Mit Respekt

Jeder in der Redaktion weiß: Erscheint seine Telefonnummer auf dem Display, wird es kein Sonntagsdienst nach Plan. Marcel Schlenkrich fotografiert seit 2010 im Auftrag der "Freien Presse" und lieferte auch die ersten Bilder vom Großbrand am 3. November in Oederan.

Der Plan für diesen trüben Sonntag war ein anderer. In Freiberg erwarteten die Landesklasse-Fußballer die Gegner aus Bannewitz. "Weil ich frei hatte, wollte ich eigentlich bei diesem Spiel für mich Fotos machen. Doch es kam anders: Kurz vor dem Anpfiff klingelte mein Telefon." Brand im Gewerbegebiet Oederan. Mehr Informationen hatte Marcel Schlenkrich noch nicht. Es war der 3. November, kurz vor 14 Uhr. Was dann folgt, ist für den Freiberger schon so etwas wie Routine: Die Fotoausrüstung muss sicher im Auto verstaut und die Kollegen in der Lokalredaktion benachrichtigt werden. Los geht's zum Einsatzort.

Die dunkle Rauchwolke habe er schon kurz nach Freiberg, in der 70er-Zone bei Kleinschirma, gesehen. Bedrohlich. Die ersten Bilder lieferte der 33-Jährige, der mittlerweile seit fast zehn Jahren im Auftrag der "Freien Presse" fotografiert, gleich vom Smartphone. So konnten die Kollegen bereits die Erstmeldung vom Feuerwehreinsatz bebildern. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen konnte: Der Großbrand forderte von den 230 Einsatzkräften alles ab - 26 Stunden lang. Deshalb ist die Aufnahme von der Rauchwolke Mittelsachsens Foto des Jahres.

Schlenki, die meisten kennen Marcel Schlenkrich nur unter diesem Namen, so meldet er sich auch selbst am Telefon, ist für die Feuerwehrleute in der Region zu einem Partner geworden. Der gelernte Kfz-Mechatroniker arbeitet im Schichtdienst bei Becker Umweltdienste. Seinen Whatsapp-Status "Verfügbar" kann man gut und gerne als Lebensplan bezeichnen: Im "Tivoli" und der "Alten Mensa" in Freiberg, im Lauterbacher "Zeppelin", bei den Professorennächten in Dresden, Halle und Berlin … wo Leute ausgelassen und lange feiern und tanzen, dort findet der sympathische Freiberger seine Motive. Perfektioniert hat der Autodidakt seine Sportbilder. Hält natürlich am liebsten die Erfolge der Freiberger Handballer und Fußballer für die Ewigkeit fest. Er sei ein unkomplizierter Typ, ein Kollege, der mit offenen Augen durch die Welt geht - mit vielen Ideen, so beschreibt ihn Uwe Mann, Foto-/ Grafikchef bei der "Freien Presse": "Marcel hat einerseits sehr gute Kontakte und weiß deshalb auch wohl alles. Andererseits arbeitet er immer seriös und korrekt, trotz Faszination für die Aktion."

Mit der Fotografie beschäftigt sich Schlenki seit 2003. "In der ,Freien Presse‘ erschien am 5. Juni 2010 mein erstes Bild. Es zeigt Freiberger Studenten in kurzen Hosen und Badelatschen auf dem Fahrrad, wie sie über die geflutete Kreuzung Beethoven-/Leipziger Straße fahren, weil die Kreuzteiche wegen des anhaltenden Regens übergelaufen waren", sagt Marcel Schlenkrich. Sein erstes Foto von einem Feuerwehreinsatz? Das machte der Freiberger am 5. September 2010, als es bei der Firma Pyral an der Carl-Schiffner-Straße brannte. Drei Tage später begleitet er als Fotoreporter die Löscharbeiten an der Skaterbahn am Häuersteig. "Die Materie war anfangs schwierig für mich. Ich musste mir erst erarbeiten, was ich fotografieren darf und was nicht", so Marcel Schlenkrich weiter. Es sei äußerst wichtig, sich an die Spielregeln zu halten. Das heißt zum Beispiel an einem Einsatzort, Kontakt zu den wichtigsten Personen - dem Einsatzleiter der Feuerwehr oder der Polizei - aufzunehmen. Noch bevor man auf den Auslöser drückt. Die Einsatzkräfte schätzen die Arbeit des jungen Fotografen: Nicht selten ist seine Unterstützung gefragt, damit der Einsatz ausgewertet werden kann. Im aktuellen Fall aus Oederan nutzten auch die Brandursachenermittler seine Aufnahmen für ihre Arbeit.

Aber kann man die Bilder vom Unglücksort wirklich mental verarbeiten? "Zurzeit komme ich damit noch ganz gut zurecht. Wenn es mich zu sehr beschäftigt, spreche ich darüber. Aber es ist meine Arbeit: Schicke ich die Fotos weg, versuche ich es für mich abzuhaken." Noch sei bei den schweren Unfällen, von denen er im Auftrag der Tageszeitung sofort Fotos lieferte, keine Personen betroffen gewesen, die er kannte, sagt der junge Mann. "Das Krasseste bisher war für mich mein Einsatz am Unfallort, als in Oederan ein Motorradfahrer aus Freiberg tödlich verunglückt war."

Diese Bilder bleiben im Kopf. Zumal Schlenki selbst unheimlich gern Motorrad fährt: Im Sommer fährt der 33-Jährige gern mit der Aprilia zu den Fototerminen. Aber es müssen nicht immer 1200 Kubik sein: "Ich nutze auch den 125er-Roller. Mein Geheimtipp, wenn die Suche nach dem Parkplatz nicht zur Qual werden soll." Wenn es die Fotoaufträge zulassen, wird Schlenki von seiner Frau begleitet. Sie schätze seine Arbeit, habe ihn mit diesem zeitaufwändigen Hobby kennengelernt, sagt er. Nur bei Blaulicht-Aufträgen würde er seine Stefanie erst zurück nach Freiberg fahren. Ritual bei Schlenkrichs ist, dass es zum Abschied immer einen Kuss gibt. ",Schatz, ich bin zuhause‘, so melde ich mich, wenn ich zurück bin."

Dass er 2016 den Publikumspreis bei der Premiere "Beste Fotos Mittelsachsens" gewann, hat er in gewisser Weise seiner Frau zu verdanken. Sie saß auf dem Beifahrersitz, machte ihren Mann erst auf diesen romantischen Augenblick aufmerksam: Das Rot des Sonnenuntergangs hinter Schloss Augustusburg begeisterte die Leser der "Freien Presse": Sie wählten diese Aufnahme, die im November 2015 auf der Facebook-Fanseite "Freie Presse Flöha" veröffentlicht worden war, zu ihrem Lieblingsbild. Hundertfach geteilt worden war der Sonnenuntergang, fotografiert vom Hausdorfer Arm. Diese Aufnahme gehörte zu den 30 "Besten Fotos Mittelsachsens", die in einer Wanderausstellung im Landkreis gezeigt wurden.
Zu Schlenkis Werkzeug gehören eine Canon EOS Mark 4 und eine EOS 5D SR. Der Freiberger fotografiert grundsätzlich im RAW-Format, das heißt, er bearbeitet anschließend seine Aufnahmen - und das mit Lightroom, einer Software, die Profis wie Amateure gern nutzen. "In der Regel benötige ich eine Minute für die Bildbearbeitung." Sein Traum: Die Toten Hosen, seine absolute Lieblingsband, einmal vom Bühnengraben aus fotografieren …

Vier Mal ist der Fotograf zum Großbrand nach Oederan gefahren. Er begleitete die Einsatzkräfte auch noch mitten in der Nacht. Das unterscheidet ihn von den meisten anderen seiner Kollegen. "Die waren nur kurz da, haben die Bilder gesendet und waren wieder weg. So arbeite ich nicht: Die Feuerwehrleute, das THW und der Rettungsdienst, die alle ehrenamtlich arbeiten, haben meinen höchsten Respekt."

www.freiepresse.de/lieblingsbild

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