Reparatur am Herzen eines wertvollen Wasserrades von 1846

Es sind Bergbauenthusiasten, die den Freiberger Turmhofschacht bewahren. Er birgt eine Rarität, die nur durch Zufall wiederentdeckt wurde.

Freiberg.

Steil führt eine stählerne Treppe hinunter. Der Blick durch die Gitterstufen gibt eine nicht enden wollende Tiefe frei - kurzes Schwindelgefühl kommt auf. Ein schwach erleuchteter horizontaler in Stein gehauener Gang schließt sich an, Wasser tropft von den Wänden. Und schließlich eine Wendeltreppe: Noch tiefer geht es in den Turmhofschacht hinab. Hohl dringen Geräusche einer Motorsäge und Wortfetzen herauf - mit jeder Stufe wird das riesige Wasserrad besser sichtbar. Zehn Meter im Durchmesser misst es und steht nun still - umgeben von Feuchtigkeit in einer etwa 15 Meter hohen Radstube. In acht Metern Tiefe, an der Welle des Wasserrades - quasi an seinem Herzen - herrscht geschäftiges Treiben. Mitarbeiter der Muldaer Mühlenbaufirma Schumann schlagen Holzkeile in den Radzapfen der Welle.

"Die Keile stabilisieren alles wieder", erklärt Dr. Karl Heinz Eulenberger. Der sogenannte Spannring sei von der Radwelle heruntergelaufen, weil die alten Holzkeile morsch waren. Das etwa 20 Tonnen schwere Wasserrad hing leicht schräg im Schacht. "Ohne Reparatur wäre der Zapfen aus der Welle gebrochen und ein enormer Schaden entstanden", sagt der Bergmann, der Mitglied in der AG Pochwerksrad im Verein Himmelfahrt Fundgrube ist.

Mit einem Wagenheber haben die Mühlenbauer den hölzernen Koloss Zentimeter um Zentimeter angehoben und aus der ebenfalls verschlissenen Lagerung gehoben. Auch sie wird erneuert. In einigen Tagen, schätzt Eulenberger, kann das Wasserrad sich wieder drehen. Etwa 15.000 Euro koste die Reparatur, die von der Saxonia Stiftung vorfinanziert werde. "Die Stadt Freiberg hat uns für 2020 Unterstützung über Fördermittel in Aussicht gestellt", sagt Eulenberger, der dieses Jahr mit seinen AG-Mitgliedern mit dem Bürgerpreis der Stadt ausgezeichnet wurde. Denn die Bergbauenthusiasten vom Turmhofschacht erhalten eine Bergbauanlage, die offenbar in Vergessenheit geraten war.

"Das Wasserrad stammt von 1846. Es ist unseres Wissen das älteste funktionstüchtige im deutschen Bergbau", sagt Eulenberger. Das würde auch Mühlenbauer Gottfried Schumann unterschreiben. "Das Rad hat wirklich Seltenheitswert, besteht aus Lärchenholz und muss unbedingt erhalten werden", erklärt der Fachmann, der in ganz Deutschland und darüber hinaus Wasserräder gebaut hat. Auch im Turmhofschacht haben er und seine Mitarbeiter schon mehrfach Holzteile repariert.

Nun gehört das wertvolle Pochwerksrad im Turmhofschacht zum Weltkulturerbe. Einst aber trieb es mit Wasser aus dem Erzgebirge, das auch heute noch über das Kunstgrabensystem durch die Region geführt wird, die sogenannten Pochstempel in dem darüberliegenden Pochwerksgebäude des Turmhofschachtes an. Das in der Tiefe gewonnene Erz wurde damit aufbereitet. "Als der Davidschacht seinen Betrieb aufnahm, wurde 1879 die Arbeit im Pochwerk eingestellt", berichtet Eulenberger. Das Haus diente daraufhin als Wohnhaus. Und diejenigen, die darin lebten, hätten hin und wieder über eigenartige Geräusche aus der Tiefe berichtet. "Das muss das Wasserrad gewesen sein, das sich immer mal wieder etwas drehte", vermutet Eulenberger.

Im Jahr 1950 habe es die erste Befahrung des Schachtes nach Jahrzehnten gegeben, und das vergessene Rad geriet wieder in den Fokus. "In den 1980er Jahren legten es Studenten der Bergakademie frei, 1994/95 wurden ebenfalls durch die Bergakademie die Tragwerke (Stahltreppen) zur Radstube eingebaut", erklärt AG-Mitglied Dieter Illing, der als Bergingenieur tätig war. Die AG selbst hat im April 2014 den ersten Arbeitseinsatz gestartet - und seitdem unzählige Stunden und etwa 20.000 Euro investiert. "Unser Ziel ist, das Wasserrad für touristische Zwecke zu erhalten", sagt Klaus Timmel, ein weiteres AG-Mitglied. Zu bestimmten Tagen ist die Radstube für Besucher geöffnet - etwa 600 haben die Seltenheit schon gesehen.


Einst stattliches Ensemble

Der Turmhof Richtschacht, dessen Grubengebäude ab 1842 errichtet wurde, steht am Freiberger Stadtrand nahe der Dresdner Straße. Zum Ensemble gehörten einst Schachtgebäude mit Dampfförderanlage und Dampfkunstgezeuge, Scheidebank, Bergschmiede, Dampfwalzwerk, Setzwäsche, Pferdeeisenbahn und Erzwalzwerk. Eine Aufschlagrösche führt heute noch das Wasser auf das Wasserrad, das einst die Pochstempel im Pochwerk antrieb, wo das geförderte Erz zerkleinert wurde. Eine Tafel auf dem Gelände zeigt die Anlage des Turmhofschachtes von 1875. (an)

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