Waschbären - süß und doch eine Plage

Der nachtaktive Allesfresser ist auf dem Vormarsch. 1873Waschbären sind in der Jagdsaison 2017/18 in Mittelsachsen erlegt worden - 623 Tiere mehr als in der vorherigen Saison. Ein Großschirmaer fordert jetzt eine Fangprämie.

Freiberg/Großschirma.

Eine beliebige Nacht im August: Ein lautes Scheppern ist kurz nach Mitternacht zu hören. Der Familienvater, der mit Frau und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus am Rande des Rochlitzer Bergwalds lebt, schreckt aus dem Schlaf. Nicht schon wieder, sagt er sich. Erneut hat ein Waschbär die Mülltonne vor dem Haus ausgeräumt; trotz kiloschwerer Eisenstange, die mittlerweile den Deckel beschwert. Doch dem Wildtier gelang es offenbar, das Eisen wegzuschieben. Erst vor wenigen Tagen hatte ihn seine Frau aufgeweckt. "Du musst kommen, rasch", hob sie an. "Ich hab Angst." Die Rochlitzerin steht morgens um 4.30 Uhr auf. Gegen 5 Uhr fährt sie zur Arbeit -eigentlich. Doch diesmal hockte ein Waschbär vor der Haustür.

Sie sehen putzig aus. Doch die nachtaktiven Allesfresser entwickeln sich mittlerweile zur Plage. "Waschbären sind eigentlich überall im Landkreis verbreitet", sagt Kerstin Grosse, Vorsitzende des Jagdverbands Freiberg mit Mitgliedern in ganz Mittelsachsen. Als Heger ihrer Reviere sind die Jäger direkt von der Ausbreitung der so niedlich wirkenden Tierchen betroffen. "Die Zuwachsraten sind exponentiell", erläutert Kerstin Grosse. "Denn die Waschbären haben keine natürlichen Feinde." Die Situation sei durchaus ernst.

Denn dadurch, dass Waschbären hervorragend an viele denkbare Umweltbedingungen angepasst sind, fallen ihnen Vertreter vieler geschützter Arten zum Opfer. Die Waschbären bevorzugen für ihr Revier Orte, an denen sie ihre Jungen aufziehen. Das können Höhlen sein, dunkle Löcher, Dachspalten, aber auch Zwischenböden. Für den Mensch mache sich das mit Schäden in seiner Umgebung bemerkbar. "Aber die Auswirkungen für die Natur halte ich für weit schwerwiegender", sagt Grosse. Bodenbrüter, Kleinsäuger - niemand sei vor den Waschbären sicher.

Obendrein kommen die Tiere den Jägern selten zufällig vor die Flinte. "Sie sind nachtaktiv", erläutert Kerstin Grosse. "Selbst wenn ich einen entdecken würde, dürfte ich nicht abdrücken. Denn dafür kann ich sie zu schlecht sehen. Dann ist der Abschuss verboten." Fallen seien die einzige Möglichkeit, die Tiere loszuwerden.

Gunther Zschommler ist der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer Sachsen. Der Großschirmaer Landwirt bezeichnet den Waschbären als "einen großer Räuber, der auch immense Schäden an Gebäuden anrichtet". "Der Waschbär kann eigentlich alles außer fliegen", so Zschommler. Das Tier plündere die Gelege von Greif- und Singvögeln genauso wie von Enten und Rebhühnern. Laut Zschommler stellt der Waschbär "gerade für Kleintierhalter eine Herausforderung beim Schutz der Hühner, Enten und Kaninchen dar". Der Waschbär sei "kein Problem der Jäger allein, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem". Deshalb fordert Zschommler eine Fangprämie.

Im Landratsamt haben 2018 laut Sprecherin Cornelia Kluge Anfragen von Bürgern und Gemeinden zum Umgang mit dem Waschbären im Vergleich zu Vorjahren zugenommen. Die Behördenmitarbeiter geben dann Hinweise, beispielsweise, dass Speisereste nicht auf den Gartenkompost gegeben und verschließbare Schnellkomposter genutzt und Mülltonnen mit Spanngummis gesichert werden sollten. Zudem werde der Kontakt zu Jägern vermittelt. Eine Statistik zu erlegten Tieren nach Gemeinden und Altkreisen sei erarbeitet worden. "Unstrittig ist, dass der Waschbär sich immer mehr ausbreitet und sich der Bestand deutlich erhöht hat", so Kluge. In den nördlichen Altkreisen würden mehr Waschbären erlegt als im Altkreis Freiberg. Kluge: "Dies könnte einerseits aussagen, dass es in den dortigen Gemeinden mehr Waschbären gibt. Andererseits könnte dies auch bedeuten, dass es dort aktivere Raubwildjäger gibt."

Für den "Feind im Garten", wie der Rochlitzer sagt, will er sich nun eine Lebendfalle zulegen. Das Wildtier soll dann ein befreundeter Jäger zur Strecke bringen. Bei Freunden hätte das ebenfalls geklappt.


Nachtaktive Allesfresser

Der Waschbär zählt in Deutschland zu den Neozoen. Das sind Tierarten, die unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsareal in neue Lebensräume gelangt sind.

In Mittelsachsen ist die Population von Waschbären regional sehr unterschiedlich. Beim Waschbär stiegen die Abschüsse von 1250 (Jagdsaison 2016/17) auf 1873 (2017/18). In Döbeln wurden 2017/18 rund 220 Waschbären erlegt, in Hartha 150, in Leisnig über 130, in Roßwein etwa 80. In Freiberg wurden weniger als zehn Waschbären zur Strecke gebracht, in Reinsberg fast 70, in Großschirma über 60, in Niederwiesa über 30 und in Flöha 10. In Geringswalde wurden über 90 Waschbären erlegt, in Mittweida fast 80, in Rochlitz nahezu 60 und in Königshain-Wiederau mehr als 30.

Auf Wildtiere schießen dürfen in der Regel nur Jäger mit gültigem Jagdschein. Laut Jagdverband ist der Waschbär in fast allen deutschen Bundesländern ganzjährig jagbar.

In Hofräumen oder Hausgärten dürfen Grundstückseigentümer auch ohne Jagdschein Waschbären fangen und sich aneignen.

Um die Verbreitung einzudämmen, wird empfohlen, Fenster, Schlupflöcher und Katzenklappen zu verschließen, um den Tieren keine Schlafmöglichkeiten zu bieten. Außerdem sollten Mülltonnen fest verschlossen, Abfalleimer regelmäßig geleert werden. Katzen und Hunde sollten nicht im Freien gefüttert werden. Wer eine Falle aufstellen will, muss im Vorfeld klären, was mit dem Tier passiert, wenn es gefangen wurde. (cor/hh)

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