"Die Bindung an den Glauben schwindet"

Dompfarrer Urs Ebenauer spricht über schwierige Zeiten für die Kirche und darüber, wie sie ihrer Verantwortung gerecht werden will

Freiberg/Großschirma.

Die Domgemeinde Freiberg und die Kirchgemeinden Kleinwaltersdorf und Großschirma haben sich am 1. Januar zur Kirchgemeinde am Dom Freiberg vereint. Das Jahr 2020 soll dem Zusammenwachsen dienen. Wieland Josch sprach mit Dom-pfarrer Urs Ebenauer über die neue Situation der Kirche.

Freie Presse: Herr Ebenauer, am morgigen Sonntag findet 10 Uhr in der Kirche Kleinwaltersdorf ein Gründungsgottesdienst statt. Was darf man sich darunter vorstellen?

Urs Ebenauer: Da muss man ein wenig weiter ausholen. Bis zum 31. Dezember 2019 hatten wir in unserer Region, die von Hetzdorf bis Oberschöna und von Großschirma bis zum Südrand Freibergs reicht, insgesamt 15 Kirchgemeinden. Daraus haben wir durch sogenannte Fusionsverträge sechs gemacht. In diesem Rahmen gibt es seit 1. Januar die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde am Dom Freiberg, zu der Kleinwaltersdorf, die Domgemeinde Freiberg und Großschirma gehören. Ab 2. Januar 2021 werden die sechs verbliebenen Gemeinden unter dem Dach eines Kirchgemeindebundes näher zusammenrücken.

So wurde aus drei Gemeinden eine geschaffen?

Ja. In der Region haben wir uns weitgehend an den kommunalen Grenzen orientiert. So wurden alle Kirchgemeinden von Bobritzsch-Hilbersdorf zu einer zusammengefasst, ebenso vereinigten sich drei Gemeinden von Halsbrücke. Langhennersdorf ging mit Oberschöna zusammen. Unsere Kirchgemeinde, die ihren Gründungsgottesdienst nun begeht, ist die einzige, welche die kommunalen Grenzen überschreitet, indem Großschirma Teil von ihr ist. Die drei Pfarrstellen bleiben übrigens erhalten. Im September wird der Kirchenvorstand, der momentan noch 30 Mitglieder hat, auf 16 Mitglieder verkleinert. Ab dem 2. Januar 2021 sollen dann alle neuen Kirchgemeinden in einem Kirchgemeindebund zusammenarbeiten. Damit kann flexibel reagiert werden, sollten bei einer Pfarrstelle die Mitgliederzahlen zu niedrig werden, ohne gleich wieder neue Strukturen schaffen zu müssen. Ich bin überzeugt, dass dieses Konstrukt wenigstens 20 bis 30 Jahre hält.

Welche Gründe gab es für die Umstrukturierungen?

Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung sieht so aus, dass wir durch den demografischen Wandel sehr betroffen sind. Hinzu kommt eine zunehmend schwindende Bindung an den christlichen Glauben, und zwar nicht nur im Osten Deutschlands. Das heißt natürlich nicht, dass wir kein lebendiges Gemeindeleben haben, aber es ist eine Tatsache, dass die Menschen, die durch ihre Kirchensteuern unsere Arbeit erst möglich machen, weniger werden. Das führt auch zu deutlich geringeren Möglichkeiten, was das Personal anbelangt. In der Vergangenheit mussten die Strukturen immer wieder aufs Neue angepasst werden. Durch einen, wie ich betonen möchte, sehr gut verlaufenen Prozess schaffen wir nun dauerhafte Strukturen, die es ermöglichen, künftig unsere Arbeit belastungsfreier zu tun. Dadurch sollen Kräfte freigesetzt werden, mit denen wir uns noch stärker um unseren eigentlichen Auftrag kümmern können.

Sie sprachen von einer schwinden Bindung an den Glauben. Wie zeigt sich das?

In unserer sich rasant verändernden Zeit hat der christliche Glaube ein inhaltliches Strukturproblem. Während heutzutage jeder annimmt, dass es reicht, selbst seines Glückes Schmied zu sein und permanenter Selbstoptimierung frönt, sagen wir, dass man das Glück seines Lebens nur aus Gottes Hand entgegennehmen kann. Zudem ist "Geiz ist geil" nun einmal das Gegenteil von "Liebe deinen Nächsten". Wir wissen, dass wir eine Botschaft haben, die besser ist als das, was Medien transportieren, aber wir dringen bei dem ganzen Lärm derzeit nicht durch. Wir haben aber auch durchaus ein hausgemachtes Problem. Es gelingt uns nicht, den christlichen Glauben so zu vermitteln, dass er auch junge Menschen anspricht. Wir feiern im Dom und den anderen Kirchen Freibergs wunderschöne Gottesdienste. Doch sind diese in ihrer Form 2000 Jahre alt. Das liegt nicht im Trend. Erst wenn unser Leben in Wohlstand in Frage gestellt wird, findet vielleicht wieder eine Annäherung statt. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 etwa kamen deutlich mehr Menschen auch in die Kirchen.

Und wie war es 2015, als viele Asylbewerber auch nach Freiberg gelangten?

Diese Ereignisse haben die Gesellschaft sehr polarisiert. Wir als Kirche haben uns bemüht, die unterschiedlichen Strömungen beisammen zu halten. Dabei bleiben wir auf dem Boden des Evangeliums, welches besagt, dass jeder Mensch seine von Gott gegebene Würde hat. Wir haben damit schlechte Karten, wenn Fremde grundsätzlich abgelehnt werden. Aber auch für die Menschen, die von den Veränderungen überfordert werden, sind wir da.

Um den nötigen Gesprächen eine Plattform zu bieten, wurden die Kreuzganggespräche ins Leben gerufen.

2014 setzten wir am Dom einen Leitbildprozess in Gang, bei dem wir fünf Arbeitsbereiche definierten. Zuerst natürlich den Gottesdienst, dann das Gemeindeleben, die Kirchenmusik, den Tourismus und nicht zuletzt unsere öffentliche Verantwortung. Der Dom wird von außen gern als Hauptkirche Freibergs wahrgenommen, was aber nicht den Tatsachen entspricht, denn alle Kirchen sind gleichberechtigt. Dennoch stellen wir uns dieser Verantwortung.

In welcher Weise?

Mit den Kreuzganggesprächen haben wir ein Format für den Diskurs geschaffen. Der Kreuzgang, obwohl Teil des Doms, ist ein offener und nicht sakral geprägter Raum und dadurch gut geeignet. Im vergangenen Herbst starteten wir mit einer Runde zu "30 Jahre friedliche Revolution". Am 29. April 2020 geht es weiter mit "Raus aus der Defizitorientierung - Zur Zukunft ländlicher Räume und dem Beitrag der Kirche". Künstliche Intelligenz oder Fake News sind weitere Themen im Jahresverlauf. Der Freiberger Dom kommt in den Medien oft nur wie ein Konzertveranstalter rüber. Aber wir sind nicht nur das. Wir veranstalten im März beispielsweise gemeinsam mit der Katholischen Akademie unsere Fastenzeitreihe. Diesmal geht es um Figuren der Passionsgeschichte, wobei ein Film über Maria Magdalena, die Schutzheilige der Bergleute, gezeigt wird. Am Valentinstag im Februar findet eine Segnungsandacht für Paare statt, und an Himmelfahrt ein Gottesdienst für Touristen.

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