das "Zeit"-Interview mit Kühnert gelesen und wundere mich ein bisschen über die hysterischen, teils wutschnaubenden Reaktionen. Es ging in dem Interview darum, wie sich Kühnert einen demokratischen Sozialismus vorstellt. Die Frage war nicht, was er nächstes Jahr als Vorlage in den Bundestag einbringen möchte. Es ging um Visionen, um Utopien. Aber wie das immer so ist, werden einfach ein paar Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und die Meute verbeißt sich in die Fetzen. Man muss Kühnerts Visionen und Ideen überhaupt nicht teilen. Ich für meinen Teil finde auch manche überdreht. Aber man kann sie erst mal in Ruhe durchdenken und dann sachlich darüber diskutieren. Und vor allem sollte man Menschen, die sich ernsthaft Gedanken machen, erst einmal grundsätzlich ernst nehmen.

    Was nicht geht: alles, was nur ein bisschen nach "links" riecht, gleich pauschal als dummes Zeug und Spinnerei abzutun. Das ist ein mieses, reaktionäres Verhaltensmuster. Die Konservativen haben auch die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Ihr Gesellschaftskonzept ist auch gerade dabei, krachend zu scheitern, wie sich im sozialen Bereich und in der Umweltpolitik eindrucksvoll besichtigen lässt. Also haltet mal den Ball flach. Im Idealfall gibt es eine gesellschaftspolitische Debatte, in der konservative, linke, liberale, grüne und andere Ideen in einen Wettstreit treten. Und im Diskurs kristallisieren sich dann hoffentlich die besten Idee heraus, die den Menschen am meisten nützen.

    Un noch was zu dem "coolen" Spruch, der Churchill zugeschrieben wird (was indes umstritten ist). Er könnte genauso gut lauten: "Wer in jungen Jahren konservativ ist, der hat kein Herz. Wer es im Alter noch immer ist, der hat kein Hirn." Aber, wie gesagt, ich bin eigentlich dagegen, andere Haltungen und Meinungen einfach so abzubügeln.



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