Mit einem Lächeln gegen Vorurteile

Die Muldaerin Peggy Estel gehört zu den freiwilligen Mitarbeitern im Oederaner Hospiz. Ihre Geschichte zeigt, wie sehr der Hospizdienst ein Leben bereichern kann. Und dass selbst Fachkräfte noch viel zu wenig über dessen Arbeit wissen.

Mulda/Oederan.

Mit einem Lächeln im Gesicht sei sie ihren letzten Weg gegangen. Sagt Peggy Estel über ihre Freundin, die im Juni dieses Jahres 41-jährig ihrer Krankheit erlag. An einem Montagmorgen. "Am Wochenende zuvor konnte sie noch einmal raus ins Grüne. Und unter Menschen. Dabei ist sie das erste Mal seit Monaten wieder zur Ruhe gekommen", sagt Peggy Estel und ringt um Fassung. "Alle Welt soll wissen, dass sie diese schönen letzten Momente dem Oederaner Hospizverein zu verdanken hat." Es ist nicht nur die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen, der Peggy Estel die Tränen in die Augen treibt.

Es sind auch Wut und Unverständnis darüber, dass die Arbeit des Hospiz- und Palliativdienstes "Begleitende Hände" in Oederan in der Öffentlichkeit bei manchem immer noch einen düsteren Ruf hat. "Die Leute kommen zu uns, um zu sterben, heißt es. Hier laufen lauter Geister durch dunkle Räume, heißt es. Einige nennen es sogar das Gruselhaus", sagt Peggy Estel. "All das ist so unglaublich falsch, aber kaum einer will sich selbst ein Bild davon machen."

Die 43-jährige Muldaerin ist seit ihrem 18. Lebensjahr aufgrund einer Krankheit EU-Rentnerin. Immer wieder habe sie nach einer Aufgabe gesucht, Anfang dieses Jahres sei sie schließlich fündig geworden, als sie vom Oederaner Hospiz erfuhr. "Ich kannte die Vereinsvorsitzende Petra Kröner, nach einem Gespräch mit ihr wollte ich mitmachen", sagt Peggy Estel. Mittlerweile lässt sie sich zur ehrenamtlichen Hospizhelferin ausbilden, ist mehrmals pro Woche im einzigen stationären Hospiz Mittelsachsens vor Ort, um zu helfen. Wobei? "Beim Leben", sagt Peggy Estel und lächelt. "Beim Lachen, beim Fröhlichsein. Was wir hier machen, wird oft fälschlich als Sterbebegleitung bezeichnet. Aber wir begleiten die Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens."

Oder auch nicht. Denn es sei auch schon vorgekommen, dass Patienten, die mit einer schweren und scheinbar unheilbaren Krankheit ins Hospiz gekommen sind, das Haus wieder verlassen und die Therapie wieder aufgenommen haben. "Dass das möglich ist, sagt aber niemand. Und genau das ärgert mich so sehr", sagt Peggy Estel. Und ringt wieder um Fassung.

Ihre Freundin habe im Krankenhaus den Wunsch geäußert, ins Hospiz zu ziehen. Das Krankenhaus-Personal stellte ihr in Aussicht, dass dann alle Therapien automatisch abgebrochen würden. Und dass sie dann bald sterben würde. "Das hat ihr solche Angst gemacht. Sie hat sich lieber einsam in ihre kleine Wohnung zurückgezogen, aus deren Fenstern sie keine Bäume gesehen hat", erzählt Peggy Estel, die im Juni schließlich die Notbremse zog. Sie holte ihre Freundin ins Oederaner Hospiz. "Hier konnte sie ihre letzten zwei Tage noch einmal genießen. Leider nur diese zwei Tage. Weil ihr zuvor völlig sinnlos Angst vor der Einrichtung gemacht wurde", sagt Peggy Estel.

Für Hospizchefin Petra Kröner ist das nichts Neues. "Leider", sagt sie. "Es müsste viel mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden. In der Öffentlichkeit und im Besonderen in Krankenhäusern und bei Pflegediensten. Was den Patienten dort teilweise über uns erzählt wird, ist erschreckend." So sei es keinesfalls so, dass die Menschen im Hospiz bleiben müssen. "Sie können heimgehen, rausgehen, wegfahren. Wir bieten ihnen lediglich die Gewissheit, schmerzarm und nicht allein zu sein. Und Spaß am Leben haben zu dürfen", sagt Petra Kröner.

Auf Anfrage der "Freien Presse" an verschiedene sächsische Krankenhäuser, ob Hospizdienste wie der Oederaner den Patienten empfohlen würden, kamen keine oder sich ähnelnde Antworten: Das Personal werde geschult, hieß es oftmals.

Und auch über die Finanzierung der Hospizarbeit in Oederan gebe es in der Öffentlichkeit ein falsches Bild, sagt Petra Kröner. "Dass wir in der vergangenen Woche fast 20.000Euro Förderung von den Krankenkassen bekommen haben, hat zu vielen Glückwünschen für unseren Verein geführt." Ihr ist aber wichtig zu sagen, dass dieses Geld kein zusätzliches Geld ist, sondern früher von der Landesdirektion kam. "Es ist kein Cent mehr als vorher. Wir sind nach wie vor dringend auf Spenden angewiesen."


Ehrenamtliche Helferin veröffentlicht Buch über Oederaner Hospiz

Der Hospiz- und Palliativdienst "Begleitende Hände" in Oederan feiert am 1. Oktober dieses Jahres sein zehnjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass ist in den vergangenen Monaten ein Buch über die Arbeit im Verein und das stationäre Hospiz in der ehemaligen Schustervilla entstanden.

Autorin des Buches ist Patricia Smolka. Sie ist selbst ehrenamtliche Mitarbeiterin des Oederaner Hospizes, singt seit zwei Jahren mit den Menschen dort. Derzeit absolviert sie eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin. Ihr Buch heißt "So viel Leben im Haus der Liebe", hat 64 Seiten und soll Mitte September erscheinen. Finanziert wird es durch Spenden, auch die Ausgabe der 1000 Exemplare erfolgt gegen Spenden.

Das Jubiläum feiert der Hospizverein am 1. Oktober mit einer Veranstaltung im Oederaner Festsaal. (tre)

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