Der Mythos der Drei Kreuze

Mitglieder des Altertumsvereins der Stadt gehen sagenhaften Geschichten auf den Grund.

Freiberg.

Am höchsten Punkt der von Freiberg in Richtung Brand- Erbisdorf ansteigenden Bundesstraße 101, wenige Meter östlich entfernt von diesem Verkehrsweg, fallen jedem Passanten auf einem kleinen Hügel drei übermannshohe markante Kreuze ins Auge. Sie werden häufig mit folgender Legende zusammengebracht.

Als der deutsche König Adolph von Nassau 1296 Freiberg belagerte, bemühten sich drei Freiberger Ratsherren in direkten Verhandlungen mit dem König, ein Ende der Belagerung zu erreichen. Die Mission schlug fehl, die Abgesandten der Kommune wurden gefangen genommen. Ein Fluchtversuch misslang. Er endete mit der Hinrichtung der Vertreter der Stadt. Die Drei Kreuze wurden später von der Stadt in dankbarer Erinnerung an die Ratsherren errichtet. Dieser Legende, die übrigens erstmals in der Mitte des 19. Jahrhunderts so publizistisch dargestellt wurde und für die es keinerlei historische Belege gibt, ist zu widersprechen.

Die Kreuze entstanden vielmehr mit hoher Wahrscheinlichkeit um 1500 oder kurz danach im Gefolge der Erschließung der Erzlagerstätten südlich von Freiberg, so auf dem Hohebirker Gangzug. Ihre Errichtung ist auf jeden Fall vor den Beginn der Reformation in der Herrschaft Freiberg im Jahr 1537 zu setzen. Die erste Erwähnung datiert in das Jahr 1547. Die Drei Kreuze symbolisieren den Jerusalemer Kalvarienberg, also die Hinrichtungsstätte von Jesus Christus. Die Entstehung dieser Kreuze ordnet sich ein in die Schaffung einer Vielzahl heiliger Stätten im Europa der damaligen Zeit. Die Menschen bedrückten existenzielle Sorgen und mancherlei Ängste, die bis hin zu Weltuntergangsfantasien reichten. Um Buße zu tun, fromme Werke zu vollbringen und alle Menschen zu einem christlichen Leben anzuhalten, stiftete man mannigfaltige religiöse Zeichen und Bauwerke.

Von der Nachbildung der heiligen Drei Kreuze erhofften sich vor allem die vielen in diesem Revier tätigen Bergbautreibenden Gottes Segen bei ihren Unternehmungen, reiche Anbrüche, dauerhafte Arbeit und glückliche Wiederkehr von unter Tage. Allein aus der Tatsache, dass dieses katholische Bildsymbol die Reformation überdauerte - Luther war gegen die vielen im Freien stehenden religiösen Zeichen - ergibt sich seine besondere Funktion, die in der Bergstadt in einem montanistischen Zusammenhang gestanden haben muss. Auch bei vielen anderen Bergorten nicht nur auf dem europäischen Kontinent finden sich religiöse Bildwerke, wie beispielsweise im Barbara-Dom in Kuttenberg (Kutná Hora/Tschechische Republik) und im Salzbergwerk von Wieliczka (Polen).

Unser Autor ist Dr. Ulrich Thiel, einst Leiter des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg.

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