Seit wann gibt es Kreisverkehre?

(Diese Frage hat Angelika Grau aus Glauchau gestellt.)

Kreisverkehre wie wir sie heute kennen, entstanden zuerst um die Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert. Prominente Beispiele sind etwa der 1904 in New York City an der westlichen Ecke des Central Park entstandene Columbus Circle mit rund 88 Metern Durchmesser und sechs darauf zulaufenden Straßen, darunter der Broadway, sowie in Paris der 1907 rund um den Arc de Triomphe angelegte Platz mit umlaufender Straße, der heute nach dem ehemaligen Staatspräsidenten und Weltkriegsveteranen Charles de Gaulle benannt ist. Er hat einen Durchmesser von rund 120 Metern, und es treffen dort zwölf Straßen aufeinander, darunter die Avenue de Champs-Élysées.

Das sind vielleicht die prominentesten Beispiele. Aber der mutmaßlich älteste Kreisverkehr liegt - in Sachsen. Es handelt sich um den Brautwiesenplatz am westlichen Rand der Innenstadt von Görlitz, der bereits 1899 angelegt wurde. Auf einer historischen Karte von 1903, die im Internet einsehbar ist, hat der Platz offenbar auf seiner westlichen Seite schon eine Mittelinsel, von der halb ringförmigen Straße dahinter gehen von Norden bis Süden fünf Straßen ab, eine sechste kommt von Osten, trifft aber auf eine Freifläche, die etwa die Hälfte des Platzes ausmacht. Heute ist der Brautwiesenplatz ein klassischer Kreisverkehr mit kreisrunder, baumbestandener Mittelinsel und 60 Metern Durchmesser. Und die macht den Kreisverkehr aus, weil sie verhindert, dass man von einer Straße in die gegenüberliegende einfach gelangt, indem man den Platz geradewegs quert, was bei erhöhtem Verkehrsaufkommen recht riskant wäre. Das ist schließlich dem Kreisverkehr eigen: Dass man von einer Straße kommend den Platz bei Rechtsverkehr entgegen dem Uhrzeigersinn sicher vor kreuzenden Verkehrsteilnehmern umrundet, um irgendwo abzubiegen. Oder, sehr praktisch, elegant zu wenden.

Deswegen kann auch eine andere prominente heutige Verkehrseinrichtung nicht als historisches Beispiel dienen. Und auch nicht mehr als aktuelles: Der Große Stern in Berlin, in dessen Mitte die Siegessäule mit der "Goldelse" steht. Denn der Platz wurde, ursprünglich viel kleiner, im Tiergarten Ende des 17. Jahrhunderts als Jagdstern angelegt, als Punkt, an dem mehrere Wege sternförmig zusammenliefen. Eine Mittelinsel erhielt er erst in den 1910er-Jahren. Sein heutiges Aussehen bekam der Platz 1938, als er bedeutend erweitert und die zuvor vor dem Reichstagsgebäude platzierte Siegessäule dorthin versetzt wurde. Der Große Stern hat von Bordstein zu Bordstein rund 180 Meter Durchmesser. Und ein echter Kreisverkehr ist er insofern heute nicht mehr, als Ampeln seine Zu- und Durchfahrt regeln. Wie es inzwischen auch beim Columbus Circle der Fall ist - im Gegensatz zum Pariser Place Charles de Gaulle. Dort sind die Autofahrer noch ganz auf sich und gegenseitige Rücksichtnahme gestellt..

Unbestritten dürfte sein, dass so ein Kreisverkehr eine praktische Sache ist. Dort, wo es an einer klassischen Kreuzung aus zwei Straßen 32 Punkte gibt, an denen Verkehrsteilnehmer aus unterschiedlichen Richtungen miteinander in Konflikt geraten können, sind es im vergleichbaren Kreisverkehr nur vier. Hinzu kommt, dass er, um ihn sicher zu durchqueren, langsam passiert werden muss und so etwaige Unfälle, die dennoch immer geschehen können, glimpflicher ablaufen. Das Problem, manche Kreuzung zum Kreisverkehr umzubauen, liegt allerdings häufig darin, dass dieser mehr Platz benötigt - speziell, wenn Schleppkurven für große Lkw und Omnibusse zu berücksichtigen sind.

In Deutschland waren Kreisverkehre in der Nachkriegszeit zunächst gang und gäbe, wurden aber in der Nachkriegszeit häufig - man hatte es ja - zu Ampelkreuzungen umgebaut. Anders zum Beispiel in Frankreich, Spanien und Großbritannien, wo Kreisverkehre weiterhin gebaut wurden. In letzterem Land werden sie wegen des Linksverkehrs im Uhrzeigersinn befahren. Besonders Frankreichreisende, die dort Auto fahren, erleben die Grande Nation vom kaum zur Ruhe kommenden Lenkrad aus als das Land der "Ronds-Points" - und liegen damit gar nicht mal so falsch: Mit 20.000 Stück sind zwischen Brest, Calais, Straßburg, Nizza und Toulouse die Hälfte aller weltweit bestehenden Kreisverkehre verbaut. (tk)

3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Zeitungss
    11.09.2019

    @994...: In Italien, wie auch in anderen südlichen Ländern, regelt die Vorfahrt die lauteste Hupe. Beim Fahrzeugkauf kommt es dort nicht auf die Motor- sondern die Hupenleistung an.

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    Nixnuzz
    11.09.2019

    @994374: Wenn keine Disziplin oder Rücksicht angewandt wird nützen die besten vorschriften nix. Rot über die Ampel wäre vergleicbar. Hier aber Kreuzungen verampelt ohne ausser zu Spitzenzeiten was regeln und bei leerer Kreuzung blöd rumstehen und dann wieder 1x Getriebe umrühren und durch die Mindestdrehzahlen beschleunigen. B62 bei Alsfeld hoch bis nach Olpe geht sowas. Vielleicht hier mal die Verkehrsteilnehmer abstimmen bzw. zählen lassen, welche Kreuzung sinn machen würde - inklusive Anwohner.

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    994374
    11.09.2019

    Kam eben wieder aus Italien zurück.
    Fand Kreisverkehre dort früher prima, aber sie werden immer unübersichtlicher…
    Obwohl es offiziell nur eine Spur gibt, versuchen bei der Ausfahrt manche Nachfolger einen noch rechts zu überholen, was zu Kollisionen führen kann.
    Wenn der Kreisverkehr breit genug ist, fahren manche innen und fahren von dort raus, wobei sie die rechts Fahrenden schneiden.
    Ähnliches ist mir an einer Kreuzung beim scharf Linksabbiegen passiert. Da versucht doch mein Nachfolger (es gab nur eine Spur) tatsächlich, mich beim Abbiegen links zu überholen, was ebenfalls fast zu einer Kollision geführt hätte.
    Und dabei fahre ich seit Jahrzehnten nach Italien. Das wird gefühlt immer schlimmer.
    Weitere Beispiele erspare ich mir.



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