Habenje Autobauergestreikt,weil sie ablehnten, was sie bauten?

Gab es in der Geschichte des Automobilbaus schon einmal den Fall, dass die Belegschaft eines Werkes sich geweigert hat, ein bestimmtes Modell zu bauen? Sei es weil das Fahrzeug zu hässlich oder beispielsweise einfach zu altmodisch war? (Diese Frage hat Steffen Köhler aus Zwickau gestellt.)

Das wäre wohl ein einmaliger Vorgang, aber ich habe keine Belege dafür gefunden, dass derlei je vorgekommen wäre. Wenn, dann hätte das ja etwa in Zwickau selbst passieren können, wo der Trabant von 1964 bis 1988 ohne wesentliche technische Veränderungen gebaut wurde. Aber im Sozialismus gab es ja bekanntlich keine Streiks, da alle Betriebe volkseigen waren, sich also nach offizieller Lesart jeder Streik gegen die Arbeiterklasse selbst gerichtet hätte.

Allerdings ist mir in Zwickau selbst mal in Gestalt des Diplomingenieurs Detlef Neumann ein ehemaliger Mitarbeiter der Abteilung Karosserieentwicklung des VEB Sachsenring begegnet, des Werks also, in dem der Trabant hergestellt wurde. Er erzählte mir, er habe um 1988, zu der Zeit, in der dort die "neue" Karosserie für den Viertakter-Trabant 1.1 entwickelt wurde, aus freien Stücken seinen Dienst bei Sachsenring quittiert. Im Gespräch bezeichnete der heutige Mitarbeiter des Instituts für Kraftfahrzeugtechnik an der Westsächsischen Hochschule Zwickau das Nachfolgemodell des als Übergangslösung konzipierten Trabant P 601 wörtlich als "geschminkte Leiche": "Man hat von den Ingenieuren verlangt, in ein völlig veraltetes Karosseriekonzept ein modernes VW-Antriebsaggregat einzubauen, bei geringstmöglichen Kosten. Und warum? Weil man sich Kraftstoffersparnis versprach. Am Ende war ein neuer Karosseriekörper nötig, um diesen Unfug zu bewerkstelligen. Die Außenform konnte man jedoch nicht ändern, aerodynamisch also nichts tun. Aber spätestens ab Tempo 70 hat Aerodynamik großen Einfluss. Da kann man als Techniker nur graue Haare kriegen." Dabei hatten die Karosserieentwickler bei Sachsenring über Jahre richtungsweisende Prototypen erarbeitet, über denen jedoch das Politbüro stets den Daumen senkte. Den Trabant P 603 etwa, einen Zweitürer mit Vollheck, 1967.

Anders als oft behauptet, war das indes weder europa- noch deutschlandweit das erste Auto dieser Bauart. Den Renault 16, der bis 1980 gebaut wurde, gab es bereits 1965. Im selben Jahr kamen die Italiener mit dem Autobianchi Primula im Kleinwagensektor auf den Markt, und auch der Glas 1004 CL fuhr in Westdeutschland bereits, als der P 603 erst Prototyp war. Fazit: Es ist zwar Legende, VW habe den Golf, präsentiert 1974, vom nie gebauten Trabant P 603 abgekupfert. Aber fest steht, dass die Sachsenringer mehr konnten als sie durften. (tk)

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