Das Leiden der Anderen

Als leitende Ärztin ist Dagmar Braun für den Palliativbereich in der Freiberger Klinik verantwortlich. Das Sterben und der Tod sind allgegenwärtig. Wie geht sie damit um?

Freiberg.

Im Eingangsbereich schraubt sie den Deckel von dem Ölfläschchen. Orange. Dagmar Braun träufelt ein paar Tropfen des Aromaöls in eine kleine rote Schale. "Es ist eine einfache Kompresse, die darin die Flüssigkeit auffängt", erklärt die Ärztin. "Aber wenn sich der Duft im Raum verteilt, tut es uns allen gut."

Alle, das sind nicht nur die Patienten im Palliativbereich des Freiberger Kreiskrankenhauses - zurzeit gibt es drei Plätze -, sondern auch die Ärzte und Schwestern, die sich um die Kranken kümmern. "In der Palliativmedizin geht es nicht aus Prinzip darum, den Patienten das Sterben zu erleichtern", sagt Braun. "Stattdessen tun wir alles, was wir können, um ihre Lebensqualität zu verbessern oder zumindest aufrechtzuerhalten." Manchmal bedeute Palliativmedizin aber doch auch, das Sterben zu verbessern. So oder so: Sie habe den Eindruck, dass die letzte Lebensphase unheilbar Erkrankter und der Tod noch immer Tabuthemen seien.

Doch gerade über beides zu sprechen, nehme vielen die Angst und das Gefühl der Ohnmacht. So kümmert sich Seelsorgerin Kerstin Stetzka um alle, die im Palliativbereich leben, arbeiten oder zu Besuch sind. "Im Moment sind wir auch dabei, einen monatlichen Gesprächskreis für die Mitarbeiter zu etablieren", so Stetzka. Manchmal bekämen Angehörige von Patienten mit, dass auch das Klinikpersonal in diesem Bereich mitunter erschöpft und traurig sei, sagt Braun. "Es ist auch schon vorgekommen, dass jemand aus dem Team vor den Verwandten eines Kranken geweint hat." Auf diese Weise Gefühle zu zeigen, sei in Ordnung. Manche Angehörige würden sich dann gar in ihrem eigenen Leiden besser verstanden fühlen.

Wichtig sei auch, mit den Patienten immer wieder über deren Wünsche zu sprechen, sagt Braun. "Das fängt bei kleinen Dingen an. Einem Patienten haben wir zum Beispiel einmal einfach ein Eis mitgebracht. Er war unglaublich gerührt, dass wir das nur für ihn getan haben."

In der Regel bleiben die Patienten zwischen sieben Tagen und drei Wochen in der Klinik. Viele wollen wieder nach Hause, von den Lieben in der gewohnten Umgebung Abschied nehmen. Auch arbeite das Team mit Hospizen sowie ambulanten Hospiz- und Pflegediensten zusammen, deren Mitarbeiter die Sterbenden zu Hause auf ihrem letzten Weg begleiten. Nur rund die Hälfte der Palliativpatienten sterbe auch im Freiberger Kreiskrankenhaus. Wenn das geschehe, helfen Stetzka zufolge Rituale. Das Zimmer des Sterbenden oder Verstorbenen werde für die Patienten und ihre Verwandten geschmückt, mit Engelsfiguren etwa, Muscheln, Kerzen und schönen Steinen. So falle das Abschiednehmen leichter.

Auch die Schwestern und Ärzte haben ein Ritual, wenn ein Patient aus dem Leben scheidet: "Wir lassen für jeden verstorbenen Patienten einen weißen Heliumluftballon steigen", sagt Braun. Ob damit das Leiden auf der Arbeit bleibt? Nein, sagt Braun. Natürlich sei es gesund für die Seele der Pflegenden, einen Schnitt zu machen, sobald sie nach dem Dienst ihre Arbeitsstätte verlassen. Das gelinge nicht von heute auf morgen. Vielmehr sei es eine Übungsfrage. "Aber es kommt immer wieder vor, dass ich die Patienten gedanklich mit nach Hause nehme", so die 41-Jährige. Gerade bei solchen Patienten, die noch recht jung seien, sei das der Fall. Auch Sport helfe. "Und manchmal muss man einfach in den Wald gehen und laut schreien." Dann gehe es wieder weiter im Palliativbereich, mit dem Duft eines Aromaöls in der Nase.

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