"Doch dann kam diese Wahnsinnsleere"

Ein Freiberger Ehepaar berichtet, wie sich ihr Leben nach dem Tod ihrer Tochter verändert hat. Am Sonntag entzünden sie im Dom eine Kerze für sie - und sind nicht allein.

Freiberg.

Ein Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Annet und Dirk Reimann wissen, wie sich das anfühlt. Ihre Tochter Marielouise starb im Alter von 16 Jahren. Ein bildhübsches Mädchen, lebenslustig und stark. Doch die Krankheit war stärker.

"Im Herbst 2012 wurde bei unserer Tochter Krebs diagnostiziert", erzählt Annet Reimann. "Bis sie von uns gegangen ist, hat es nur ein halbes Jahr gedauert." Das Mädchen wurde in der Universitätsklinik Dresden behandelt, doch ihre letzten Wochen und Tage konnte sie daheim sein, bei ihrer Familie. Ein so genanntes Brückenteam, bestehend aus Ärzten und Schwestern, ermöglichte das. Es gab Hinweise zur Pflege und zu allem, was bei einer häuslichen Betreuung notwendig ist. "Wir sind heilfroh, dass wir sie in ihrer vertrauten Umgebung hatten", sagt die Mutter. Die gewohnten Geräusche und Gegenstände und vor allem die Menschen, die sie liebte, alles war da. Bis zuletzt ist auch ihre beste Freundin Franziska täglich gekommen.

"Nach dem Tod war es für uns erst einmal eine Erleichterung, dass unsere Tochter gehen durfte", berichtet die Mutter. "Doch dann kam diese Wahnsinnsleere." Etwas, das in der Familie allein schwer zu ertragen war. Die Freiberger wollten Hilfe und erhielten sie auch. Vom Dresdner Verein Sonnenstrahl und von der Selbsthilfegruppe Trauernde Eltern vor Ort. "Wir brauchten trotzdem Anlauf, ehe wir unser erstes Gespräch in der Selbsthilfegruppe hatten", sagt der Vater. Doch sie brachten den Mut auf, mit bis dahin fremden Menschen über ihr Schicksal zu sprechen. Für die Reimanns war es wichtig, auch vor der Haustür Menschen zu wissen, die ihren großen Schmerz nachempfinden und verstehen können, weil sie selbst Ähnliches erleben mussten. Der Tod von Marielouise hatte das Leben der Familie mit aller Wucht durcheinander gewirbelt. Nicht alle Menschen aus ihrem Umfeld konnten mit dem Schlag umgehen, es änderte sich vieles. Doch in der Sprachlosigkeit wollten Annet und Dirk Reimann nicht verharren. Sie öffneten sich und fanden Gleichgesinnte.

Sich dem Leben wieder zuzuwenden, das hätte auch ihre Tochter so gewollt, sind sie sich sicher. In der Familie ist Marielouise immer mit dabei, auch im Urlaub. Dann packen die Eltern Bilder von ihr mit in den Koffer, und vom Strand oder aus den Bergen bringen sie Muscheln oder Steine für das Grab der Tochter mit.

Gemeinsam mit seinem Sohn Maximilian geht das Paar zu den Treffen der Selbsthilfegruppe. "Die Gruppe lebt von Gesprächen. Wir erfahren, dass Trauer sich verändert", meint die Mutter. "Wir reden über ganz alltägliche Themen, aber auch über das Geschehene und wie jeder damit umgeht." Wenn Gedenktage heranrücken, braucht das mancher Betroffene besonders. Andere ziehen sich gerade in dieser Zeit zurück. "Uns hat es viel gegeben, von anderen zu erfahren, wie sie wieder Lebensmut geschöpft haben", sagt der Vater. Manche kommen seit 15 Jahren.

Eine Veranstaltung der Freiberger Selbsthilfegruppe nimmt Familie Reimann stets ganz besonders in sich auf. Es ist der Gedenkgottesdienst in der Adventszeit. Dabei werden Kerzen für die verstorbenen Kinder entzündet und deren Namen vorgelesen. "Es ist einfach schön, den Namen unserer Tochter zu hören", sagt Annet Reimann. "Nichts ist schlimmer als das Gefühl, dass das Kind vergessen wird." Im vergangenen Jahr beteiligten sich über 80 Menschen.

Am Sonntag findet der Gottesdienst ab 16 Uhr im Freiberger Dom statt. Willkommen sind alle, die ein Kind verloren haben.

Aus den Treffen der Freiberger Gruppe heraus, zu der auch Mütter und Väter aus dem Umland kommen, ergaben sich auch zusätzliche Begegnungen, die Kraft spenden. Eine Mutter lädt beispielsweise zu gemeinsamen Entspannungsübungen, eine andere zum Basteln ein. Die Selbsthilfegruppe Trauernde Eltern ist unter dem Dach der Diakonie angesiedelt. "Wir sind zusammen auf dem Weg, dem Leben wieder einen Sinn zu geben" steht auf dem Faltblatt, das über den Inhalt der Arbeit informiert.

Selbsthilfegruppe Trauernde Eltern:Ansprechpartnerin für ein Gespräch vor dem ersten Gruppenbesuch ist Angelika Johnigk. Die Gruppe trifft sich an jedem ersten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr in den Räumen der Hospizgruppe, Petersstraße 46. Kontakt über Telefon 03731 482290.

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