Buttermarkt: Archäologen machen sensationelle Funde

Vor der Freiberger Nikolaikirche haben Wissenschaftler Frischwasser-Holzleitungen aus dem 16.Jahrhundert ausgegraben. Doch das ist bei weitem nicht alles.

Freiberg.

Gestern, 10 Uhr auf dem Freiberger Buttermarkt: Ganz sachte schabt Linda Geiser vom Landesamt für Archäologie mit einer kleinen Schaufel eine handtellergroße Fläche ab. Sie legt gerade ein etwa drei Meter langes, verwittertes Holzrohr frei. Dieses ist in eine schwarze, klebrig-krümelige Masse gebettet und wird seitlich von Gneis-Bruchsteinen eingefasst.

Was Laien nicht erkennen können: Es handelt sich um eine Frischwasser-Holzleitung aus dem 16.Jahrhundert. Mehrere davon haben die Wissenschaftler bereits vor der Nikolaikirche entdeckt. Diese Leitungen bildeten ab dem späten Mittelalter einen wichtigen Teil der Freiberger Wasserversorgung. Insgesamt sind die bisherigen archäologischen Funde am Buttermarkt "schon eine kleine Sensation". Das sagte Christiane Hemker, Referatsleiterin des Direktionsbezirks Chemnitz vom Landesamt für Archäologie. Gerade die Leitungen seien "verblüffend gut erhalten".

Vor den geplanten Bauarbeiten auf dem Buttermarkt (siehe Kasten) erfolgen seit dem 27. Februar die Grabungen - allerdings nur bis zur Bautiefe, das sind 70 bis 80 Zentimeter. "Darunter liegende Befunde werden mit einer Schotterschicht versiegelt und somit bewahrt", so Referatsleiterin Hemker. Nachfolgende Archäologen-Generationen wollten auch noch etwas zu tun haben, ergänzte sie augenzwinkernd.

Derzeit "beackern" die Wissenschaftler ein rund 600 Quadratmeter großes Areal in der nördlichen Hälfte des Buttermarktes, in zwei weiteren Etappen knöpfen sich die Archäologen den restlichen Platz vor. Sie erhoffen sich weitere Hinweise auf das mittelalterliche Leben in der Bergstadt. "Wenn wir hier beispielsweise schwarzen Pfeffer finden würden, wäre das ein weiterer Hinweis auf den Reichtum der Stadt", sagt Referatsleiterin Hemker.

Logistisch möglich ist dies dank der guten Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und der ausführenden Firma Landschaftsgestaltung Straßen-Tief- und Wasserbau Freiberg, betont Grabungsleiterin Sonja Matson. Die Archäologin aus dem US-Bundesstaat Alaska, die seit 20Jahren in Sachsen lebt, hat schon mehrere Projekte in Freiberg betreut. Insgesamt gab es in der Bergstadt bisher 318Grabungen. Die jetzige ist die 319.

Die hohe Anzahl der Grabungen hat einen Grund. Laut Referatsleiterin Hemker war Freiberg im Mittelalter neben Leipzig die bedeutendste Stadt in der Mark Meißen. "Der Buttermarkt gehört zu den ältesten Plätzen der Stadt", ergänzt Christoph Heiermann, Referatsleiter für Öffentlichkeitsarbeit des Landesamtes für Archäologie. Die Nikolaikirche wurde als steinerne Saalkirche mit querrechteckigem Chor in den 1170er-Jahren errichtet und später umgebaut. Der Platz wurde schriftlichen Quellen zufolge bis ins 15.Jahrhundert als Kirchhof der Nikolaikirche genutzt. Danach wandelte er sich zum Markt für Lebensmittel. "Deshalb auch der Name Buttermarkt", so Christoph Heiermann.

Kein Wunder also, dass die Wissenschaftler zahlreiche Keramikscherben aus dem 16. Jahrhundert fanden. Zudem stießen sie auf einen hölzernen Unterbau, der wahrscheinlich zu einem Marktstand gehörte. Auch ein Lederstück, etwa so groß wie ein kleiner Finger, tauchte auf. "Es könnte von einem Schuh stammen", so Hemker. Das Mini-Lederstück wird noch im Landesamt untersucht, genau wie Scherben sowie Knochenfragmente von Menschen und Tieren, die geborgen wurden. Bei den Holzrohren können Experten das Alter auf das Jahr genau feststellen - anhand der Jahresringe der verwendeten Nadelbäume.

Die Funde werden freigelegt, vermessen, fotografiert, dokumentiert und geborgen. Im Landesamt gibt es extra dafür temperierte Lagermöglichkeiten. Ob die Fundstücke einmal ist einer Ausstellung gezeigt werden, steht noch nicht fest.


Im Freiberger Theaterviertel wird bis Ende Oktober gebaut

Der erste Bauabschnitt der Arbeiten rings um den Buttermarkt im vergangenen Jahr umfasste Buttermarktgasse und Theatergasse. Damals fanden Archäologen Reste von Holzwasserleitungen aus dem 17.Jahrhundert sowie Keramikfragmente. Zudem dokumentierten die Wissenschaftler Reste früherer Straßenniveaus.

Zum zweiten Abschnitt gehören der Buttermarkt sowie die angrenzenden Bereiche der Aschegasse, Engen Gasse, Nikolaigasse und Weingasse, so Bauleiterin Simone Lohse. Ab 10. April sollen dort laut Tiefbauamtsleiter Tom Kunze Gas-, Strom-, Wasser-, Abwasser- und Telekomleitungen verlegt werden. Zudem erfolge der Straßenbau entsprechend der Gestaltungssatzung "Altstadt" mit historischem Pflaster und Granitplatten auf den Gehwegen. Bis Ende Oktober soll die Maßnahme beendet werden. (hh)

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