Jahrhunderte eines Gotteshauses passen in eine kleine App

Im Freiberger Dom St. Marien sind wieder Führungen möglich. Für Besucher eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.

Freiberg.

Wie nur wenige andere Bauten steht der Dom St. Marien am Untermarkt stellvertretend für die Stadt Freiberg. Das Gotteshaus, errichtet auf den Überresten seines Vorgängerbaus, der beim Stadtbrand von 1484 zerstört wurde, zieht seit jeher Besucher aus aller Welt an. Bedeutsame Zeugnisse von Kunst und Architektur sind hier versammelt, von der Goldenen Pforte über die Grablege der Wettiner Fürsten, die Tulpen- und die Bergmannskanzel bis hin zu zwei Orgeln aus der Werkstatt Gottfried Silbermanns.

All dies zu bewundern, war in jüngster Zeit nicht möglich. Wegen der Coronapandemie gab es keine Führungen, keine Gottesdienste. Ebenso wie die donnerstäglichen Abendmusiken wurden sie zumindest über das Internet verbreitet. Nun machen sich die Lockerungen auch im Gotteshaus bemerkbar. Seit 17. Mai können sich die Gläubigen unter Auflagen wieder versammeln, und seit 20. Mai sind wieder Führungen möglich. Für alle Besucher eröffnet sich jetzt eine ganz neue Variante, den Dom zu erleben und viel über ihn zu lernen. Nämlich mittels einer App für das Smartphone, die den Nutzer auf seinem Rundgang begleitet und Stationen erläutert.

Nicole und Michael Brey haben diese App in ihrem Unternehmen Ostmodern entwickelt. Die beiden Kunsthistoriker sind selbst in der Touristikbranche tätig und wissen daher sehr gut, worauf es den Nutzern von Audioguides ankommt. Vor zwei Jahren war man mit Dompfarrer Urs Ebenauer und Jana Tschapek, bei der Domgemeinde zuständig für den Bereich Tourismus, darüber ins Gespräch gekommen. "Der Kontakt ergab sich bei einem Besuch von uns eher zufällig", erinnert sich Michael Brey. Die Idee einer App, die sich Touristen aus einem Store herunterladen können und die an die Stelle umständlicher Verleih-Audioguides tritt, schwebte Jana Tschapek schon eine Weile vor. Nach dem Treffen mit den Breys nahm sie Gestalt an. Nun ist sie fertig und steht im Google-Playstore ebenso wie bei Apple bereit.

"Wir haben darauf geachtet, dass sie besonders nutzerfreundlich ist", erklärt Nicole Brey. "Das Herunterladen geht einfach und schnell." Als man das Projekt anging, war von Corona noch keine Rede. Und doch passt es nun gerade in die neuen Verhältnisse, dass man mittels der elektronischen Führung individuell und nicht in größeren Gruppen durch den Dom gehen kann. Die Domführer sind deswegen nicht überflüssig geworden, betonen die Breys. Vielmehr habe man sie in das Projekt mit eingebunden und viele wichtige Hinweise erhalten.

Insgesamt acht Hörstationen sind zu finden. Die Gesamtdauer des gesprochenen Wortes beträgt rund 40 Minuten. In welcher Reihenfolge man den Raum abgeht, bleibt jedem selbst überlassen. Ein Grundriss auf dem Display zeigt, an welcher Stelle eine Station zu finden ist. Nummer 4 etwa ist das Altarbild. "Den Text dazu spricht Dompfarrer Urs Ebenauer selbst", so Michael Brey.

Wichtig sei es gewesen, das Raumerlebnis in den Mittelpunkt zu stellen, betonen die Entwickler. Doch kam es ebenso darauf an, die Kontraste herauszuarbeiten: Die katholischen Ursprünge, die protestantische Entwicklung und die weltlichen Aspekte, die in der Grablege zum Ausdruck kommen. Nicht zu vergessen die Einflüsse der Architektur mit den spätgotischen Anfängen, der Renaissance und dem Barock. "Ganze Jahrhunderte der Geschichte stürmen auf die Besucher ein", meint Michael Brey fasziniert. "Es war unglaublich interessant, das alles herauszuarbeiten." Der Zuhörer wird zudem aufgefordert, sich selbst zu beteiligen, Vergleiche anzustellen, zwischen den beiden Kreuzen etwa mit den unterschiedlichen Jesusdarstellungen. Auch darf man sich auf die Suche begeben, welche Figur das Icon der App inspiriert hat.

Die Dom-App ist kostenlos erhältlich. Sie gibt auch Auskunft zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und aktuellen Sonderführungen.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.