Kneipenrallye: Kennenlernen mit Gebrüll

Der erste Eindruck, den die neuen Studenten bei Freibergern hinterlassen haben, war teilweis kein guter. Am Obermarkt wurde die Polizei gerufen.

Freiberg.

Was da gebrüllt wird, ist nicht zu verstehen. Aber der Lärm wirkt bedrohlich. Ein schon heiserer Mann schreit eine Parole, und eine Gruppe skandiert eine Antwort. "Oh mein Gott. Ich weiß nicht mal, ob die rechts oder links sind", kommentiert eine junge Frau die Töne, die sie mit ihrem Smartphone von einer Wohnung am Untermarkt in Freiberg aufgenommen hat. Unten auf dem Platz läuft aber keine Demo - Studenten ziehen auf ihrer alljährlichen Kneipenrallye durch die Stadt.

Es handele sich um eine Kennenlernveranstaltung für Erstsemester über die Grenzen der Studiengänge und Fakultäten hinaus, sagt Christian Schröder vom Freiberger Studentenwerk. Wie jedes Jahr hatten am 10. Oktober zusammengeloste Gruppen im spielerischen Rahmen Aufgaben zu meistern, so der Pressesprecher weiter. Dabei entstünden Freundschaften, die teils das gesamte Studienleben hielten: "Aus diesem Grund sind wir der Überzeugung, dass diese Veranstaltung in Zeiten, in denen Vernetzung immer wichtiger wird, durchaus 'zum Bild des Studenten von heute' passt."

Die Rallye sei beim Ordnungsamt der Stadt angezeigt, so Schröder weiter, und die Studenten würden jeweils von zwei Gruppenleitern durch die Stadt begleitet: "Diese sind instruiert, dass ab 22 Uhr die Nachtruhe gilt und unnötige Störungen auf ein Minimum zu beschränken sind." Zudem sorgten sechs Zweierteams als "Stadtsheriffs" dafür, dass die Anwohner in der Altstadt nicht übermäßig gestört würden. "Gegen 23 Uhr enden die Spiele in den gastronomischen Einrichtungen, und die Gruppen machen sich auf den Weg zum Tivoli." Dort finde die traditionelle After-Rallye-Party statt, auf der die neuen mit den Studenten der höheren Semester sowie den ehrenamtlichen Helfern feierten. Die Teilnehmer könnten "selbst entscheiden, ob und wenn ja wie viel Alkohol konsumiert wird".

Ähnlich äußert sich Oberbürgermeister Sven Krüger: "Für den jeweiligen Eindruck, den die Studenten bei der Kneipenrallye in der Öffentlichkeit hinterlassen, ist allerdings jeder selbst verantwortlich." Er finde es gut, so Krüger, dass das Studentenwerk viele Veranstaltungen für die Studenten organisiert: "Denn zu einem attraktiven Universitätsstandort gehören auch entsprechende Freizeitangebote." Bei der Kneipenrallye zu Semesterbeginn sollen die neuen Studierenden auch die Innenstadt kennenlernen - "ebenso die gastronomischen Einrichtungen. Auch das trägt dazu bei, diese zu unterstützen."

Während das Ordnungsamt der Stadt meldet, über die Kneipenrallye 2019 lägen keine Beschwerden vor, berichtet die Polizei von einem Einsatz auf dem Obermarkt. Die Beamten seien 21.20 Uhr alarmiert worden, so Doreen Göhler von der Pressestelle, weil rechte Parolen gegrölt worden seien. Eine Streife und der Stadtordnungsdienst hätten aber festgestellt, dass die Studenten "Nimm teil" gerufen hätten - um andere zum Mitmachen zu bewegen.

Der Vater der jungen Frau, die das Gebrüll am Untermarkt aufgenommen hat, fragt sich auch, was wohl Studenten aus anderen Kulturen zu dieser Art der Immatrikulationsfeier sagen mögen. "Die Freiberger Kneipenrallye steht allen Studierenden der TU Bergakademie offen, auch den internationalen", entgegnet Christian Schröder vom Studentenwerk. Sie werde von Studenten für Studenten organisiert: "Auf Vergleiche, gleich welcher Art, kann deshalb verzichtet werden."


Kommentar: KeinSpaß

Auch auf die Gefahr hin, als Spießer zu gelten, der keinen Spaß versteht: Ich habe die Sprechchöre, mit denen viele Studienanfänger vor einer Woche zur Kneipenrallye durch Freiberg gezogen sind, als aufdringlich und unangenehm empfunden. Kann sein, dass die Sprüche sogar witzig waren. Aber dann wurde die Ironie dem Krampf geopfert, alle anderen in der Lautstärke zu übertrumpfen; die einzelnen Worte waren schlichtweg nicht zu verstehen. Es wundert mich daher nicht, dass Unbeteiligte rechte Parolen gehört haben wollen. Auf dem Obermarkt soll gegen 21.20Uhr "Nimm teil" skandiert worden sein. Wer bitte sollte damit um diese Uhrzeit noch zur Teilnahme animiert werden? - Die Gruppen waren schon seit 17 Uhr gemeinsam unterwegs. Für mich klingt das sehr nach dem Hitlergruß. Und bei dem hört der Spaß auf.

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 3 Bewertungen
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    Cotti
    17.10.2019

    Daß dem Ordnungsamt keine Beschwerden vorliegen hat warscheinlich den Grund, daß die meisten Leute resigniert haben und keine Beschwerden mehr vorbringen weil ja von Seiten des Ordnungsamtes sowieso nichts unternommen wird.
    Ich weiß nicht wie oft mich in den letzten Jahren über Missachtung der Biergartenöffnungszeiten in der Meißner Gasse beschwert habe, passiert ist nichts.
    Allein in diesem Jahr habe ich mich mehrfach über die "ubar" in der Meißner Gasse beschwehrt, dort werden die Gäste zum Rauchen raus vor die Tür geschickt, wo sie sich dann natürlich auch lautstark unterhalten, herumgröhlen, Party machen und etwa jede halbe bis dreiviertel Stunde die Anwohner aus dem Schlaf reißen.An den Wochenenden geht es auf der Gasse zu wie auf dem Jahrmarkt.
    Aber das Ordnungsamt denkt ja gar nicht daran, irgend etwas zu unternehmen, das merke ich daran, daß es keine merkliche Besserung des Problems gibt, sondern es im Gegenteil immer schlimmer wird.Mittlerweile zieht sich dieser "Terror" bis in die frühen Morgenstunden.
    Und besonders bei Veranstaltungen, wie z.B. der Kneipenrallye finde ich, müßten Mitarbeiter des Ordnungsamtes nachts präsent sein, um die Einhaltung von Recht und Ordnung zu überwachen und auch durchzusetzen, notfalls auch mit Hilfe der Polizei.Die dadurch anfallenden Kosten würde ich dem Veranstalter in Rechnung stellen, dann würde dieser nämlich auch selbst dafür sorgen, daß alles gesittet abläuft, anstatt die hirnlose Herumgrölerei noch zu fördern, wie es momentan der Fall ist.

  • 4
    3
    ChWtr
    17.10.2019

    Völlig richtig, Juri. Wenn die Stadt und das Studentenwerk das Ganze befördert und die Außenwirkung dann lt. OB auf die (neuen & alten) Studenten delegiert wird, ist selbstverständlich die Stadt und das Studentenwerk gefordert. Unter dem Deckmantel "sich austoben zu wollen" in der neuen Stadt auf Zeit kann es ja wohl nicht sein. Das sogenannte Selbstbewusstsein holen sich diese "Pubertierenden" im Gruppenzwang.

  • 6
    3
    Juri
    17.10.2019

    Nein das ist kein Spaß. Es ist sogar sehr nachdenkenswert. Um welche jungen Menschen geht es hier.
    In einer neuen, fremden Stadt und dann gleich so ein Auftritt? Dieses "Selbstbewusstsein" kann schon Sorgenfalten entwickeln.
    Ich stelle mir vor, wenn diese jungen Leute den Antrittsbesuch bei den Eltern des oder der Liebsten machen. Na hoffentlich schreien die da nicht auch so herum oder verstellen im Überschwang die Möbel.
    Also gut aufpassen liebe Verantwortlichen. Wollen die in unserer Stadt wirklich ersthaft studieren?
    Ich lese sie schon wieder die Zeilen: "Also der/die war noch nie polizeibekannt. Das konnten wir alles nicht wissen"!



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