Abwarten und Bier trinken

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Wenn's mal wieder länger dauert... macht nichts.

Warten ist eine der meistunterschätzten Tätigkeiten, die es überhaupt gibt. Warten Sie mal, ich erkläre gleich, warum. Moment ... Dauert noch kurz ... Gleich geht's los. Haben Sie bitte noch etwas Geduld. Bitte warten Sie, bis es weitergeht. Augenblick noch. Dauert nicht mehr lang ...

Sind Sie noch dabei? Dann haben Sie jetzt etwas Wichtiges geleistet. Glückwunsch! Denn beim Warten zeigt sich ja der wahre Idealismus, der unerschütterliche Glaube an den Fortschritt der Menschheit. So soll es zum Beispiel Leute geben, die seit Jahren am Freiberger Bahnhof auf den ICE nach Chemnitz warten. Früher saßen sie dort im überdachten Wartebereich. Heute halten sie sich lieber draußen auf, weil es dort gemütlicher ist. Warum der ICE nicht kommt? Ist doch klar: Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf. Was das bedeuten soll? Ganz einfach: Der Zug kommt nicht, weil er nicht kommt. Das muss als Erklärung reichen. Wer fragt, bleibt dumm.


Warten ist bei uns in der Region jedenfalls eine sehr beliebte, oder zumindest weit verbreitete Tätigkeit. Manche Mitbürger warten schon seit der Zeit des ersten Silberfunds auf die Umgehungsstraße. Man nennt diese nichtexistente Straße schon Freibergs größte Warteschleife. Jetzt gibt es einen neuen Vorschlag: Wir legen die Ortsumgehung einfach mitten durch den Soldatenteich. Das wäre ökologisch sinnvoll und außerdem effizient. Zumindest aus Sicht der Zeitung. Denn man spart viel Druckerschwärze, wenn man zwei (Nicht)Ereignisse in einer Überschrift zusammenfassen kann. Zum Beispiel: "Waldbad und Umgehungsstraße werden diesen Sommer nicht fertig" (lässt sich jedes Jahr von Neuem drucken). Oder "Umgehungsstraße bleibt vermintes Gelände" oder auch "Arbeiten im Waldbad lassen sich nicht umgehen".

Lange Wartezeiten gibt es zurzeit auch bei der Elterngeldstelle des Landkreises. Um die 800 Anträge stapeln sich dort, man muss sich drei Monate lang gedulden. Das liegt offenbar daran, dass wir Mittelsachsen bei der Fortpflanzung so schlecht abwarten können. Deshalb haben wir bei uns einen Babyboom. Ein Boom ist übrigens eine Phase der Hochkonjunktur, also eine Wirtschaftsblüte, in der meist Vollbeschäftigung herrscht. Nun ja, auf die Eltern der neugeborenen Kinder wird das wohl zutreffen: Sie haben mit Sicherheit alle Hände voll zu tun.

Wir Freiberger denken beim Wort "Boom" natürlich gleich an den Silberboom ab dem 12. Jahrhundert. Da waren wir alle ja selbst dabei, oder zumindest unsere direkten Vorfahren. Zugegeben: "Silberboom" ist nun kein von der Kommission für korrekte Heimatkunde (KkH) genehmigter Fachbegriff. Offiziell spricht man vom Berggeschrey. Aber was soll's.

Übrigens deutet manches darauf hin, dass es im Erzgebirge bald ein neues Berggeschrei geben wird. Es geht nicht um diese Glosse. Die bleibt immer dieselbe. Aber wenn die auf Elterngeld wartenden Eltern mit ihren neugeborenen Babys auf den nächsten Berg steigen, gibt das mit Sicherheit ein wunderschönes Berg-Geschrei.

Doch irgendwann hat das Warten ein Ende. Sogar auf der Wallstraße nahe dem Bebelplatz in Freiberg. Und an den vielen anderen Baustellen in der Region. Spätestens, wenn der erste Schnee fällt, wird der Verkehr theoretisch wieder rollen können, um es mal sicherheitshalber ein klein wenig vorsichtig auszudrücken.

Eins sollte man jedoch nicht tun: Auf schöneres Wetter warten. Denn das kommt von allein, beziehungsweise, es ist schon da. Alle Hobbygärtner, die sich mal wieder einen richtigen Landregen wünschen, können sich aber aufs kommende Wochenende freuen: Pünktlich zum Bergstadtfest wird es mit Sicherheit regnen wie aus Bierkübeln. Warten Sie's nur ab ... (eva)

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