Ludwig: Ich hatte Angst um die Stadt

Die Oberbürgermeisterin zur Kritik an ihrer Person, warum sie bei der ersten Kundgebung im Rathaus blieb und zum Chemnitz-Bild nach außen

Chemnitz.

Das Tötungsverbrechen an einem 35-Jährigen und die Ausschreitungen im Anschluss haben die Stadt verändert. Mandy Fischer sprach mit Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig über den schwarzen Sonntag von Chemnitz, die Tage danach; darüber, wie sie die Chemnitzer wieder zusammenführen will und ob sich eine Kulturhauptstadt-Bewerbung jetzt noch lohnt.

Freie Presse: Am 26. August, dem Sonntag, als der 35-jährige Daniel H. in der Innenstadt mit Messerstichen tödlich verletzt wurde, fand sieben Stunden später anlässlich des Stadtjubiläums ein ökumenischer Gottesdienst statt. Sie haben dort gesprochen, ohne auf die Gewalttat einzugehen. Weshalb hielten Sie an Ihrer vorbereiteten Rede fest?

Barbara Ludwig: Weil ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gewusst habe, was passiert war. Ich hatte am frühen Morgen Nachrichtenportale gelesen, sie berichteten noch nicht darüber. Hätte ich davon gewusst, hätte ich meinen Text so nie sagen können. Auch all jene, die den Gottesdienst gestalteten, hatten offensichtlich keine Kenntnis.

Wann hat Sie die Polizei über das Gewaltverbrechen informiert?

11.30 Uhr erhielt ich von Herrn Uhle (Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung CWE und Stadtfest-Veranstalter, Anm. d. Red.) einen Anruf, in dem er mich über ein Tötungsdelikt am Rande des Stadtfestes informierte. Die Polizei hat sich an mich nicht gewandt. Es gibt immer einen diensthabenden Bürgermeister, der in außergewöhnlichen Lagen, wie bei Brandereignissen, informiert wird. Straftaten, für deren Verfolgung allein die Polizei zuständig ist, gehören nicht dazu. Um einen Tag versetzt erhalte ich einen Polizeibericht zu den Straftaten im Stadtgebiet.

Wäre es nicht besser gewesen, Sie früher zu informieren?

Ja. Das muss eine Konsequenz sein, dass Oberbürgermeister, Bürgermeister, Landräte in Zukunft frühzeitig informiert werden, wenn es um besondere Ereignisse, wie Straftaten gegen Leib und Leben oder welche, die eine hohe Betroffenheit auslösen können, geht. Dann sind oft schnelle Entscheidungen notwendig. In Köthen war dafür bereits die nötige Sensibilität nach den Ereignissen in Chemnitz vorhanden.

In der ersten Stellungnahme zum Abbruch des Stadtfestes haben Sie keine Worte der Trauer, des Mitgefühls für die Angehörigen gefunden. Weshalb nicht?

In dem ersten Pressegespräch, das ich selbst veranlasst hatte, habe ich gesagt, dass ein Gewaltverbrechen immer etwas Schlimmes ist, egal unter welchen Umständen es passiert. Weitergehend habe ich mich nicht geäußert, weil ich zu dieser Zeit - es war 19 Uhr -, über Opfer und Täter nur wusste, was in der Polizei-Pressemitteilung stand. Alle Statements ab Montag habe ich mit Worten der Anteilnahme für die Familie begonnen. Tötungsdelikte kommen leider vor, glücklicherweise selten. In Chemnitz war es zuletzt das Tötungsverbrechen an einer Prostituierten, was öffentlich große Beachtung fand. Es ist nicht üblich, dass sich eine Oberbürgermeisterin zu schweren Straftaten äußert, weil oft die Umstände der Tat unklar sind.

Wo sind Sie an dem Montag gewesen, als Pro Chemnitz und Chemnitz nazifrei in der Stadt demonstrierten?

Im Rathaus. Unter anderem habe ich mich mit Fraktionsvorsitzenden ausgetauscht und die Stadtratssitzung vorbereitet. Ich stand mit der Einsatzleitung in Verbindung, in der Hoffnung, dass die Demonstrationen friedlich bleiben und die Gruppen soweit voneinander getrennt werden können, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Außerdem gab es viele Anrufe, die ich bis abends, von zu Hause aus, beantwortet habe.

Warum waren Sie nicht auf der Straße?

Ich hatte entschieden, an dem Montag nicht auf der Straße zu sein.

Warum nicht? Viele Chemnitzer hätten erwartet, dass Sie nach dem schwarzen Sonntag für die Stadt rausgehen und mit den Leuten reden.

Die Situation war so angespannt, dass man nicht hätte in Ruhe ins Gespräch kommen können. In der Woche war ich dann sehr viel unterwegs, bin präsent gewesen, obwohl das manchmal schwer war.

Hätte nicht schon am Montag vor einer Woche die bürgerliche Mitte auf der Straße stehen müssen, so wie es am Wochenende darauf der Fall war?

Mein Eindruck war, dass viele fassungslos beobachtet haben, was da passiert ist, und zu sich finden mussten. Inzwischen gibt es viele Initiativen. Und die Initiatoren haben alle nicht gesagt: Wir müssten etwas tun. Sie haben gesagt: Wir tun etwas. Das ist ein starkes Zeichen. Es gibt viele, die diese Ereignisse nicht auf sich sitzen lassen wollen. Die Stadt sind alle, die sich hier engagieren, und nicht diejenigen, die am lautesten rufen.

Viele Chemnitzer hätten von Ihnen erwartet, dass Sie voran gehen, schneller klarere Worte als Stadtoberhaupt finden. Wie bewerten Sie die Kritik?

Die Einschätzung muss ich respektieren. Ich hatte in diesen Tagen viele Entscheidungen, Abwägungen zu treffen. Die Stadt war im Ausnahmezustand, emotional, aber auch die Sicherheit betreffend. Ich stand seit dem Sonntag nicht nur unter dem Eindruck der Gewalttat und der zum Teil übergriffigen Demonstrationen. Haltung und der Blick nach vorn sind da genauso gefragt wie starke Nerven und Empathie. Und eben die öffentliche Präsenz. Diese habe ich gezeigt. Und immer klare Worte gefunden. Trotzdem ist mir bewusst, dass diese nicht bei allen angekommen sind.

Hat Ihr Krisenmanagement funktioniert?

In so einer Situation war die Stadt noch nie. Auf so eine Situation konnte Chemnitz sich nicht vorbereiten. Es ging zuerst darum, die Sicherheit wiederherzustellen. Das ist mit jedem Tag besser gelungen. Die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass die Polizei in der Lage ist, auch in einer besonderen Situation die Einwohner zu beschützen. Das Zweite war die Frage, was jetzt zu tun ist. Mir war klar, dass die Meinungen in der Stadt sehr weit auseinandergehen zwischen denen, die bei den rechten Demonstrationen mitgelaufen sind, aber sagen, dass sie nicht rechts sind, und den verunsicherten Menschen, die völlig schockiert waren, dass Chemnitzer mitlaufen können, wenn der Hitlergruß gezeigt wird. Jetzt müssen wir es schaffen, dass es nicht noch weiter auseinandergeht. Meine Aufgabe ist es, nicht zu polarisieren, auch wenn das immer wieder erwartet oder interpretiert wird. Deshalb wird es weitere Bürgerdialoge geben. Aber das kann ich nicht allein. Die Stadt sind alle, auch wenn die Oberbürgermeisterin an der Spitze steht und sich nicht wegducken kann.

Als Sie die Bilder von den Ausschreitungen gesehen haben, hatten Sie da Angst um Ihre Stadt?

Ja, ich hatte auch Angst, weil ich nicht wusste, wozu das noch führen würde. Ich hatte das Gefühl, da tut sich ein Graben auf, und mich gefragt, was verschwindet darin alles, was wir geschafft haben? Wir hatten einen tollen Sommer mit Hutfestival, Parksommer, Weinfest, Begehungen. Mit einem Mal drohte vieles in diesem Graben zu verschwinden, und ich wusste nicht, was alles. Das kann ich auch jetzt nicht sagen. Die Frage ist, wie wir den Graben wieder schließen können. Das wird nicht einfach. Es braucht viele, die das wollen.

Als Ministerpräsident Michael Kretschmer zum Sachsengespräch ins Stadion eingeladen hatte, galt ein Großteil der Buhrufe Ihnen. Haben Sie das erwartet?

Ja. Die Wut wollte irgendwohin. Das muss ich aushalten. Gut war, dass wir trotzdem noch ins Gespräch gekommen sind. Aber es kann nur ein Anfang sein. Es reicht nicht, dass man mal miteinander redet - und dann ist gut. Deshalb erwarte ich auch vom Freistaat Antworten, wie wir die Stadt sicherer machen. Aber auch wir sind gefordert, zum Beispiel mit dem Stadtordnungsdienst. Außerdem sollen die Bürger stärker mitreden können, was wir konkret tun können, um zum Beispiel das Sicherheitsgefühl zu stärken. Deshalb gibt es den nächsten Bürgerdialog am 17. September zum Thema: Wie sicher ist Chemnitz.

Ist Chemnitz in den Medien aus Ihrer Sicht zu schlecht dargestellt worden?

Vorher gab es in überregionalen Medien kaum Bilder über die Stadt. Man interessiert sich nicht für Chemnitz. Wenn ich in einem Nebensatz erwähne, dass wir die drittgrößte ostdeutsche Stadt sind - wenn Berlin als Bundesland gilt -, dann schaue ich in erstaunte, leere Augen. Auch wenn ich darüber berichte, wie sich die Lebensqualität verbessert hat. Ich bin auf völlig uninformierte und meist desinteressierte Journalisten getroffen, die nur an diesem einen Thema interessiert sind, nämlich dass hier Rechtsradikale auf der Straße waren. Das finde ich nicht in Ordnung.

Wie lange wird es brauchen, bis der Imageschaden für Chemnitz repariert ist?

Das ist für mich nicht das erste Thema. Uns muss es jetzt gelingen, Vertrauen wiederherzustellen. Bei den Menschen, die das Land mitaufgebaut haben und jetzt enttäuscht sind, weil sie sich nicht gehört fühlen. Das Bild von Chemnitz nach außen zu verändern, wird erst gelingen, wenn die Stadt zur Ruhe gekommen ist, nicht zu einer trügerischen Ruhe, aber wenn der Ausnahmezustand vorbei ist. Wenn die ausgleichenden Töne lauter werden, ist die Zeit gekommen zu sagen: Schaut auf diese Stadt. Aber erst braucht es die Initiative und das Bekenntnis vieler Bürger für ihr Chemnitz. So wie am Freitag auf dem Theaterplatz.

Die Wirtschaft wird nicht so viel Zeit haben. Unternehmen fürchten schon jetzt, dass sich die Fernsehbilder, der Ruf der Stadt sofort auf ihr Geschäft auswirkt.

Deshalb ist es genau richtig, dass sich die Unternehmen melden und die Kampagne "Chemnitz ist weder grau noch braun" gestartet haben. Sie sind international aufgestellt und können den Chemnitzern sagen: Überlegt euch, wenn ihr mit Rechtsradikalen auf die Straße geht, was ihr damit anrichtet. Wir haben steigende Einkommens- und Gewerbesteuern. Aber jetzt sind wir dabei, unsere eigene Basis, unsere eigene Wertschöpfung zu untergraben. Je mehr sich äußern, dass sie das nicht sind, was gerade nach außen vermittelt wird, um so schneller geht es, das Bild von Chemnitz wieder geradezurücken.

Sind das die schwersten Tage Ihrer Amtszeit?

Ja.

Haben Sie Kontakt zur Familie des Opfers bzw. zu den bei der Messerattacke verletzten Männern?

Zum Schutz der Privatsphäre und der Anonymität der Familie möchte ich dazu jetzt nichts sagen.

Wird es wieder ein Stadtfest geben, wie wir es kennen?

Es wird wieder ein Stadtfest geben. Aber in welcher Form, kann ich heute noch nicht sagen. Ich bin mir sicher, dass die Ereignisse in diesem Jahr Auswirkungen haben werden.

Was wird aus der Chemnitzer Kulturhauptstadt-Bewerbung?

Was wir erlebt haben, ist leider auch Europa. Man kann in viele Länder schauen, Rechtspopulismus bis hin zu Rechtsradikalismus nehmen zu. Und die Frage der Migration nach Europa treibt viele um. Chemnitz ist nur ein weiteres Beispiel dafür. Insofern ist es auch ein europäisches Thema, das wir im Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung mit bearbeiten müssen.

Was wollen Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel sagen, wenn sie nach Chemnitz kommt?

Der Grund der Einladung ist, im Gespräch zu bleiben. Wir haben seit 2015 Einwohnerversammlungen zum Thema Migration, Unterbringung von Flüchtlingen organisiert. Seither gibt es einen großen Gesprächsbedarf. Die Chemnitzer sollen die Chance haben, mit der Bundeskanzlerin zu reden - diejenigen, die reden wollen. Wer nur brüllt, der will nicht reden.


Barbara Ludwig

Die heute 56-Jährige ist 2006 erstmals zur Oberbürgermeisterin gewählt und 2013 im zweiten Wahlgang

im Amt bestätigt worden. Vorher saß

sie als Mitglied der SPD, der sie seit

1991 angehört, im Sächsischen Landtag. 2001 bis 2004 hatte Ludwig in

Chemnitz das Amt der Sozial- und

Kulturbürgermeisterin inne, bevor sie

zur Kunst- und Wissenschaftsministerin des Freistaates berufen wurde.

Die studierte Pädagogin arbeitete

zunächst als Erzieherin und Lehrerin,

gründete 1990 das Chemnitzer Schulmodell mit, an dem sie bis 1994 lehrte. Danach ging sie in die Politik. Ludwig wurde in Karl-Marx-Stadt geboren

und hat eine Tochter. (dy)

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