Stimmt es, dass der DDR-Sandmann "Ballonverbot" hatte?

Das Titelfoto in der "Freien Presse" zu dem jetzt angelaufenen Film über die Ballonflucht aus der DDR 1979 hat bei mir eine Erinnerung geweckt. Als damals in den West-Medien über die gelungene Flucht berichtet worden war, glaube ich mich zu erinnern, dass an diesem Abend der DDR-Sandmann mit einem Ballon geflogen kam. Darüber haben wir uns sehr gewundert und recht gehässig geschmunzelt. Könnte Onkel Max herausfinden, ob meine Erinnerung richtig ist und wenn ja, was mit den verantwortlichen Programmgestaltern geschah? (Diese Fragen hat Siegfried Franz aus Oelsnitz/E. gestellt.)

Lieber Herr Franz, wenn Sie sich nicht selbst daran erinnern würden, dann täte ich das zunächst mal als populäre Legende aus DDR-Zeiten ab - weil der Vorgang für ein staatlich gelenktes Massenmedium so unglaublich erscheint. Aber meine Internetrecherchen bestätigen Ihre Erinnerung. Was natürlich auch noch nicht bedeutet, dass es stimmt. Dort heißt es, der Sandmann-Spot mit dem Fesselballon sei zwei Tage nach Bekanntwerden der Flucht der Pößnecker Familien Strelzyk und Wetzel aus der DDR in den Westen mit eben diesem Verkehrsmittel gesendet und dessen weitere Ausstrahlung danach von den zuständigen Organen der DDR-Medienkontrolle verboten worden . Es gibt sogar ein Foto aus dem Bundesarchiv von einem Ballon-Spot mit dem Sandmann, das allerdings auf 1984 datiert ist und offenbar zum 25. Geburtstag der Sendereihe erschien. Aber ob das der Spot war? Welcher Leser erinnert sich noch an den Sandmann im Ballon? Bitte melden!

Was die Folgen angeht: Ich habe mich im Studium ausgiebig mit Medienmechanismen in der DDR beschäftigt und kann von daher zumindest so viel sagen: Wurde der Clip tatsächlich so direkt nach der Ballonflucht gesendet - über die in den DDR-Medien ja eisern geschwiegen wurde! - dann dürfte es in der Sandmann-Redaktion des Fernsehfunks mächtig Stunk gegeben haben. Ob gleich Köpfe gerollt sind, ist eine andere Frage. Ich habe zwar versucht, TV-Verantwortliche von damals zu erreichen, die es wissen müssten, es ist mir jedoch bis Redaktionsschluss nicht gelungen.

Hätte man den Verantwortlichen auch kaum böse Absicht nachweisen können, ist eine disziplinarrechtliche Maßnahme doch denkbar. Derlei passierte etwa auch 1981 dem Chefredakteur des "Eulenspiegel", Gert Nagel, weil er ein Heft mit einer Titelkarikatur von Manfred Bofinger hatte passieren lassen. Darin rechtfertigte ein Bockwurstverkäufer eine Preiserhöhung damit, dass seine Bockwurst-Neukreation vier statt zwei Zipfel habe, was die Gebrauchs-eigenschaften enorm verbessere. SED-Wirtschaftslenker Günter Mittag soll getobt haben. Derlei Satire, hieß es, würdige die Preispolitik der DDR-Regierung herab. Der noch nicht zum Leser gelangte Teil der Auflage wurde von der Stasi eingesammelt und eingestampft: Die Kosten für die Rückholaktion stellte der SED-eigene "Berliner Verlag" anteilig Gerd Nagel in Rechnung. (tk)

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