Internationale Hilfe fürs Welterbe

14 Freiwillige aus zwölf Ländern haben die Bergbauhistorie zwischen Krummenhennersdorf und Reinsberg herausgeputzt. Ein Ruck für die Zukunft?

Reinsberg.

Einfach loslegen und zupacken: Mit ihrem Elan haben Carolina, Diego, Ana und ihre Gefährten Fachleute und Passanten in den vergangenen zwei Wochen gleichermaßen beeindruckt. Die Brasilianerin, der Mexikaner und die Spanierin gehören zu den 14 internationalen Freiwilligen, die sich an der Grabentour zwischen Reinsberg und Krummenhennersdorf um die Welterbe-Montanregion Erzgebirge verdient gemacht haben. Am heutigen Freitag endet ihr Einsatz.

Andrey Rylov aus Kasachstan beispielsweise hat mitgeholfen, den rund 175 Jahre alten Kunstgraben in der Nähe des Porzellanfelsens - das Quarzitgestein wurde in der Meißner Porzellanmanufaktur für Glasuren verwendet - von Schlamm und Bewuchs zu befreien. "Es ist wichtig, die Zeugnisse der Geschichte zu bewahren", sagt der 30-Jährige, der in Cottbus an der Brandenburgischen TU das Fach Welterbe studiert. Eigentlich sollte nur ein kleiner Referenzbereich des Grabens freigelegt werden, sagt Claudia Rüthrich vom Förderverein Montanregion Erzgebirge: "Aber nach drei Tagen waren schon 75 Meter geschafft." Insgesamt sei das Anschauungsbeispiel auf rund 200 Meter Länge gewachsen, so die Leiterin der Geschäftsstelle des Vereins in Freiberg weiter.

Als Betreuerin der Helfergruppe hofft Diplom-Industriearchäologin Rüthrich, dass das Beispiel Schule macht: "Wir sind von Privatleuten und Firmen unterstützt worden. Viele haben auch gefragt, ob sie mitmachen können." Eine Möglichkeit dafür sei, dem Verein beizutreten: "Wir finanzieren unsere Projekte aus Beiträgen und Spenden."

Nahe dem IV. Lichtloch des Rothschönberger Stollns in Reinsberg wurden zudem die Überreste des Schönberg'schen Erbbegräbnisses gesichert. "Das Areal war verloren an den Wald", sagt Juan Carlos Barrientos. Der Honduraner hat ebenfalls in Cottbus studiert und ist jetzt in Weimar als Koordinator für Freiwilligenprogramme wie die European Heritage Volunteers tätig.

Die Gruft, in der die Gebeine derer von Schönberg aus der Oberreinsberger Linie bestattet worden waren, sei einst höher gewesen, sagt Albrecht von Schönberg. Zu DDR-Zeiten sei die Grablege zerstört worden, so der Krummenhennersdorfer weiter, der selbst zur Niederreinsberger Linie gehört und im Gemeinderat von Halsbrücke sitzt. Von dem Verfall zeugen Bruchsteine rings um die Ruine. Sie wurden nun bei der Beräumung des Geländes vor Ort belassen, kartiert und dokumentiert.

Als Archäologie-Studentin interessiere sie sich für Geschichte und Erbe, sagt Elsa Heebner aus Kanada, während sie Trapezbleche auf das Notdach über der Gruft schraubt. Der 20-Jährigen geht Mert Sumer aus der Türkei zur Hand. Er beteilige sich jeden Sommer an zwei bis drei solchen Projekten, so der 27-Jährige: "Das ist wichtig für mein Denkmalpflege-Studium in Cottbus."

Derweil erörtern der Reinsberger Bürgermeister Bernd Hubricht (CDU), Denkmalschützer Jörg Liebig vom Landratsamt und Zimmermann Patrick Michaelsen aus Thüringen bereits die nächsten Schritte. Im Gewölbe der Gruft fehlen bereits mehrere Ziegel, durch die Trockenlegung könnten weitere Nachbrechen. "Hier muss ein geübter Maurer ran", empfiehlt Michaelsen.

Die Kooperation von Vereinen, Kommunen und Privatleuten hebt Friederike Hansell als Welterbe-Beauftragte des Freistaats hervor. So seien Freiwillige 2017 am VII. Lichtloch in Halsbrücke und der Reichen Zeche in Freiberg tätig gewesen, 2018 hätten sie für die Alte Elisabeth in Freiberg Holzschindeln gefertigt. Der Verein Welterbe Montanregion Erzgebirge sei für jede Unterstützung dankbar, betont dessen Geschäftsführer Michael Riedel.


Freiwilligenprojekt trägt zur Bewahrung von Familien- und Bergbaugeschichte bei

Für eine letzte Ruhestätte hat das Erbbegräbnis derer von Schönberg in Reinsberg eine bewegte Geschichte, wie Albrecht von Schönberg (Foto) berichtet. Die Grablege sei 1837 auf dem Reinsberger Gottesacker errichtet und nach Unstimmigkeiten mit der Kirchgemeinde um 1900 in den Wald der Familie verlegt worden. Dort sei sie zu DDR-Zeiten aufgebrochen, geschändet und dem Verfall preisgegeben worden. Bei der Rückübertragung der enteigneten Ländereien wurde die Gemeinde Reinsberg Eigentümerin der Gruft.

Die Grabentour ist ein beliebter Wanderweg entlang eines reichlich 3,5 Kilometer langen Kunstgrabens, der 1844 bis 1846 bei Reinsberg für den Bau des Rothschönberger Stollns angelegt worden war. Das Wasser, das über den Graben aus der Bobritzsch in Krummenhennersdorf abgeleitet wurde, trieb am IV. und V. Lichtloch des Stollns eine Turbine und Wasserräder an. Mit deren Hilfe wurden beispielsweise Bergleute und Gestein in den Hilfsschächten befördert.

Das Freiwilligenprojekt an der Grabentour wurde vom Förderverein Montanregion Erzgebirge und dem Verein Welterbe Montanregion Erzgebirge gemeinsam mit der Organisation European Heritage Volunteers auf die Beine gestellt. Letztere ist seit über 20 Jahren in der Freiwilligenarbeit tätig. Die Teilnehmer sollen durch praktische Arbeit und Vorträge ein tieferes Verständnis von Welterbestätten in Europa erhalten. Bislang gab es rund 200 Projekte mit fast 2000 Helfern aus 67 Ländern. (jan)

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