Kann der deutsche ICE mit Frankreichs TGV konkurrieren?

Welche Pläne verfolgt die Deutsche Bahn hinsichtlich von Hochgeschwindigkeitsstrecken in Deutschland, die mit dem TGV in Frankreich vergleichbar wären? (Diese Frage hat Gerald Hirscht aus Reichenbach gestellt.)

Von Hamburg nach Berlin in 80 Minuten, von Berlin nach Frankfurt in drei Stunden und von München nach Hamburg in vier Stunden und zwanzig Minuten - diese Fahrzeiten wären durchaus möglich, würden die Städte in Frankreich liegen und mit einem TGV (Kürzel für Train à Grande Vitesse, Hochgeschwindigkeitszug) verbunden sein. Warum sieht ein ICE im Vergleich zu seinem französischen Gegenstück so viel schlechter beziehungsweise langsamer aus? Die Antwort: Es handelt sich um eine Kombination aus geografischen und demografischen Voraussetzungen sowie politischen Unterschieden.

Zunächst: Frankreich ist für schnelle Züge geografisch wesentlich besser geeignet als Deutschland. Die wichtigsten TGV-Strecken führen von der Hauptstadt Paris aus (im Uhrzeigersinn) nach Lille, Strasbourg, Lyon, Marseille, Bordeaux und Rennes. Zumeist durchqueren sie dabei relativ ebenes Gelände. Ideal geeignet, um Hochgeschwindigkeitsstrecken für den TGV relativ kostengünstig zu bauen - ohne viele Tunnel zum Beispiel.

Zudem spielt die Verteilung und Dichte der Bevölkerung eine Rolle. Frankreich ist von der Fläche anderthalbmal so groß wie Deutschland, hat aber 16 Millionen weniger Einwohner. Von denen leben fast 20 Prozent im Großraum Paris. Frankreich hat keine weitere Millionenstadt, Deutschland insgesamt vier. Frankreich hat 40 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, Deutschland 81. Frankreich ist also wesentlich weniger dicht besiedelt; man muss weniger Städte an ein schnelles Streckennetz anbinden und weniger Rücksicht auf Anwohner nehmen.

Als sich sowohl in Frankreich, als auch in der (alten) Bundesrepublik in den 1980er-Jahren die Politik Gedanken über Schnellfahrstrecken machte, fielen - aufgrund dieser unterschiedlichen Voraussetzungen - zwei vollkommen unterschiedliche Grundentscheidungen. Frankreich setzte auf ein System von Hochgeschwindigkeitsstrecken, die ausschließlich vom TGV befahren werden. Dadurch können schon einmal wesentlich höhere Geschwindigkeiten erreicht werden, da keine Rücksicht auf Güter- oder Nahverkehrszüge genommen werden muss. Außerdem wurden nur die wichtigsten Städte angeschlossen. So gibt es zum Beispiel eine Verbindung von Paris über Lyon nach Marseille, aber auch eine an Lyon vorbei. Auf dieser Strecke gibt es zwischen den beiden größten französischen Städten keinen einzigen Halt. Der TGV erreicht hier Geschwindigkeiten von 320 Kilometer pro Stunde - die 765 Kilometer lange Strecke absolviert er in drei Stunden und elf Minuten.

In der Bundesrepublik fiel diese Grundentscheidung anders aus. Ein separates Hochgeschwindigkeitsnetz wäre im dicht besiedelten Land zu teuer oder an vielen Stellen auch technisch gar nicht möglich gewesen. Zudem wollte man so viele Großstädte wie möglich anschließen. Deshalb nutzen ICE und andere Personenzüge sowie der Güterverkehr oft die gleichen Strecken. Wirkliche Schnellfahrstrecken, auf denen auch der ICE 300 km/h erreicht, gibt es nicht viele. Oft darf er nur mit 160 oder 200 km/h fahren. So fahren auf der Ende 2017 eröffneten Strecke von Berlin über Erfurt nach München die ICE auf der Schnellfahrstrecke im (und unterm) Thüringer Wald 300 km/h. Dennoch beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit des ICE auf die gesamte Strecke gerechnet nur 150 km/h.

Hinzu kommt, dass das Managen dieser vielen Züge ein enormer organisatorischer Aufwand ist. Um bei kleinsten Störungen im Ablauf nicht sofort in die Verspätung zu fahren, hat ein ICE relativ viel Pufferzeit im Fahrplan einkalkuliert. Auf der Strecke von Hamburg nach München sind das teilweise bis zu 60 Minuten. Dieser Puffer führt gerade auf dieser Strecke nicht selten dazu, dass ein ICE deutlich früher als nach Fahrplan ankommt. So erreichte im März 2019 ein ICE aus Hamburg ganze 28 Minuten früher den Münchner Hauptbahnhof als vorgesehen. Die Fahrt fand an einem verkehrsärmeren Sonntag statt - der Puffer war im vollen Umfang einfach nicht nötig. (kaip)

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