"Wir möchten hier alt werden"

Mein Reinsberg: Familie König ist vor 20Jahren in das Dorf gezogen und geblieben. Das Ehepaar schätzt, dass im Ort ganz viel auf Eigeninitiative fußt. Und dass der Sternenhimmel hier viel heller leuchtet.

Reinsberg.

Annett und Matthias König zogen vor über 20 Jahren - blutjung und unverheiratet - nach Reinsberg, und sie blieben. Inzwischen steckten sie sich Eheringe an, bekamen zwei Kinder, kauften ein geräumiges altes Haus, sanierten es und genießen jeden Tag auf ihrem großen Grundstück. "Wir suchten ruhiges Wohnen in der Nähe der Autobahn", sagt er. "Hier begegnest du Menschen und erlebst Geschichten, die du in der Stadt nie hast", sagt sie. "Wir hätten wieder wegziehen können, aber wir wollten die Gemeinschaft, und unsere Kinder sollten auf dem Dorf aufwachsen."

Für beide hat Reinsberg alles, was sie von einem Dorf erwarten: eine gewisse Infrastruktur und Natur. Ein Bäcker und die Schulbushaltestelle sind gleich vor der Haustür, groß einkaufen fahren sie nach außerhalb. Doch das stört die Familie nicht. Sie schätzt das Miteinander im Ort, die Abgeschiedenheit und die Nähe von Wald und Bobritzsch, und dass der Sternenhimmel in einer milden Nacht viel besser zu sehen ist als in einer lichtdurchfluteten Stadt.


Annett König muss jeden Tag etliche Kilometer zur Arbeit fahren: Sie leitet die Medizinische Berufsfachschule des Klinikums Chemnitz - mit 600 Schülern und acht Ausbildungsrichtungen. Nach Hause kommt sie immer spät, doch dann sitzt sie mit der Familie am Tisch im Grünen, und der Stress des Tages ist vergessen. Hohe Bäume, eine riesige Wiese, nebenan Pferde auf der Weide, nah am Sitzplatz ein selbst gepflanzter Walnussbaum und rundherum der Blick auf Häuser, die aus unendlichem Grün hervorlugen. Das Paradies lässt grüßen.

"Klar, dort, wo es eine alteingesessene Gemeinschaft gibt, musst du erst ankommen", so Annett König. Doch das hat die Familie längst geschafft. "Ich habe vorhin erst mit dem Nachbarn darüber geredet, wann wir gemeinsam die Bäume an unseren Grundstücken schneiden", bemerkt Matthias König, der einst dienstlich viel nach Dresden fahren musste, jetzt aber weitgehend daheim arbeitet.

Das Paar wirkt im Schützenverein mit, und sie ist zusätzlich Mitglied im noch jungen Badverein. Fünf Jahre war Annett König Ortsvorsteherin in Reinsberg. "Ich wollte dem Dorf etwas zurückgeben", blickt sie zurück. "Viele Gespräche mit den Leuten, die Besuche zu Geburtstagen, da lernst du alle kennen. Ich habe die Menschen lieben gelernt und auch private Ängste und Sorgen mit getragen." Sie schätzt es, dass im Ort ganz viel auf Eigeninitiative fußt. So veranstalten die Reinsberger zum Beispiel jährlich einen Weihnachtsmarkt auf dem Dorfplatz, an dem sich Bewohner aller Ortsteile beteiligen. Von einem Rock'n'Roll-Fest am Rittergut, das erst jüngst stattfand, schwärmt die 43-Jährige ebenso.

Auch das nahe Freiberg, über die historische Altväterbrücke in wenigen Minuten zu erreichen, kommt der Familie zugute. Sohn Adrian spielt im Bergmusikkorps Saxonia die erste Klarinette, Mutter Annett das erste Tenorsaxophon, und auch Vater Matthias mischt ab und zu mit. Während es den Sohn erst einmal zum Studium nach Leipzig zieht, kann sich die jüngere Tochter Emilia noch nicht vorstellen, das Familienhaus in Reinsberg zu verlassen. Sie möchte auch als Erwachsene weiter hier wohnen. Dem Mädchen gefällt, dass es im Dorf nicht so viele Leute wie in der Stadt gibt, dass sie schnell im Wald ist und dass sich die Familie Haustiere halten kann. Hund Benni ist das aktuelle.

"Wir möchten hier alt werden", fasst Annett König zusammen. "Die Kinder lieben es, auf dem Dorf zu wohnen, und wir auch." Und so werden die Königs noch viele Reinsberger Geschichten erzählen können.

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1Kommentare
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  • 0
    0
    Juri
    18.09.2019

    Danke für die Mut machenden Einblicke. Es tut gut auch mal etwas ehrlich Aufbauendes, Fröhliches, etwas von Gemeinschaft und dem dort ankommen zu lesen.



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