Solarworld-Pleite: Der Ausverkauf läuft

Der einstige Photovoltaik-Riese ist zu einer Art Reste-Rampe geschrumpft. Feilgeboten wird laut Insolvenzverwalter alles, was nicht zur Modulproduktion benötigt wird. Ob wenigstens die bleibt, ist noch offen.

Freiberg.

Fünf Mülleimer für 5Euro, ein Herrenrad für 50 Euro, eine Alu-Klappleiter für 30 Euro: Solche und gut 550 weitere Schnäppchen aus dem Bestand der insolventen Solarword sind derzeit bei der Online-Versteigerung zu bekommen. Am Dienstag kamen knapp 200 Besucher in eine der stillgelegten Produktionshallen an der Berthelsdorfer Straße in Freiberg, um die zu versteigernde Betriebs- und Geschäftsausstattung zu besichtigen. "Davon waren 70 bis 80 Prozent Händler und Handwerker, der Rest Privatleute", schätzt Hans Christian Engelhardt, Prokurist bei der Leipziger Firma Waitz und Richter, die sich auf Industrieverwertung spezialisiert hat und die Versteigerung durchführt.

Edelstahlrollwagen, Spinde, Kisten voller Bildschirme, meterlange Kabel, Bürostühle, Fahrräder, Stapler, Müllsackständer, Metallschränke, Allessauger: Im Vorfeld sind zwei Tage lang sämtliche Gegenstände inventarisiert, fotografiert, beschrieben und bewertet worden. "Wir gehen davon aus, dass alles weggeht. Das Interesse ist sehr groß, der Name Solarworld zieht", so Engelhardt.

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Einer der Besucher ist Heiko Schwarz, Geschäftsführer der Plasta Kunststofftechnik Oederan: "Die Solar war ein guter Kunde von uns, wir haben viele Teile hergeliefert. Jetzt schauen wir uns um nach Regalen und Wagen für den Transport in unserer eigenen Produktion. Vielleicht finden wir ein Schnäppchen."

Zwei Freiberger Studenten (30 und 33) schauen sich in der gut 2000 Quadratmeter großen Halle um, was sie als Einrichtungsgegenstände für ihre Wohnung gebrauchen könnten. "Eine Werkbank könnte man zu einer Küchenbank umfunktionieren", meint der Ältere, der zum ersten Mal bei einer Auktion mitbieten will.

Jens Hildebrand von der Firma Pagus Maschinenhandel aus Nordsachsen betrachtet die Sachen mit Kennerblick. Gebrauchtmaschinen, Anlagen und industrielle Lagerbestände auf- und weiterzuverkaufen, ist sein Geschäft. "Irgendwo auf der Welt gibt es für alles einen Käufer. Man muss ihn nur finden", meint Hildebrand und fotografiert eifrig weiter, was er für interessant hält. "Was hier gut geht, kann man nicht sagen." Ein besonderes Schnäppchen oder ein besonders wertvolles Stück habe er noch nicht entdeckt.

Vincent Stoewer kennt die Halle an der Berthelsdorfer Straße: "Ich habe bei Solarworld Verfahrensmechaniker gelernt." Gemeinsam mit Zwillingsbruder Martin Stoewer stöbert er in den Sachen seines ehemaligen Arbeitgebers, um Schnäppchen fürs Familienunternehmen zu finden. In Lichtenberg betreiben Stoewers einen Handel mit importierten Baumaschinen. "Das, was hier steht, kann aber nicht alles sein. Irgendwo stehen bestimmt noch ein paar Schätze", vermutet er.

Auf Nachfrage beim Versteigerer, warum 715 Positionen auf der Liste stehen, aber davon nur 550 versteigert werden, erklärt Engelhardt: "Es gibt jemanden, der die Immobilie von Solarworld an der Berthelsdorfer Straße erworben hat. Derjenige hat Teile des Anlagevermögens, das wir mit versteigern sollten, schon mit gekauft." Vom Insolvenzverwalter wurde das gestern nicht bestätigt. "Von den Immobilien der Solarworld Industries GmbH in Freiberg ist noch keine einzige verkauft; da wird in diesem Monat voraussichtlich auch nichts mehr passieren", erklärte Rechtsanwalt André Dobiey von der Kanzlei des Insolvenzverwalters Christoph Niering.

Bereits im Februar haben Waitz und Richter 700 Gegenstände für Solarworld versteigert. "Das lief hervorragend. Alles wurde verkauft, bezahlt und abgeholt", sagt der Prokurist. Die aktuelle Auktion läuft bis 21. September ausschließlich im Internet. Angebotsende ist je nach Positionsnummer zwischen 8 und 20Uhr. Zu den Preisangaben kommen 18 Prozent Provision für Waitz und Richter plus Mehrwertsteuer, also insgesamt 40 Prozent obendrauf. "Wer etwas ersteigert hat, bekommt Anfang nächster Woche eine Rechnung und kann die Ware am 1. und 2. Oktober in Freiberg abholen", erklärt Geschäftsführer Volker Richter. (mit jan)

www.freiepresse.de/solarauktion


Modulproduktion bleibt als letzte Hoffnung 

Gespräche mit Übernahme-Interessenten laufen - Entscheidung könnte im Oktober fallen - Transfergesellschaft wächst auf rund 220 Personen

Die Solarworld Industries GmbH hat Ende März dieses Jahres vor dem Amtsgericht in Bonn einen Insolvenzantrag gestellt. Steffen Jankowski hat die Fakten zum Verfahren zusammengestellt.

Wie viele Mitarbeiter hat Solarworld noch in Freiberg?

Laut André Dobiey von der Kanzlei des Insolvenzverwalters Christoph Niering sind noch 30 Personen als Abwicklungsteam beschäftigt. Sie halten unter anderem Gebäude und Anlagen in Schuss und betreuen die IT-Technik, die in Freiberg zentralisiert sei. Wie der Rechtsanwalt weiter sagt, seien 91 Solarwerker zum 1. August und 119 Mitarbeiter zum 16. September in die Transfergesellschaft gewechselt; weitere 7 sollen am 1. Oktober folgen. Unabhängig davon hätten etwa 30 Beschäftigte das Unternehmen verlassen.

Welche Chancen haben die betroffenen Solarwerker, einen neuen Job zu finden?

Aktuell liefen Gespräche mit einem Interessenten zur Übernahme der Modulproduktion, so Dobiey: "Ob daraus etwas wird, entscheidet sich aber voraussichtlich erst nächsten Monat." Wie Antje Schubert von der Arbeitsagentur Freiberg gestern sagte, hätten bereits 13 Personen aus der Auffanggesellschaft eine neue Beschäftigung gefunden. Bei der vorangegangenen Solarworld-Pleite - damals noch mit mehr als 1000 Betroffenen - hatten 501 von 627 Solarwerkern, die in die Transfergesellschaft gegangen waren, binnen sechs Monaten wieder eine Anstellung gefunden.

Welche Strategie fährt der Insolvenzverwalter?

Es werde alles verkauft, sagt Rechtsanwalt Dobiey, was nicht zur Modulproduktion benötigt wird. Das Zusammenfügen der aus dünnen Siliziumscheiben vorgefertigten Solarzellen zu Paneelen, die beispielsweise auf Dächern montiert werden können, ist damit die letzte Hoffnung, dass wenigstens ein kleiner Rest Photovoltaik in Freiberg bleibt.

Was wird aus den Immobilien der Solarworld?

Laut Insolvenzverwalter sind insgesamt 27 Grundstücke in Freiberg und Arnstadt zu verwerten. Es gebe mehrere Interessenten, aber noch keinen Verkauf. Für den Standort in Thüringen sei eine Batterieherstellung im Gespräch gewesen, so Dobiey: "Die Diskussion ist aber nicht mehr akut."

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