"Bühne ohne Publikum ist wie Zoo ohne Tiere"

Kabarettist Erik Lehmann über Abstandsregeln, Quasi-Berufsverbot und den coronabedingten Bienen-Ersatzverkehr

Freiberg.

Die Kabarettisten Erik Lehmann und Philipp Schaller machen mit ihrem Programm "Alphamännchen" den Auftakt für die am Donnerstag beginnenden Sommernächte im Freiberger Schloss. Freie Presse sprach mit Erik Lehmann über die Coronazeit und den Auftritt in Freiberg.

Freie Presse: Herr Lehmann, wie geht es Ihnen? Sind sie verschnupft, weil im Moment der normale Alltag noch immer nicht wieder Tritt fassen kann?

Erik Lehmann: Na ja, verschnupft zu sein, nützt ja nix. Am Ende wird man beim Einkaufen noch coronaverdächtigt, wenn man schnieft und hüstelt. Aber es ist schon schwierig, der Allgemeinheit zu erklären, dass man als Künstler seit Mitte März keinerlei Einnahmen mehr hat und was das eigentlich bedeutet. Kurzarbeitergeld, Überstunden absetzen oder krank schreiben lassen, das ist für Freischaffende, wie uns selbstständige Künstler, nicht möglich. Hilfsgelder dürfen nur für Betriebsausgaben genutzt werden, was absurd ist, denn der Betrieb steht ja seit Monaten still und ein Überbrückungskredit, der einen über Wasser halten soll und ebenso an strenge Auflagen gebunden ist, muss auch wieder zurückgezahlt werden. Und dann gibt es neben den finanziellen Ausfällen ja auch noch ein Quasi-Berufsverbot: Man möchte arbeiten, darf aber nicht. Zwar dürfen Theater und Kulturstätten in Sachsen seit Mitte Mai theoretisch wieder öffnen, aber die Abstandsregel (und die gilt nicht nur nach links und rechts, sondern auch nach hinten und vorn und Nordost und Südwest und so weiter) und die Hygiene-Vorschriften gelten nach wie vor. Das bedeutet, dass ein Theater, in dessen Saal eigentlich 100 Zuschauer Platz finden, beispielsweise nur noch 17 Gäste einlassen darf. Unter solchen Bedingungen ist es für die Theater und Künstler eine Bestrafung, wieder "spielen zu dürfen". Denn das hat nicht nur nichts mit Theater-Flair zu tun, sondern es ist aufgrund des Minusgeschäfts der direkte Weg in die Insolvenz. Umso schöner, dass wenigstens die Freiberger Sommernächte als Freiluftveranstaltung auch in diesem Jahr wieder stattfinden können, wenn auch mit Einschränkungen.

Freuen Sie sich auf den Auftritt vor dem Freiberger Publikum?

Sehr! Es ist ja nicht das erste Mal für mich. Ich habe auf dem Schlosshof schon mit der Herkuleskeule gastiert, auch mit meinem Soloprogramm und mit der gebürtigen Freibergerin Mandy Partzsch in unserem Duo-Programm "Paarshit - Jeder kriegt, wen er verdient", mit dem wir im Januar 2021 ins Tivoli kommen werden. Und der Auftritt am Donnerstag ist der erste seit meinem letzten am 7. März. Ich will und muss wieder auf die Bühne! Und Bühne ohne Zuschauer funktioniert eben einfach nicht, denn Bühne ohne Publikum ist wie Zoo ohne Tiere, Freibad ohne Wasser oder ein Smartphone ohne Internetzugang.

Wie waren für Sie die vergangenen Monate? Hatten Sie Zeit für Kreativität oder beschäftigten Sie sich mit anderen Dingen?

Klar, Zeit war genug. Ende April war ich neben Philipp Schaller Teil der MDR-Satire-Sendung "Das Krisenbüro" (kann man sich auch in der MDR-Mediathek oder auf Youtube anschauen). Außerdem konnte ich mal sämtliche Webseiten überarbeiten; ich habe einige Kolumnen geschrieben; zahlreiche kabarettistische Videos für Youtube, Instagram und Facebook gedreht und so weiter. Der Kreativität sind nach wie vor keine Grenzen gesetzt - ich musste mich nur erst einmal daran gewöhnen, quasi ehrenamtlich digitale Kulturbeiträge zur Verfügung zu stellen, denn bezahlt wird man dafür nicht.

Was darf das Publikum bei Ihrem Programm "Alphamännchen" erwarten?

Mein Kollege Phillip Schaller und ich sezieren auf der Bühne ganz grundsätzlich die Fragen: Was darf Kabarett? Was ist überhaupt lustig? Was darf man dem Publikum zumuten? Und wer hat das Patentrezept? Philipp, als Kabarett-Autor, will die Leute mit Inhalten, klaren Botschaften und Fakten überzeugen - ich dagegen setze als Figurenspieler auf Kostüme, Showeinlagen und Effekte. Da fliegen auf der Bühne natürlich zwischen uns die Fetzen. Und doch sind wir beide, so unterschiedlich unsere Ansätze auch sind, immer tiefgründig und dabei unfassbar witzig, wie man uns schon oft nachgesagt hat. Man kann sich das Ganze vorab als Trailer auf unserer Webseite www.schallerundlehmann.de anschauen.

Wie geht es Herrn Schaller?

Seit Januar dieses Jahres ist Philipp neuer künstlerischer Leiter der Dresdner Herkuleskeule. Und es war für ihn im ersten halben Jahr in dieser Position schon eine sehr ereignisreiche Zeit, auch wenn er sich sicherlich weniger nervenaufreibende Ereignisse zum Einstieg gewünscht hätte. Erst der Bierglaswurf in der Herkuleskeule Anfang Januar, der durch die Medien ging und viel an Fingerspitzengefühl im Umgang damit und den darauf folgenden Reaktionen brauchte, und dann Corona. Es ist schon eine Herausforderung, für ein ganzes Ensemble die Verantwortung zu tragen. Auch an der Herkuleskeule sucht man nun nach Alternativen, wie Open-Air-Veranstaltungen auf Schloss Albrechtsberg und die temporäre Ausweichspielstätte im Foyer des Kulturpalastes, um wieder zum Publikum zurückzufinden.

Schauen Sie optimistisch in die Zukunft und welche Projekte liegen nun vor Ihnen?

Ich habe dank Corona gelernt, nach all der anfänglichen Aufregung auch einzusehen, dass man manche Dinge nicht ändern kann. Eine Pandemie und deren Folgen kann nicht durch politisches Kabarett aufgehalten werden. Es hat ja tatsächlich auch so etwas wie Entschleunigung stattgefunden, auch wenn das Opfer bedeutet hat. Positiv anzumerken wäre, dass ich persönlich viel im Garten geschafft habe, und ich darf, als Hobbyimker, mittlerweile 18 Bienenvölker betreuen. Übrigens: Am 15. August gastiere ich mit meinem neuen Soloprogramm "Bienen-Ersatzverkehr", welches am 1. März, also kurz vor Corona, Premiere hatte, ebenfalls bei den Freiberger Sommernächten. Und ich schreibe gerade ein humorvolles Sachbuch über Bienen und Menschen, das nächstes Jahr im Rowohlt-Verlag erscheinen wird. wjo

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