Weihnachten ohne Glockenklang

Wie viele Jahre wird das so sein? Das fragen sich die Frauensteiner. Denn eine Fachfirma hat vor wenigen Tagen auch die letzte Glocke im Kirchturm stillgelegt - Gefahr in Verzug, heißt es. Der Wunsch sind neue Bronzeglocken.

Frauenstein.

Ein Weihnachtsabend ohne festliches Glockengeläut - das ist kaum vorstellbar. In Frauenstein aber wird es dieses Jahr so sein: Seit 16. November schweigt auch die letzte Glocke im Turm der Stadtkirche. Das Joch ist gerissen, sie wurde von Fachleuten stillgelegt.

Bislang hatte wenigstens die eine noch zu Gottesdiensten und kirchlichen Festen gerufen sowie dreimal am Tag für je drei Minuten geläutet. Doch auch das ist Geschichte. Was bleibt, ist lediglich das Anschlagen der Glocke mit einem Hämmerchen, um den Frauensteinern die Viertelstunden anzuzeigen - mehr nicht.

"Ich habe beim Läuten ein Geräusch gehört und dachte mir, dass etwas nicht stimmen kann", sagt Rita Schanz, Mitarbeiterin im Frauensteiner Pfarramt. Daraufhin verständigten Pfarrer Daniel Wüst und sie die Heidenauer Glockenläute- und Elektroanlagenfirma Thumsch, die alljährlich die Frauensteiner Glocken wartet. Geschäftsführer Andreas Thumsch entschied daraufhin, nun auch die letzte der drei Hartgussglocken stillzulegen. Er bestätigt, dass deren Joch gerissen ist, sie nicht mehr schwingen darf. "Es handelt sich um dynamisch tragende Teile, deshalb muss beim kleinsten Riss stillgelegt werden", erklärt er die strengen Vorschriften. Mögliche Gefahren für das Leben sind auszuschalten. Nun komme es auf die Fachleute in der evangelischen Landeskirche an, das Weitere festzulegen. Laut Andreas Thumsch stellt sich die Frage, provisorisch zu reparieren und somit schnell zu helfen oder das gesamte Geläut zu erneuern.

"Das alles ist für uns ein richtiger Schock", sagen die Frauensteiner Kristina Albani und Hans-Jürgen Schulze. Und dass in der Stadt nun voraussichtlich für längere Zeit kein Geläut zu hören sein wird, will noch niemand so recht glauben. "Das Geläut gehört zum Leben in der Stadt dazu. Nicht nur zu Gottesdiensten, Fest- und Feiertagen, zu Hochzeiten, Beerdigungen fehlt etwas", sagt Hans-Jürgen Schulze. "Wir sind damit aufgewachsen. Als samstags noch Schule war, läuteten 12 Uhr die Glocken. Das hieß: Jetzt ist Wochenende", fügt Kristina Albani an. Beim Läuten 18 Uhr schließen die Geschäfte, auch die Kinder wissen, dass sie nun nach Hause müssen, beschreibt sie weitere, seit Jahrzehnten lieb gewonnene Gewohnheiten.

Dabei erklang in Frauenstein schon lange nur noch eine Glocke. Denn die beiden anderen schweigen bereits seit Januar 2010, weil auch deren Joche gerissen sind. Den Grund sehen die Frauensteiner Mitglieder einer Interessengruppe, die sich jetzt spontan gegründet hat, in folgendem: "Im Jahr 1987 wurde der hölzerne Glockenstuhl aus dem Kirchturm ausgebaut und einer aus Stahl eingesetzt. Damals erhielt das Geläut eine Elektrik, damit es nicht mehr von Hand geläutet werden musste", erzählt Friedmar Altwein, der die Frauensteiner Chronik schreibt und ebenfalls zur Interessengruppe gehört. Zu jener Zeit allerdings waren die Frauensteiner stolz darauf, denn diese Elektrik kam - zur damaligen DDR-Zeit - als Spende aus der westdeutschen Partnergemeinde Lindhorst. Allerdings: Der eingebaute stählerne Glockenstuhl ist direkt mit dem Mauerwerk verbunden worden. "Dadurch werden die Schwingungen der Glocken direkt auf den Turm übertragen", wie Ulrich Großmann erklärt. Der Mechaniker gehört ebenfalls zur Interessengruppe und steigt heute noch allabendlich auf den Kirchturm, um die von 1872/73 stammende Turmuhr aufzuziehen. Nach seinen und den Worten Friedmann Altweins gibt es Schäden sowohl an den Glocken, am Glockenstuhl und auch am Boden, auf dem der Glockenstuhl steht. Zu verstehen ist es für die Frauensteiner dennoch schwer. Erhielt doch der Kirchturm während der von 1989 bis 1998 dauernden Sanierung der Stadtkirche ebenfalls eine Kur. "Er ist mit Stahlträgern stabilisiert worden", erläutert Rita Schanz. Sie und die anderen Mitglieder der Interessengruppe wissen, dass nun auf die Kirchgemeinde ein riesiges Vorhaben zukommt. Das Ziel: drei neue Bronzeglocken für die Stadtkirche.

Eine Bronzeglocke hat Frauenstein noch. Sie gehört zu den ehemals vier Glocken, die 1872 in der Dresdner Werkstatt durch J. G. Große gegossen wurden, und steht in der Kirche. Die drei anderen wurden im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt und eingeschmolzen. Ein Dokument von 1950 im Pfarramtsarchiv weist als Information der Zinnwerke Wilhelmsburg aus, dass sie nicht zu den historisch wertvollen Glocken gehörten.

Bis zum Januar 1952 mussten die Frauensteiner dann warten, bis im Kirchturm ein neues dreistimmiges Geläut ertönen konnte. Bronzeguss kam wegen des fehlenden Materials nicht in Frage, so erreichten drei in Apolda in Hartgusseisen gegossene Glocken die Erzgebirgsstadt.

Schon 2012, nach Ausfall der ersten beiden Glocken, ließ der damalige Pfarrer Martin Schanz ein Projekt zur Anschaffung drei neuer Bronzeglocken samt dazugehöriger Teile wie Glockenstuhl und -boden erstellen. Die Kostenschätzung lag laut der Interessengruppe bei etwa 176.000 Euro. Diese Summe dürfte nun nicht mehr ausreichen. "Der nächste Schritt ist, die Fachleute ins Boot zu holen", sagt Rita Schanz.

Christian Schumann, Beauftragter für Glockenwesen in der evangelischen Landeskirche Sachsen, weiß seit Donnerstag dieser Woche von der Situation in Frauenstein. Er und der Baupfleger im Regionalkirchenamt Dresden fassen einen Termin zum Beginn 2020 ins Auge, um sich vor Ort ein Bild zu machen. "Nach der Bestandsaufnahme ist ein fundiertes und leistbares Instandsetzungskonzept zu erarbeiten", sagt er. "Ziel wird sein, der Kirchgemeinde zu einem schönen, dauerhaften Glockengeläut zu verhelfen", blickt Christian Schumann voraus.

Wenn klar ist, was getan werden muss, hoffen die Frauensteines nicht nur auf Fördermittel über verschiedene Institutionen für neue Glocken. Sie legen auch selbst nicht die Hände in den Schoß. Schon seit 2012 gibt es ein Spendenkonto, auf dem Geld für das Vorhaben gesammelt wird. "Bis jetzt sind reichlich 12.000 Euro zusammengekommen. Wir hoffen, dass es sich weiter füllt", sagt Kristina Albani. Sie ist zugleich Ansprechpartnerin für weitere interessierte Mitglieder der noch jungen Interessengemeinschaft für die Frauensteiner Kirchenglocken. "Wir brauchen jede Hilfe und haben den Wunsch, dass die neuen Kirchenglocken 2022 zu Weihnachten läuten."

Kontakt Pfarramt Frauenstein, Telefon 037326 1290.

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