"Für mich war es der schönste Beruf"

Mitten in Sachsen: Was Mittelsachsen über ihren Landkreis sagen, der vor zehn Jahren gegründet worden ist. Heute: Joachim Knappe, langjähriger Oberbürgermeister der Stadt Rochlitz, Kreisrat und Urgestein der FDP.

Rochlitz.

Kantig war er schon immer. Und auf die Zunge gebissen hat er sich nie, wenn es etwas zu kritisieren gab. Da war es Joachim Knappe egal, ob er mit Ministerpräsidenten oder Landräten, ob er mit der Presse oder seinen Mitarbeitern sprach. Früher, als er noch Oberbürgermeister von Rochlitz war, war er täglich in seiner Stadt unterwegs. Der Job brachte es mit sich. Jetzt im Ruhestand kann es sich der 74-Jährige leisten, nur gelegentlich durch seine Stadt zu fahren. Wie früher auch schon, schwingt er sich dazu gern aufs Fahrrad. Aber auch wenn sich Joachim Knappe etwas aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, so sind ihm sein wacher Blick, seine Offenheit und sein Humor nicht abhanden gekommen.

Aus seinen Worten, die er schon immer mit Bedacht wählte, spricht so etwas wie Demut. Vor allem, wenn er sich an die Wende-Zeit 1989/90 erinnert. Schließlich war er, als die Mauer fiel, auch schon zehn Jahre lang Bürgermeister. Als in den Wirren der Wende die Menschen nach Orientierung suchten, als Aufbruchstimmung herrschte, als das alte System durch den Druck der Straße abgewählt wurde, da geriet auch der Bürgermeister oft zwischen die Fronten. Da fallen Joachim Knappe die vielen Gesprächsrunden wieder ein, bei denen es oft hart zur Sache ging, um mit Unzulänglichkeiten und Personen abzurechnen. "Es war schon eigenartig. Verschiedene Funktionäre wurden ausgebuht. Bei mir waren die plötzlich still und hörten zu", kann er sich noch erinnern und scherzt: "Da kann nicht alles falsch gewesen sein, was ich gemacht habe."

Eigentlich hatte sich Joachim Knappe, wie er heute zugibt, zu dieser Zeit beruflich schon anders orientiert. "Doch ich durfte bleiben. Ich hatte das große Glück, dass die Leute mich wollten." So kann er heute eine Bilanz aufweisen, die besonders ist: Nach 29 Jahren schied er 2008 aus dem Amt aus - immerhin als dienstältester Bürgermeister Sachsens. Liberaler ist er geblieben - bis heute. Mit seiner Zugehörigkeit zur LDPD und später dann zur FDP blickt er auf eine 50-jährige Mitgliedschaft und auf die einstige liberale Hochburg, die das Rochlitzer Rathaus viele Jahre lang war. Auch in diesem Punkt ist Knappe ehrlich und erklärt, warum er als Rentner immer noch das Parteibuch der FDP hat: "Ich bin Mitglied aus Disziplin. Und auch, um meinen Mitstreitern nicht den Anlass zu geben, hinzuschmeißen." Das sei der Hauptgrund, denn zufrieden mit der sächsischen FDP ist er nicht. "Die sind mir zu glatt."

Auf Abstand sei er gegangen, als sich die Landes-FDP entfernt und nicht mehr auf die Bürgermeister gehört habe. Auch im Kreistag, in dem er 22 Jahre lang für die FDP saß und aus dem er 2012 ausgeschieden war, eckte Knappe immer wieder mit seinen Ansichten an. Auch heute sagt er offen, was ihm nicht passt, was seiner Ansicht nach schief läuft im Großkreis Mittelsachsen. "Es ist unstrittig: Der damalige Kreis Rochlitz war nicht lebensfähig." Was dann folgte, sei aus seiner Sicht jedoch optimal gewesen. "Der Landkreis Mittweida hatte die richtige Größe." Es sei das richtige Produkt gewesen - "nah am Bürger und mit einer Verwaltung, die effektiv arbeiten konnte und vor allem ihren Landkreis noch kannte". Aus der Not heraus habe man dann Regionen zum neuen Landkreis "zusammengeschmissen, die nicht zusammengehören. Zum Beispiel das Erzgebirge und den nördlichen Teil Mittelsachsens. Döbeln war schon immer verzahnt mit der Region Leipzig. Geithain, Frohburg, Kohren-Sahlis - das alles hätte besser zu uns gepasst", sagt Knappe. Doch das sei 2008 nicht gewollt gewesen. Die Folgen seien zu spüren: "Da soll ich als Kreisrat über den Straßenbau in Sayda entscheiden?" Das Gebilde sei einfach zu groß, zu unüberschaubar. "Und fahren sie mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Kreistagssitzung. Da ist der Tag weg."

Sieht Knappe auch Vorteile des Großkreises? Da fällt ihm nicht viel ein. "Man könnte durch diese größere Struktur Personal und Geld einsparen. Aber das hat bisher nicht geklappt." Die Verwaltung habe allerdings mehr Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, meint er etwas ironisch. Ein Vorteil sei das aber nicht.

Das größte Manko, das er sieht, sei die fehlende Bürgernähe. Dabei sei das doch so wichtig, um die Menschen von Entscheidungen zu überzeugen. Für ihn als Oberbürgermeister sei das immer oberstes Gebot gewesen. Noch vielen bekannt sind Knappes Gesprächsrunden sonntags in den Gartenkantinen und Bürgerhäusern. "Bei diesen Frühschoppen hat man keine Vorbehalte. Dort habe ich erfahren, was die Leute von dem halten, was wir machen", sagt er. "Für mich war es der schönste Beruf, den ich mir denken konnte."

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