"Landwirtschaft hat Akzeptanzproblem"

Werner Bergelt, Geschäftsführer des Regionalbauernverbands, über das Dürrejahr und weitere Herausforderungen

Marienberg.

Die Dürre 2018 hat Auswirkungen auf die Landwirtschaft im Erzgebirge. Noch so ein Jahr hätte gravierende Folgen, sagt Werner Bergelt. Der Geschäftsführer des Regionalbauernverbands spricht im Interview mit Patrick Herrl über weitere Probleme.

Freie Presse": 2018 war geprägt von Trockenheit. Welche Folgen hatte das Dürrejahr für die Landwirtschaft im Erzgebirge?

Werner Bergelt: Die Dürre hat 10 Prozent weniger Ertrag beim Getreide und 15 Prozent weniger beim Raps verursacht. Allerdings waren die Auswirkungen regional unterschiedlich, weil meist nur örtliche Gewitter Wasser brachten. Der trockene Sommer und Herbst haben viel mehr Probleme im Futterbereich ausgelöst. Kommt noch so ein Jahr, habe ich die Befürchtung, dass Landwirte ihre Tierbestände reduzieren. Trotzdem haben die wenigsten Bauern Dürrehilfe beantragt.

Warum?

Das liegt zum einen an der komplizierten Berechnung bei den Anträgen. Der Antragsteller muss belegen, dass er mindestens 30 Prozent weniger Ertrag im Vergleich zu den drei vergangenen Jahren hatte. Zudem können wir Geld nicht an unsere Tiere verfüttern.

Ein anderes Thema: Für Verwirrung sorgte der Landesbauernverband. Erst unterstützte er die Kritik an der Rotwild-Jagd. Anschließend erfolgte die Kehrtwende. Wie stehen Sie dazu?

Der Streit um die Bewirtschaftung des Rotwildes ist für Landwirte im Erzgebirge weniger das Problem. Wir haben zwar mit Wildschäden zu kämpfen, die sind aber nur auf einzelne Regionen beschränkt. Das Schwarzwild hingegen richtet bei uns viel größere Schäden an. Es wird im Sommer auf die Felder getrieben, sucht Schutz im Mais, Raps und Getreide und lässt sich nur schwierig bejagen. Die Schäden reichen infolge dessen bis zum Totalverlust.

Herrscht diesbezüglich auch Angst wegen der Afrikanischen Schweinepest?

Die Gefahr besteht. Die Afrikanische Schweinepest kommt in der Ukraine und Nordpolen nicht zum Erliegen. Nun sind auch Fälle in Tschechien und Belgien aufgetreten. Bei uns zum Glück noch nicht.

Warum bricht die Krankheit in unterschiedlichen Regionen aus?

In den Fällen überträgt nicht das Wild, sondern der Mensch den Erreger. Das passiert über infizierte Schweineprodukte und weggeschmissene Essensreste, derer sich Wildschweine bedienen. Für den Mensch ist der Virus zum Glück nicht gefährlich.

Aber für Hausschweine in 95 Prozent aller Fälle tödlich.

Die Afrikanische Schweinepest ist für Schweine fast hundertprozentig tödlich. Tritt ein Fall auf, bedeutet das ein Jahr ohne richtigen Absatz. Das wäre ein Totalverlust. Die Jäger werden geschult, was im Verdachtsfall zu unternehmen ist. Schließlich ist der Virus allein über das Blut mehrere Monate übertragbar.

Welchen Gefahren sind die Erträge auf den hiesigen Feldern ausgesetzt?

Ein großes Problem im Winter sind die Schneemobilfahrer. Sie rasen mit den Skidoos über die Felder, ohne zu wissen, dass sie mit den Gummiketten die Kulturen schädigen. Die Spuren sind ertragsmindernd. Diese Fahrer sollen landwirtschaftliche Nutzflächen meiden, stattdessen Straße und Wege nutzen.

Wird die Arbeit der Landwirte einfach nicht mehr respektiert?

Die Landwirtschaft hat ein Akzeptanzproblem - auch auf dem Land. Man erkennt den Bauern nicht mehr als Produzenten hochwertiger Produkte. Die Identifizierung fehlt, da Landwirte größtenteils nur noch für den allgemeinen Markt und nicht für den einzelnen Kunden produzieren.

Warum vermarkten dann so wenige Landwirte direkt ihre Ware vom Hof aus?

Es gibt viele regionale Unternehmen, die so etwas aufbauen wollen. Sie scheitern aber an der Reglementierung. Zudem gibt es sehr wenige regionalen Kreisläufe. Es klingt schizophren, aber es gibt keinen einzigen Schlachthof mehr in Sachsen. Der nächste befindet sich in Altenburg. Alles wurde an riesigen Standorten zentralisiert. Ohnehin wird der Aufbau einer Direktvermarktung für Bauern aufgrund von Gesetzen und neuen Regelungen immer teurer. Dabei ist die Landwirtschaft ein wichtiger Arbeitgeber in der Region.

Können Sie das belegen?

In der Landwirtschaft im Erzgebirgskreis sind 2500 Personen beschäftigt. Zudem gibt es Beschäftigte im vor- und nachgelagerten Bereich. Landwirte arbeiten auch mit vielen anderen Gewerben in der Region zusammen. Aber: Betrachtet man die pure Landwirtschaft in ganz Deutschland, sind es bundesweit nur noch ein Prozent von allen Beschäftigten.

Woran liegt das?

Die Branche hat sich modernisiert, wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit neuen Techniken ausgestattet. Mit Hilfe von Melkrobotern und modernen Feldmaschinen hat sich der personelle Aufwand reduziert. Ostdeutschland nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein.

Schauen wir nach vorn: Müssen die Landwirte erneut ein ertragsarmes Jahr fürchten?

Nein. Ich bin optimistisch, dass sich so ein Jahr nicht gleich wiederholt. Im Erzgebirge gehen die Bauern mit Wasser gesättigten Böden aus dem Winter. Das sind gute Zeichen für das Frühjahr.

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